Neues Video zur PTBS im Facharztkurs

Im Videokurs „Vorbereitung auf die Facharztprüfung“ erkläre ich Dir, welche Fragen häufig drankommen und wie Du sie gut und für die Prüfung angemessen beantworten kannst. Darüber hinaus erkläre ich auch beliebte Nachfragen und mögliche Fallstricke, die ich als Prüfer immer wieder mitbekomme und wie Du darauf am besten antwortest.

Die PTBS wird in der Facharztprüfung Psychiatrie und Psychotherapie immer wieder gerne geprüft. Ich habe jetzt ein neues Video zur Diagnostik der PTBS und auch zu häufig gestellten schwierigen Nachfragen aufgenommen und im Kurs in der Kategorie „Krankheitslehre“ veröffentlicht. Wenn Du den Kurs schon gekauft hast, kannst Du dieses Video ab jetzt sehen, wenn Du ihn noch nicht hast und Du mit der Vorbereitung auf die Prüfung starten willst, dann schau mal hier vorbei…

Autismus-Diagnostik im Erwachsenenalter – mit Jung & Freudlos

Wie erkennt man eine Autismus-Spektrum-Störung im Erwachsenenalter – gerade dann, wenn sie lange unentdeckt geblieben ist? Genau darüber spreche ich in dieser Folge mit Sebastian und Christa vom befreundeten Psychiatrie-Podcast „Jung & Freudlos“. Es ist wieder ein Freundschaftstreffen unserer beiden Podcasts.

Anhand eines Fallbeispiels – einer jungen Mathematikstudentin, die sich sozial zurückzieht und wenig Blickkontakt hält – besprechen wir die Diagnostik: Welche Fragen in der Anamnese geben uns wirklich einen Hinweis darauf, ob sich eine ausführlichere Autismus-Diagnostik lohnt, und wann steckt eher eine andere psychiatrische Erkrankung dahinter…

Worum es in der Folge geht

  • Warum Autismus-Diagnostik zunehmend in der niedergelassenen Praxis ankommt
  • Differenzialdiagnosen: soziale Angststörung, schizoide bzw. vermeidende Persönlichkeit, Depression, ADHS
  • Screening versus Diagnose – Fragebögen als Türöffner, nicht als Diagnose
  • Der Goldstandard: ADOS-2 und ADI-R im klinischen Gesamtbild

Erwähnte Testverfahren

Die folgenden Fragebögen sind ein Screening und ersetzen keine Diagnostik:

Über Jung & Freudlos

Jung & Freudlos“ ist der Psychiatrie- und Psychotherapie-Podcast von Sebastian und Christa. Wenn Dir die Folge gefällt, freuen wir uns sehr über eine gute Bewertung bei Apple Podcasts – so finden mehr Hörer:innen unsere Podcasts: PsychCast mit Jan und Jung & Freudlos.

Das Gespräch gibt es neben der Video-Version auf YouTube auch als Audio-Podcast bei Jung und Freudlos und im PsychCast mit Jan.

Willkommen beim neuen PsychCast-Newsletter — jetzt direkt über WordPress

Hallo und herzlich willkommen!

Du erhältst diese E-Mail, weil du den PsychCast-mit-Jan-Newsletter abonniert hast — ab heute kommt er aus einem neuen Haus: direkt über WordPress, dort, wo mein Blog psychcastmitjan.de ohnehin liegt.

Warum der Wechsel?

Bisher habe ich zwei getrennte Newsletter-Listen parallel geführt — eine über WordPress, eine über meinen bisherigen Anbieter CleverReach. Das war doppelte Arbeit, fehleranfällig, und manche von euch haben Mails sogar doppelt bekommen. Ab jetzt läuft alles an einem Ort zusammen: ein System, eine Liste, weniger Reibung — und für euch dieselben Inhalte wie immer.

Ehrlich gesagt: WordPress.com gehört zu einer US-Firma. Den rein europäischen Versand, für den ich damals zu CleverReach gewechselt war, gebe ich damit auf. Das ist ein bewusster Kompromiss — die Vereinfachung wiegt für mich schwerer, zumal mein Blog und mein YouTube-Kanal ohnehin schon dort bzw. bei US-Anbietern liegen. Wichtig: Der Versand bleibt DSGVO-konform (Automattic ist dem EU-US Data Privacy Framework verpflichtet), und neue Anmeldungen laufen weiter im Double-Opt-In-Verfahren mit Bestätigungsmail.

Für dich ändert sich nichts, was du tun müsstest: Dein Abo ist automatisch übertragen, abmelden kannst du dich jederzeit mit einem Klick am Ende jeder Mail. Wer lieber ganz ohne E-Mail liest: Es gibt die Beiträge auch als RSS-Feed.

Danke, dass du dabei bist — und auf viele spannende Themen rund um Psychiatrie und Psychopharmakologie!

Herzliche Grüße
Dr. Jan Dreher

Hormone & Psyche – mit Dr. Marike Albrecht

Können bioidentische Hormone bei Angst, Stimmungsschwankungen und Schlafproblemen wirklich helfen? Genau darüber spreche ich in dieser Folge mit Dr. Marike Albrecht, Ärztin mit Schwerpunkt Hormontherapie.

Es geht um die Rolle von Östrogen, Progesteron und Testosteron für Stimmung, Angst und Schlaf, um den Unterschied zwischen bioidentischen und synthetischen Hormonen, um Stress, Perimenopause und Menopause – und darum, wo eine seriöse hormonelle Diagnostik sinnvoll ist und wo ihre Grenzen liegen.

Über Dr. Marike Albrecht

Dr. med. Marike Albrecht führt die Privatpraxis Bioidenticum in Bad Hersfeld mit Schwerpunkt auf individueller, bioidentischer Hormontherapie und Mikronährstoffmedizin.

Ihr Buch findest Du hier: „Hormon-Power – Bioidentische Hormontherapie“ (Affiliate-Link)

Praxis: https://bioidenticum.de · Instagram: https://www.instagram.com/bioidenticum

Das Gespräch gibt es neben der Video-Version auf YouTube auch als Audio-Podcast im PsychCast mit Jan.

