Sertralin gehört zu den am häufigsten verordneten Antidepressiva in Deutschland — und das zurecht. Es ist gut verträglich, vielseitig einsetzbar und hat einige Vorteile gegenüber anderen Medikamenten seiner Klasse. In diesem Artikel erkläre ich dir, was du über Sertralin wissen solltest: wie es wirkt, wann es eingesetzt wird, welche Nebenwirkungen auftreten können und welche Erfahrungen ich als Psychiater damit gemacht habe.
Wenn du lieber ein Video anschauen möchtest, findest du mein ausführliches Video zu Sertralin hier:
Was ist Sertralin?
Sertralin (Handelsname z. B. Zoloft) ist ein selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und seit 1997 auf dem deutschen Markt erhältlich. Es gehört damit inzwischen zu den Youngtimern der Antidepressiva — lange genug auf dem Markt, damit wir seine Stärken und Schwächen sehr gut kennen.
Lange war Citalopram das meistverordnete SSRI in Deutschland. Seitdem aber bekannt wurde, dass Citalopram die QTc-Zeit im EKG verlängern kann — und damit ein gewisses Risiko für Herzrhythmusstörungen birgt — greifen viele Psychiater und Hausärzte wieder häufiger zu Sertralin.
Wie wirkt Sertralin?
Sertralin ist ein typischer Vertreter der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Das bedeutet: Es sorgt dafür, dass der Botenstoff Serotonin im synaptischen Spalt länger verfügbar bleibt und damit stärker wirken kann. Vereinfacht gesagt: Sertralin erhöht die Serotonin-Konzentration im Gehirn.
Was Sertralin von den meisten anderen SSRI unterscheidet, ist eine zusätzliche, schwache Hemmung der Dopamin-Wiederaufnahme. Dieser dopaminerge Effekt kann einerseits zu einer leichten Antriebssteigerung führen — manche Patient:innen profitieren davon gerade in der Anfangsphase der Behandlung. Andererseits kann er bei manchen Menschen zu einer etwas verstärkten inneren Unruhe beitragen.
Die Plasmahalbwertszeit beträgt etwa 24 Stunden, sodass eine einmal tägliche Einnahme ausreicht.
Wann wird Sertralin eingesetzt?
Sertralin wird wie alle SSRI zur Behandlung von:
- Depressionen (einschließlich Rückfallprophylaxe)
- Angststörungen (generalisierte Angststörung, Panikstörung, soziale Phobie)
- Zwangsstörungen
eingesetzt. Es ist damit ein echtes Breitband-Antidepressivum, das in vielen klinischen Situationen eine gute Wahl darstellt.
Dosierung von Sertralin
Sertralin wird in einer Dosierung von 50 bis 200 mg pro Tag verabreicht. Die Einnahme erfolgt morgens, da der leicht antriebssteigernde Effekt den Schlaf stören könnte, wenn man die Tablette abends einnimmt.
In der Regel beginnt man mit 50 mg und steigert bei Bedarf. Bei Patient:innen mit einer Leberinsuffizienz sollte die Dosis reduziert werden.
Nebenwirkungen von Sertralin
Sertralin verursacht die für SSRI typischen Nebenwirkungen:
- Übelkeit — tritt bei etwa 10–30 % der Patient:innen in den ersten Tagen auf, lässt aber meist von selbst nach. Wenn die Übelkeit nicht von allein weggeht, sollte die Dosis reduziert werden.
- Verzögerter Orgasmus — eine häufige, aber selten besprochene Nebenwirkung aller SSRI. Sie kann auch nach dem Absetzen noch anhalten (sogenannte PSSD, Post-SSRI Sexual Dysfunction).
- Innere Unruhe — aufgrund der milden dopaminergen Wirkkomponente kann Sertralin etwas mehr Unruhe verursachen als andere SSRI.
Was Sertralin auszeichnet: Es ist weder dafür bekannt, eine relevante Gewichtszunahme zu verursachen, noch führt es zu einer QTc-Zeit-Verlängerung im EKG. Damit gilt es insgesamt als gut verträgliches SSRI — ein wichtiger Vorteil gegenüber Citalopram und Escitalopram, bei denen regelmäßige EKG-Kontrollen Pflicht sind.
Sinnvolle Kontrolluntersuchungen
Auch wenn Sertralin das EKG nicht beeinflusst, empfehle ich trotzdem regelmäßige Kontrollen. Vor Behandlungsbeginn und nach einem Monat sollten Blutbild, Elektrolyte, Kreatinin, Leberwerte, Schilddrüsenwerte, Vitamin D, Folsäure, ein Drogenscreening und ein EKG bestimmt werden. Im ersten Jahr quartalsweise ein EKG und Routinelabor, danach in längeren Abständen.
Mein persönliches Fazit
Sertralin ähnelt als SSRI dem Citalopram pharmakologisch, hat aber zusätzlich eine schwach dopaminerge Wirkung. Das kann einerseits eine Antriebssteigerung bedeuten, andererseits eine gewisse Unruhe verursachen. Da unter Sertralin keine Verlängerung der QTc-Zeit bekannt ist, kann es insbesondere für kardiologisch vorerkrankte Patient:innen eine sinnvolle Alternative zu Citalopram sein.
Ich kontrolliere aber auch unter Therapie mit Sertralin das EKG regelmäßig — sicher ist sicher.
Dieser Artikel basiert auf dem Kapitel zu Sertralin aus meinem Buch „Psychopharmakotherapie griffbereit“ (Thieme Verlag). Wenn du das Thema vertiefen möchtest, schau dir mein ausführliches Video an:
👉 Alles, was du über Sertralin wissen möchtest — auf YouTube
Du möchtest auf dem Laufenden bleiben? Abonniere meinen Newsletter oder meinen YouTube-Kanal.