Olanzapin: Wirkung, Dosierung, Nebenwirkungen

Olanzapin gehört zu den wirksamsten Substanzen, die wir in der Akutbehandlung der Schizophrenie und der Manie haben. Es wirkt schnell, zuverlässig, und auch bei schweren Bildern. Gleichzeitig ist es eines der Medikamente, bei denen ich am offensten mit Patientinnen und Patienten über die Schattenseite spreche — vor allem über die Gewichtszunahme und die metabolischen Risiken. In diesem Artikel erkläre ich dir, was du über Olanzapin wissen solltest: wie es wirkt, wann es sinnvoll ist, wie es dosiert wird, welche Nebenwirkungen wichtig sind und worauf bei der Verlaufskontrolle geachtet werden muss.

Was ist Olanzapin?

Olanzapin (z.B. Zyprexa®, Zalasta®, Olanzapin Heumann®, Olanzapin-1A Pharma®, Olanzapin Mylan®) ist ein atypisches Neuroleptikum aus den späten 1990er Jahren. „Atypisch“ bedeutet in diesem Kontext, dass die Substanz nicht nur — wie die älteren Neuroleptika — Dopamin-D2-Rezeptoren blockiert, sondern an einer breiten Palette weiterer Rezeptoren wirkt. Genau dieses breite Rezeptorprofil erklärt, warum Olanzapin so wirksam, aber auch so nebenwirkungsstark ist.

Wie wirkt Olanzapin?

Olanzapin blockiert vor allem Dopamin-D2-Rezeptoren und Serotonin-5-HT2A-Rezeptoren. Diese Kombination ist die klassische Signatur der Atypika und für die antipsychotische Wirkung verantwortlich. Daneben blockiert Olanzapin aber zusätzlich Histamin-H1-, muskarinische Acetylcholin-, sowie alpha-adrenerge Rezeptoren. Diese Nebenrezeptor-Effekte erklären die typischen Nebenwirkungen: Sedierung, Gewichtszunahme, Mundtrockenheit, Blutdruckabfall.

Klinisch heißt das: Olanzapin wirkt nicht nur gegen Halluzinationen und Wahn, sondern dämpft auch Erregung und beruhigt. Bei einem floride psychotischen Patienten in der Notaufnahme ist genau das oft gewünscht. Bei der langfristigen Behandlung kippt dieser Effekt aber leicht in eine unerwünschte Müdigkeit und Antriebslosigkeit.

Wann wird Olanzapin eingesetzt?

Olanzapin ist offiziell zugelassen für die Behandlung der Schizophrenie und der mäßig schweren bis schweren manischen Episode der bipolaren Störung. Im klinischen Alltag wird es darüber hinaus zur Phasenprophylaxe bipolarer Verläufe eingesetzt, wenn sich Olanzapin in der Akutbehandlung als wirksam erwiesen hat.

Die Stärken liegen klar in der Akutbehandlung: bei akuten Psychosen, akuten Manien, bei Patienten mit ausgeprägter Erregung. Olanzapin wirkt zuverlässig und vergleichsweise schnell. In Studien gehört es regelmäßig zu den wirksamsten Antipsychotika überhaupt. Auch deshalb steht es in vielen Leitlinien weit oben — bei gleichzeitig kritischem Blick auf das Nebenwirkungsprofil.

Dosierung von Olanzapin

Die typische Tagesdosis liegt zwischen 5 und 20 mg, einmal täglich abends. Bei akuten Bildern wird oft mit 10 mg gestartet, in den ersten Tagen auf 15 oder 20 mg gesteigert, sobald klar ist, dass die Substanz vertragen wird.

  • Akute Behandlung Schizophrenie: meist 10–20 mg täglich
  • Akute Manie: meist 10–20 mg täglich
  • Erhaltungstherapie: oft 5–10 mg, individuell die niedrigste wirksame Dosis
  • Bei älteren Patienten oder verminderter Toleranz: Beginn mit 2,5–5 mg

Die abendliche Einnahme ist beliebt, weil die sedierende Wirkung den Schlaf unterstützt — was tagsüber stören würde, ist nachts oft willkommen.

Nebenwirkungen von Olanzapin

Hier muss man ehrlich sein: Olanzapin hat ein klar ungünstiges metabolisches Profil. Die wichtigsten Nebenwirkungen sind:

  • Deutliche Gewichtszunahme — viele Patienten nehmen unter Olanzapin 5–15 kg zu, manche mehr. Das ist keine seltene Komplikation, sondern eher die Regel
  • Erhöhtes Risiko für ein metabolisches Syndrom mit Veränderungen des Glukose- und Lipidstoffwechsels
  • Erhöhtes Diabetes-Risiko — bis hin zur Manifestation einer Typ-2-Diabetes
  • Sedierung — vor allem in den ersten Wochen ausgeprägt, oft auch danach noch spürbar
  • Mundtrockenheit, Obstipation, Sehstörungen durch die anticholinerge Komponente
  • Blutdruckabfall, gerade beim Aufstehen
  • Extrapyramidale Nebenwirkungen wie Rigor, Akathisie oder Bewegungsunruhe — deutlich seltener als bei den klassischen Neuroleptika, aber nicht ausgeschlossen
  • Erhöhung des Prolaktinspiegels, in der Regel aber milder als unter Risperidon

Das metabolische Risiko ist der zentrale Punkt, über den man von Anfang an offen sprechen sollte. Viele Patientinnen und Patienten erleben die Gewichtszunahme als sehr belastend — und sie ist ein wichtiger Grund, warum Behandlungen abgebrochen werden. Es ist hilfreich, das vorweg zu thematisieren und gemeinsam einen Plan zu machen: regelmäßige Gewichtskontrolle, Ernährungsberatung, Bewegung, ggf. Umstellung bei deutlicher Zunahme.

Sinnvolle Kontrolluntersuchungen

Wegen des metabolischen Profils sind regelmäßige Kontrollen unter Olanzapin keine Übervorsicht, sondern Standard:

  • Gewicht und Taillenumfang — initial und im weiteren Verlauf regelmäßig
  • Blutdruck und Puls
  • Blutzucker und HbA1c
  • Lipidprofil (Gesamtcholesterin, LDL, HDL, Triglyzeride)
  • Leberwerte, da Olanzapin hepatisch verstoffwechselt wird
  • EKG zu Beginn — auch wenn das QTc-Risiko unter Olanzapin niedriger ist als bei manchen anderen Antipsychotika

Die Frequenz der Kontrollen orientiert sich an Beginn und Verlauf — engmaschiger in den ersten Wochen, danach regelmäßig in gleichbleibenden Abständen.

Mein persönliches Fazit

Olanzapin ist für mich ein Medikament mit einer klaren Doppelrolle: in der Akuttherapie kaum zu schlagen, in der Langzeittherapie kritisch abzuwägen. Bei schwerer akuter Psychose oder Manie ist es eines der wirksamsten Mittel, die wir haben. Bei der dauerhaften Erhaltungstherapie steht es bei mir meist nicht in der ersten Reihe — vor allem dann nicht, wenn ein Patient bereits Übergewicht, metabolische Probleme oder eine familiäre Diabetes-Belastung hat. In solchen Fällen denke ich früh über eine Umstellung auf eine metabolisch günstigere Substanz nach.

Wenn Olanzapin gut wirkt und vertragen wird, sollte es trotzdem nicht aus prinzipiellen Bedenken abgesetzt werden — eine stabile Erhaltungstherapie ist ein hohes Gut. Aber die metabolische Begleitkontrolle gehört zwingend dazu.

Psychopharmaka Videokurs Cover

Lust auf mehr Hintergrund?

In meinem Videokurs „Psychopharmaka — Der PsychCast Videokurs“ erkläre ich systematisch, wie ich Olanzapin und die anderen wichtigen Psychopharmaka in der klinischen Praxis einsetze: realistische Wirkung, ehrliche Nebenwirkungen, konkrete Vorgehensweisen — alles im bewährten PsychCast-Stil, in einfachen Worten und mit klinischen Beispielen.

Im Videokurs ist ein eigenes Video zu Olanzapin enthalten — eines der Videos, die exklusiv für den Kurs produziert wurden und nicht auf YouTube zu sehen sind.

Verwandte Artikel: Neuroleptika — eine ehrliche Aufklärung · Alles, was du über Risperidon wissen möchtest · Gewichtszunahme unter Psychopharmaka.

Amitriptylin: Wirkung, Dosierung, Nebenwirkungen

Amitriptylin ist eines der ältesten und bekanntesten Antidepressiva – und gleichzeitig ein Wirkstoff, dessen Einsatzgebiet sich über die Jahrzehnte komplett verschoben hat. Früher ein Standard gegen Depressionen, ist es heute vor allem in der Schmerztherapie zu Hause. In diesem Beitrag fasse ich zusammen, was man als Behandler – und als informierter Patient – über Amitriptylin wissen sollte.

Was ist Amitriptylin?

Amitriptylin ist ein trizyklisches Antidepressivum (TZA), das seit Anfang der 1960er-Jahre auf dem Markt ist – in Deutschland vor allem unter dem Handelsnamen Saroten. Nach Imipramin war es das zweite Trizyklikum überhaupt und galt damals als großer Fortschritt in der Behandlung der Depression. Über viele Jahre wurde es in hohen Dosierungen von 150–300 mg verordnet, was allerdings mit ausgeprägten Nebenwirkungen einherging.

Wie wirkt Amitriptylin?

Amitriptylin hemmt die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin und verstärkt so deren Wirkung – der aktive Metabolit Nortriptylin wirkt dabei überwiegend noradrenerg. Darüber hinaus blockiert der Wirkstoff eine Reihe weiterer Rezeptoren, was sein typisches Nebenwirkungsprofil erklärt: die Blockade von Histamin-H1-Rezeptoren macht müde und kann zu Gewichtszunahme führen, die anticholinerge (muskarinerge) Wirkung verursacht Mundtrockenheit, Verstopfung und Harnverhalt, und die Blockade von α1-Adrenozeptoren begünstigt einen Blutdruckabfall beim Aufstehen. Die zusätzliche Blockade kardialer Natriumkanäle ist der Grund, warum Amitriptylin in Überdosierung gefährlich werden kann.

Für die Schmerztherapie wichtig: Die schmerzlindernde Wirkung ist von der antidepressiven unabhängig, tritt schon bei niedriger Dosis ein und beruht vor allem auf der Verstärkung körpereigener, schmerzhemmender Bahnen.

Wann wird Amitriptylin eingesetzt?

Das Einsatzgebiet hat sich klar verschoben – weg von der Depression, hin zum chronischen Schmerz:

  • Chronische Schmerzen: fester Stellenwert, vor allem als Ergänzung zu einem SSNRI; in der Cochrane-Netzwerk-Metaanalyse (2023) besonders gut für Schlaf, Lebensqualität und Fatigue.
  • Fibromyalgie: gut belegte, klinisch relevante Schmerzreduktion – eine sinnvolle First-line-Option.
  • Neuropathische Schmerzen: First-line-Empfehlung mit guter Wirksamkeit (NNT um 4).
  • Reizdarmsyndrom (IBS): niedrig dosiert wirksam (ATLANTIS-Studie, Lancet 2023); in den NICE-Leitlinien als Second-line empfohlen.
  • Schlafstörungen: wegen der dämpfenden Wirkung gelegentlich einsetzbar.
  • Depression: als alleiniges Mittel heute nicht mehr erste Wahl – wenn überhaupt, dann als Add-on zu einem SS(N)RI.

Dosierung

In der Schmerztherapie sind niedrige Dosierungen die Regel und meist gut verträglich. Bewährt hat sich: niedrig starten (10–25 mg), langsam steigern (oft genügen 25–50 mg), abends einnehmen – am besten zwei bis drei Stunden vor dem Schlafengehen, sonst droht ein morgendlicher „Hangover“. Dosierungen über 100 mg sind in der Schmerztherapie selten nötig und meist zu nebenwirkungsreich. Bei kardialem Risiko und bei älteren Menschen sollte vor der Aufdosierung ein EKG geschrieben werden.

Nebenwirkungen

Typisch sind Müdigkeit, Mundtrockenheit, Gewichtszunahme, Verstopfung, Harnverhalt, Schwitzen und Blutdruckabfall beim Aufstehen. Wegen der anticholinergen Wirkung ist bei älteren Menschen Vorsicht geboten – Amitriptylin steht auf der PRISCUS-Liste der für Ältere potenziell ungeeigneten Medikamente (Delir-, Sturz- und Frakturrisiko). Relative Gegenanzeigen sind unter anderem ein Engwinkelglaukom, eine Prostatavergrößerung mit Harnverhalt sowie kardiale Reizleitungsstörungen; mit MAO-Hemmern darf es nicht kombiniert werden.

Überdosierung – ausführlich im Videokurs

Weil Amitriptylin in Überdosierung kardiotoxisch ist, ist das Erkennen und Behandeln einer Intoxikation klinisch besonders wichtig. Diesen ausführlichen Abschnitt – anticholinerges Toxidrom, EKG-Veränderungen (QRS-Verbreiterung, terminale R-Zacke in aVR), Letalität und das konkrete Management – behandle ich gezielt für ärztliches Publikum im Videokurs Psychopharmaka. Dort geht es deutlich tiefer als im YouTube-Video.

Mein persönliches Fazit

Als Antidepressivum ist Amitriptylin heute weitgehend „out“ – dafür gibt es besser verträgliche Alternativen. Sein fester Platz liegt in der Schmerztherapie: Bei chronischen Schmerzen, Fibromyalgie, neuropathischen Schmerzen und beim Reizdarmsyndrom ist niedrig dosiertes Amitriptylin (häufig um die 50 mg, gern in Kombination mit einem SSNRI) bewährt, wirksam und meist gut verträglich. Gelegentlich nutze ich es zur leichten Sedierung oder als Schlafhilfe – für die agitierte Depression ist es mir aber meist schon zu stark anticholinerg.


Das ganze Thema – inklusive Rezeptorbindungsprofil, Studienlage und Dosierung – erkläre ich ausführlich im Video: https://youtu.be/Dh0IUQXDgOM

📖 Noch mehr Hintergrund in meinem Buch Psychopharmakotherapie griffbereit und im Videokurs Psychopharmaka auf psychcastmitjan.de.
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Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.

Sport & Psychiatrie – Was Bewegung für die Psyche leisten kann – mit Benedikt Bradtke

Sport gilt als eines der wirksamsten „Medikamente“ für die Psyche. Aber wie gut ist die Evidenz wirklich? Bei welchen psychischen Erkrankungen hilft Bewegung konkret – und welche Art von Sport bringt am meisten? Und was passiert am anderen Ende der Skala, im Leistungs- und Spitzensport, wo Athletinnen und Athleten unter enormem Druck stehen?

Darüber spreche ich in der neuen Folge mit Benedikt Bradtke. Er ist Oberarzt an der Klinik für Psychische Gesundheit des Universitätsklinikums Münster.

Wir sprechen unter anderem darüber:

  • Warum Sport so zuverlässig auf die Psyche wirkt
  • Bei welchen psychischen Erkrankungen Bewegung evidenzbasiert hilft
  • Welche Art und „Dosis“ von Sport psychisch am meisten bringt
  • Wo die Grenze liegt – wann „mehr Sport“ nicht mehr besser ist
  • Welche besonderen psychischen Belastungen im Spitzensport herrschen und wie sich die Versorgung verbessern muss

Das ganze Gespräch gibt es als Video auf YouTube und als Audio-Podcast im „PsychCast mit Jan“.

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50.000 Live-Special — Ask Me Anything am nächsten Freitag den 15.05.26 um 15:00

Mein YouTube-Kanal PsychCast mit Jan steht knapp vor 50.000 Abonnenten. Zur Feier mache ich am Freitag, 15.05.2026 um 15:00 Uhr ein offenes Live-Special: Ask Me Anything — ihr fragt, ich antworte. Zu Psychiatrie, Psychotherapie, Psychopharmaka, Klinik-Alltag oder einfach was euch gerade beschäftigt. (Nur keine individuellen Patienten-Behandlungsfragen, die beantworte ich wie immer nicht…)

Wir sind aber noch nicht ganz da. Falls ihr noch nicht abonniert habt: jetzt der perfekte Moment! Jede einzelne Anmeldung zählt — gemeinsam packen wir die 50.000.

Live-Special auf YouTube

50.000 Abonnenten

Ask Me Anything · Live
Freitag, 15.05.202615:00 Uhr · YouTube Live
49.900+
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fehlen bis 50.000
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Wir sind kurz vor 50.000 — bitte teilt’s und abonniert, falls noch nicht passiert!

So bist du dabei

  • Abonniere den Kanal: youtube.com/c/psychcast — wir wollen die 50.000 zusammen knacken!
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  • Komm pünktlich am Freitag um 15:00 Uhr.

Bis dann — ich freue mich!
Jan

Antidepressiva absetzen: Warum, Wann und Wie?

„Kann ich meine Antidepressiva absetzen?“ Das ist eine der häufigsten Fragen, die mir Patientinnen und Patienten stellen. Vielleicht geht es dir gerade ähnlich: Du hast lange ein Antidepressivum eingenommen, es geht dir besser, und nun fragst du dich, ob du es weiter brauchst. Oder du hast schon versucht, es abzusetzen, und plötzlich kamen Symptome zurück, die du nicht zuordnen konntest. War das ein Rückfall? Oder ein Absetzphänomen? In diesem Artikel erkläre ich dir als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, wie Antidepressiva richtig abgesetzt werden — Schritt für Schritt, sicher, und ohne unnötige Risiken.

Warum?

Wirken Antidepressiva langfristig überhaupt noch?

Bevor du absetzt, lohnt sich ein Blick auf eine Diskussion, die in der Wissenschaft zunehmend an Fahrt aufnimmt: Wirken Antidepressiva nach einem Jahr eigentlich noch? Die meisten Zulassungsstudien zu SSRI laufen über 6 bis 12 Wochen. Was danach passiert, ist deutlich weniger gut untersucht. Es gibt Hinweise darauf, dass ein Teil der scheinbaren Langzeitwirksamkeit darauf zurückgeht, dass Patienten nach Absetzen von Antidepressiva Diskontinuierungssymptome haben, die fälschlicherweise als Rückfall gewertet werden.

Ich habe zu dieser Frage ein eigenes Video gemacht, in dem ich die wichtigsten Studien einordne — unter anderem die Arbeit von Hengartner (2020) und die WHO Living Guideline von 2023:

Mein Fazit dazu: Niemand muss aus dieser Diskussion eine Panik ableiten. Aber sie bestärkt mich darin, mit jedem Patienten regelmäßig die Frage zu besprechen, ob die Weiterbehandlung im aktuellen Lebensabschnitt wirklich noch nötig ist.

Antidepressiva sind keine Lebensversicherung, die einmal abgeschlossen für immer läuft. Sie sind ein Werkzeug — und ein Werkzeug legt man auch wieder weg, wenn die Arbeit getan ist.

Wann?

Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Absetzen?

Bevor wir über das Wie sprechen, kommt das Wann. Antidepressiva werden nicht akut wirksam, sondern brauchen Wochen bis Monate, um ihre volle Wirkung zu entfalten — und genauso wichtig ist die Erhaltungstherapie nach einer überstandenen depressiven Episode. Die Leitlinie der DGPPN empfiehlt nach einer ersten Episode eine Weiterbehandlung von mindestens 4 bis 9 Monaten in der bewährten Dosis. Bei wiederholten Episoden oder hohem Rückfallrisiko sind 1 bis 2 Jahre üblich, in manchen Fällen auch deutlich länger.

Der richtige Zeitpunkt zum Absetzen ist erreicht, wenn drei Dinge zusammenkommen: Du bist mindestens mehrere Monate symptomfrei. Deine Lebenssituation ist stabil — also keine größeren Stressoren wie Trennung, Jobverlust oder Umzug stehen direkt an. Und du hast jemanden an deiner Seite, der dich beim Absetzen begleitet, idealerweise dein behandelnder Psychiater oder Hausarzt.

Was du nicht tun solltest: einfach von heute auf morgen aufhören, weil es dir besser geht. Das ist der häufigste Fehler — und der häufigste Grund für Rückfälle.

Wie?

Hyperbolic Tapering — schrittweise und immer kleiner

Zum übergeordneten Thema „Absetzen von Psychopharmaka“ habe ich ein ausführliches Video auf meinem YouTube-Kanal gemacht. Schau es dir hier an:

Tapering ist der englische Fachbegriff für das schrittweise Reduzieren eines Medikaments. Statt von heute auf morgen abzusetzen, verringerst du die Dosis in kleinen Schritten über Wochen oder Monate. Das gibt deinem Körper und deinem Gehirn Zeit, sich an die niedrigere Dosis anzupassen. Lange Zeit galt: Wir reduzieren Antidepressiva linear — also etwa von 150 mg auf 125 mg, dann auf 100 mg, dann auf 75 mg, schließlich auf 50 mg, 37,5 mg und dann geben wir nichts mehr. Das Problem dabei: Die Wirkung der meisten Antidepressiva ist nicht linear zur Dosis. Schon kleine Restdosen blockieren noch einen großen Anteil der Serotonin-Transporter im Gehirn. Wenn du von 37,5 mg direkt auf 0 mg gehst, ist das pharmakologisch ein viel größerer Sprung als von 150 mg auf 125 mg.

Die Lösung heißt Hyperbolic Tapering: Die Dosis wird in immer kleineren Schritten reduziert, je näher du an die Null kommst. Die Schritte werden gegen Ende immer kleiner, oft im Bereich von einzelnen Milligramm oder sogar Bruchteilen davon. Die folgende Grafik macht den Unterschied klar — gleiche mg-Schritte führen zu sehr unterschiedlichen Wirkungen am Rezeptor:

<a href=Venlafaxin 150 mg abdosieren — linear vs. hyperbolisch: Vergleich der Rezeptorbelegung bei beiden Reduktionsmethoden, basierend auf dem Emax-Modell nach Horowitz & Taylor 2019.“ class=“wp-image-250605″/>
Lineare Reduktion vs. hyperbolisches Tapering von Venlafaxin 150 mg. Bei der linearen Reduktion stürzt die Rezeptorbelegung im letzten Schritt um 87 Prozent ab — genau dort entstehen die meisten Absetzphänomene. Beim hyperbolischen Tapering bleibt der Effekt jedes Schritts in einem ähnlichen Bereich.

Praktisch wird das mit Tropfenform, mit gestaffelten Tablettenteilern oder — bei sehr niedrigen Dosen — mit eigens hergestellten Tapering-Lösungen aus der Apotheke umgesetzt. Eine ausführliche Darstellung dieses Konzepts findest du im Buch von Prof. Gerhard Gründer „Psychopharmaka absetzen“, das ich jedem empfehle, der sich tiefer einarbeiten möchte. Die Dauer eines Taperings ist sehr individuell. Manche Patienten setzen ein SSRI in 4 Wochen problemlos ab, andere brauchen 6 Monate oder länger. Das hängt vom Wirkstoff, der Einnahmedauer, der individuellen Empfindlichkeit und der Vorgeschichte ab. Hör auf deinen Körper — und auf deinen Arzt.

Diese Antidepressiva sind besonders schwer abzusetzen

Nicht alle Antidepressiva sind gleich. Einige sind für ihre ausgeprägten Absetzsymptome berüchtigt — das heißt, sie machen beim Absetzen besonders häufig und besonders heftig Symptome.

Venlafaxin (z.B. Trevilor®, Venla TAD®, Venlafaxin Heumann®) ist klinisch mit Abstand der häufigste Problemfall. Wegen seiner kurzen Halbwertszeit fluten die Spiegel im Blut und im Gehirn schnell ab, sobald eine Dosis fehlt — selbst eine vergessene Tablette kann innerhalb eines Tages zu spürbaren Symptomen führen. Wenn ich in der Sprechstunde von Patienten höre „Mir geht’s beim Absetzen so schlecht, ich dachte, ich werde verrückt“ — dann ist es in der überwiegenden Mehrheit der Fälle Venlafaxin. Wer Venlafaxin absetzt, sollte sich auf ein deutlich langsameres Tapering einstellen, oft über mehrere Monate. Seit Anfang 2026 gibt es Venlafaxin endlich auch in Tropfenform, das kann sehr hilfreich beim Absetzen sein.

Paroxetin (z.B. Seroxat®, Tagonis®, Paroxat®) hat ebenfalls eine kurze Halbwertszeit und ist anticholinerg wirksam. Auch hier sind Absetzphänomene häufig. Manche Patienten beschreiben „brain zaps“ — kurze, elektroschock-artige Empfindungen im Kopf, die zwar harmlos, aber sehr unangenehm sind.

Duloxetin (z.B. Cymbalta®, Duloxalta®, Duloxetin Glenmark®) ist ein weiterer SSNRI mit kurzer Halbwertszeit und entsprechenden Absetzproblemen, die in der Praxis zwar seltener als bei Venlafaxin sind, aber eine ähnliche Charakteristik haben.

Trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin (z.B. Saroten®, Amitriptylin neuraxpharm®, Syneudon®) verursachen wegen ihrer anticholinergen Wirkung beim Absetzen häufig Schlafstörungen, Übelkeit und Unruhe.

Auf der anderen Seite gibt es das relativ unkomplizierteste Antidepressivum zum Absetzen: Fluoxetin (z.B. Fluctin®, Fluoxetin-ratiopharm®, Fluoxetin Hexal®). Wegen seiner sehr langen Halbwertszeit baut es sich von selbst über Wochen ab — der Körper macht praktisch ein automatisches Tapering. Manche Kliniker stellen Patienten, die mit dem Absetzen anderer SSRI Probleme haben, erst auf Fluoxetin um, um dann von dort aus auszuschleichen.

Absetzphänomene erkennen — und vom Rückfall unterscheiden

Eine der wichtigsten Fragen beim Absetzen lautet: Sind die Symptome, die du gerade spürst, ein Diskontinuierungssyndrom — oder ist die Depression zurück? Diese Unterscheidung ist nicht trivial, aber es gibt klare Hinweise.

Das typische Diskontinuierungssyndrom wird im englischen Sprachraum mit der Mnemonic FINISH beschrieben:

  • Flu-like symptoms — grippeartige Beschwerden, Kopfschmerzen, Müdigkeit
  • Insomnia — Schlafstörungen, oft mit lebhaften Träumen
  • Nausea — Übelkeit, manchmal mit Schwindel
  • Imbalance — Gleichgewichtsstörungen, Schwindel beim Aufstehen
  • Sensory disturbance — sensorische Phänomene wie die genannten „brain zaps“
  • Hyperarousal — innere Unruhe, Angst, Gereiztheit

Der entscheidende Unterschied zum Rückfall liegt im zeitlichen Verlauf und in der Symptomatik selbst. Absetzphänomene treten typischerweise innerhalb von Tagen nach Reduktion oder Absetzen auf, sind körperlich geprägt (Übelkeit, Schwindel, brain zaps) und bessern sich oft innerhalb weniger Wochen.
Ein Rückfall in eine Depression hingegen entwickelt sich meist über Wochen bis Monate, ist von Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit und Hoffnungslosigkeit geprägt — den klassischen depressiven Symptomen, nicht den körperlich-vegetativen.

Faustregel: Treten Symptome innerhalb von Tagen nach einer Dosisreduktion auf und sind sie eher körperlich, ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Diskontinuierungssyndrom. Treten sie schleichend über Wochen auf und ähneln deiner ursprünglichen Depression, solltest du das ernst nehmen und dringend Rücksprache mit deinem Arzt halten.

Häufige Fehler beim Absetzen

Aus der Praxis sehe ich immer wieder dieselben Fehler. Wenn du sie kennst, kannst du sie vermeiden.

  • Zu schnell. Der häufigste Fehler. Wer in zwei Wochen absetzt, was er drei Jahre eingenommen hat, riskiert ein heftiges Diskontinuierungssyndrom — und einen Rückfall.
  • Zu große Schritte. Halbierungen sind am Anfang oft okay, gegen Ende des Taperings aber zu groß. Hyperbolic Tapering ist hier dein Freund.
  • Selbstabsetzen ohne Arzt. Verständlich, weil Termine schwer zu bekommen sind. Aber gefährlich. Such dir Unterstützung — auch über Telemedizin oder den Hausarzt.
  • Gleichzeitig zu viel ändern. Wer mit dem Antidepressivum gleichzeitig Schlafmittel, Alkohol oder Sportroutine umstellt, kann hinterher nicht mehr unterscheiden, was welche Wirkung hatte.
  • Kein Plan. „Ich versuch’s mal“ ist kein Plan. Schreib dir auf, in welchen Schritten du reduzierst, wann der nächste Schritt folgt, und führe ein einfaches Symptomtagebuch.
  • Zu früh. Wer mitten in einer Lebenskrise oder direkt nach Erreichen der Stabilität absetzt, hat ein deutlich höheres Rückfallrisiko. Geduld ist hier kein Versagen — sondern Strategie.

Dein Absetzplan — Schritt für Schritt

Wenn du jetzt überlegst, dein Antidepressivum abzusetzen, hier eine praktische Schrittfolge, die du mit deinem behandelnden Arzt durchgehen kannst.

  1. Stabilität prüfen. Bist du seit mindestens mehreren Monaten symptomfrei? Ist deine Lebenssituation gerade ruhig?
  2. Arzt einbeziehen. Vereinbare einen Termin bei deinem Psychiater oder Hausarzt, in dem ihr gemeinsam einen Absetzplan macht.
  3. Tempo wählen. Bei kurzfristiger Einnahme (wenige Monate) und unproblematischem Wirkstoff: 4 bis 8 Wochen Tapering. Bei langer Einnahme oder schwierigem Wirkstoff (z.B. Venlafaxin): 3 bis 6 Monate, manchmal länger.
  4. Hyperbolic Tapering planen. Lass dir, falls nötig, eine flüssige Zubereitung verschreiben, um auch sehr kleine Schritte am Ende des Taperings möglich zu machen.
  5. Symptomtagebuch führen. Notiere täglich kurz Stimmung, Schlaf, Energie, körperliche Symptome. Das hilft dir und deinem Arzt zu unterscheiden, was Absetzphänomen ist und was nicht.
  6. Rücksprache-Intervalle festlegen. Vereinbare regelmäßige Kontakte — alle 2 bis 4 Wochen — um Verlauf und nächsten Schritt zu besprechen.
  7. Plan B haben. Was tust du, wenn die Symptomatik sich verschlechtert? Klare Abmachung mit deinem Arzt: Wann gehst du auf die letzte verträgliche Dosis zurück? Wann wird der Plan angepasst?

Mein persönliches Fazit

Antidepressiva absetzen ist kein Sprint, sondern eine geplante, schrittweise Bewegung — am besten mit fachlicher Begleitung. Der Schlüssel ist langsames, hyperbolisches Reduzieren, ein klares Verständnis, was Absetzphänomene sind und was nicht, und der Mut, im Zweifel einen Schritt zurück zu gehen oder das Tempo zu drosseln.

In meiner Sprechstunde sehe ich immer wieder, dass Patienten die Schwierigkeiten beim Absetzen unterschätzen — vor allem bei Venlafaxin und Paroxetin. Und ich sehe genauso oft, dass Absetzphänomene fälschlicherweise als Rückfall interpretiert werden, mit der Folge, dass das Antidepressivum dauerhaft weiterläuft, obwohl es eigentlich nicht mehr nötig wäre. Beides lässt sich vermeiden, wenn du gut informiert bist und einen Plan hast.

Wenn du tiefer einsteigen willst: In meinem Buch Psychopharmakotherapie griffbereit findest du detaillierte Tapering-Schemata für die einzelnen Wirkstoffe. Und wer sich speziell für die wissenschaftliche Diskussion und die hyperbolische Methodik interessiert, dem empfehle ich Prof. Gerhard Gründers Buch Psychopharmaka absetzen — das ist aktuell die beste deutschsprachige Quelle dazu.

Update zur 7. Auflage „Psychopharmakotherapie griffbereit“: Kapitel Kontrolluntersuchungen — bitte um euer Feedback

Liebe Leserinnen und Leser,

aktuell überarbeite ich gemeinsam mit dem Lektorat des Thieme-Verlags die 7. Auflage meines Buches „Psychopharmakotherapie griffbereit“. Eines der Kapitel, das ich gründlich aktualisiert habe, ist das Kapitel „Sinnvolle Kontrolluntersuchungen“.

Anlass war unter anderem der Rote-Hand-Brief zu Clozapin vom 08.09.2025, der die Empfehlungen zur routinemäßigen Blutbildkontrolle deutlich überarbeitet hat: Statt monatlicher Kontrollen ein Leben lang werden die Intervalle nach dem ersten Behandlungsjahr gestreckt — vorausgesetzt, es ist keine Neutropenie aufgetreten. Auch sonst hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan, was in der bisherigen Tabelle nicht abgebildet war.

Was ist neu in diesem Kapitel?

  • Eine eigene Tabelle (Tab. 16.2) für Clozapin mit dem aktuellen Monitoring-Schema gemäß Rote-Hand-Brief 09/2025
  • Aufnahme von Lithium, Valproat, Carbamazepin und Lamotrigin in die Hauptübersicht
  • Aripiprazol/Brexpiprazol/Cariprazin als eigene Zeile mit Hinweis auf Akathisie und Impulskontrollstörungen
  • Hyponatriämie-Hinweis bei SSRI/SNRI/Mirtazapin (besonders ältere Patienten)
  • Lithium-Monitoring inklusive PTH (Hyperparathyreoidismus)
  • Myokarditis-Screening (CRP, Troponin) in den ersten 4 Wochen unter Clozapin
  • Aktiver Hinweis auf Obstipation/Ileus unter Clozapin (relevante Mortalität!)

Tab. 16.1 — Sinnvolle Kontrolluntersuchungen unter Psychopharmakotherapie

Substanz vor Therapiebeginn nach 1 und 3 Monaten danach vierteljährlich jährlich (halbjährlich bei Risikopatienten)
alle Psychopharmaka BB, Na, K, Krea, eGFR, ALAT, ASAT, GGT, Bili, CK, Glc, HbA1c, Lipide, TSH, INR (b. Bedarf), Gewicht/BMI/Bauchumfang, RR, Puls, EKG, ggf. β-HCG BB, Na, K, Krea, ALAT, ASAT, GGT, Glc, Gewicht, EKG Gewicht BB, Na, K, Krea, ALAT, ASAT, GGT, CK, Glc, HbA1c, Lipide, EKG
zusätzlich bei einzelnen Substanzen:
Citalopram, Escitalopram EKG (QTc-Verlängerung!) Na (Hyponatriämie, v. a. > 65 J. nach 1–2 Wo.); EKG EKG
Sertralin, Paroxetin, Venlafaxin, Duloxetin, Mirtazapin Na (Hyponatriämie, v. a. ältere Patienten)
Ziprasidon, Tiaprid, Galantamin, Haloperidol EKG (QTc-Verlängerung!) EKG EKG
Agomelatin ALAT, ASAT, GGT nach 3, 6, 12 und 24 Wochen: ALAT, ASAT, GGT ALAT, ASAT, GGT ALAT, ASAT, GGT
Olanzapin, Quetiapin Bauchumfang, Gewicht/BMI, Glc, HbA1c, Lipide, Leberwerte, EKG monatlich Gewicht; nach 3 Mo. zusätzlich HbA1c, Lipide, Leberwerte Gewicht, Bauchumfang; halbjährlich HbA1c, Lipide HbA1c, Lipide, Leberwerte, EKG
Aripiprazol, Brexpiprazol, Cariprazin Gewicht, Glc, Lipide, EKG; Anamnese Akathisie/Impulskontrollstörungen Gewicht; klin. Beurteilung Akathisie/Impulskontrolle Gewicht Glc, Lipide, EKG
Sertindol EKG EKG bei Dosissteigerung und initial häufiger EKG EKG
Lithium Krea, eGFR, Na, K, Ca, PTH, TSH, BB, EKG, Gewicht, β-HCG Spiegel: 5–7 d nach Beginn, dann wöchentlich bis stabil; Krea, eGFR, Na, K, Ca, TSH, Gewicht Spiegel, Krea, eGFR, Na, K, Ca, Gewicht Spiegel, Krea, eGFR, Na, K, Ca, PTH, TSH, Gewicht, EKG
Valproat BB, Leberwerte, Lipase, Gerinnung, BMI, β-HCG (cave: in Schwangerschaft kontraindiziert!) BB, Leberwerte, Spiegel; Lipase bei Bauchschmerzen Spiegel, BB, Leberwerte BB, Leberwerte, Spiegel, Lipase
Lamotrigin BB, Leberwerte, Krea klinische Hautbeobachtung (cave Stevens-Johnson, v. a. Wo. 1–8); Spiegel optional Spiegel optional BB, Leberwerte
Carbamazepin BB, Na, Leberwerte, Lipase, EKG; HLA-B*1502 (asiatische Patienten) BB, Na, Leberwerte, Spiegel Spiegel, BB, Na BB, Na, Leberwerte, Spiegel
Clozapin siehe Tab. 16.2 (separates Schema gemäß Rote-Hand-Brief 08.09.2025)
BB = Blutbild (Differenzial-BB); Bili = Bilirubin; CK = Kreatinkinase; eGFR = geschätzte glomeruläre Filtrationsrate; Glc = Nüchternglukose; HbA1c = glykiertes Hämoglobin; INR = international normalized ratio; Krea = Kreatinin; Lipide = Cholesterin (Gesamt, LDL, HDL) und Triglyzeride; PTH = Parathormon; TSH = Thyreoidea-stimulierendes Hormon; QTc = frequenzkorrigierte QT-Zeit; ANC = absolute Neutrophilenzahl.

Tab. 16.2 — Monitoring-Schema Clozapin (nach Rote-Hand-Brief 08.09.2025)

Zeitraum Untersuchungen
vor Therapiebeginn Differenzial-BB mit absoluter Neutrophilenzahl (ANC), Na, K, Krea, eGFR, ALAT, ASAT, GGT, Bili, CK, CRP, Troponin, NT-proBNP, Glc, HbA1c, Lipide, Gewicht/BMI/Bauchumfang, RR, Puls, EKG, Stuhlanamnese (cave Obstipation/Ileus).
Therapiebeginn nur bei ANC ≥ 1500/mm³ (≥ 1,5 × 10⁹/l); bei gesicherter benigner ethnischer Neutropenie (BEN) ANC ≥ 1000/mm³ (≥ 1,0 × 10⁹/l).
Woche 1–18 wöchentlich ANC (verpflichtend!)
Woche 1–4 (zusätzlich) Myokarditis-Screening: wöchentlich CRP und Troponin; klinisch: Fieber, Tachykardie, Brustschmerz, Atemnot, grippeähnliche Symptome aktiv erfragen
Woche 19–52 (Rest des 1. Behandlungsjahrs) monatlich ANC
ab 2. Behandlungsjahr (wenn im 1. Jahr keine Neutropenie) ANC alle 12 Wochen (= vierteljährlich)
ab 3. Behandlungsjahr (wenn in den ersten 2 Jahren keine Neutropenie) ANC einmal jährlich
nach Absetzen ANC wöchentlich für 4 Wochen
klinisch fortlaufend aktiv nach Obstipation und Ileus fragen (Clozapin-induzierte gastrointestinale Hypomotilität — relevante Mortalität!); RR und Puls (orthostatische Hypotonie, Tachykardie); Sialorrhö; Krampfanfälle bei höherer Dosis
nach 3 Monaten Gewicht, Bauchumfang, Glc, HbA1c, Lipide, Leberwerte
vierteljährlich Gewicht, Bauchumfang, Lipide
halbjährlich HbA1c, Lipide; Clozapin-Spiegel (bei Dosisänderung, Komedikation, Rauchstopp/-beginn früher!)
jährlich komplettes Labor inkl. Stoffwechsel, Leber-/Nierenwerte, EKG

Wichtige Hinweise zu Clozapin

  • Rauchstopp oder -beginn: Der Clozapin-Spiegel kann sich verdoppeln (Stopp) oder halbieren (Beginn) — vorgezogene Spiegelkontrolle und ggf. Dosisanpassung.
  • Fieber in den ersten Wochen: sofort ANC, CRP und Troponin bestimmen (Differenzialdiagnose Agranulozytose, Myokarditis).
  • Schwere Infektion (z. B. Pneumonie, Sepsis): der Clozapin-Spiegel kann erheblich ansteigen — Intoxikationsgefahr; ggf. Dosisreduktion.
  • ANC unter Therapie: 1000–1499/mm³ (BEN: 500–999) → engmaschige Kontrollen; < 1000/mm³ (BEN: < 500) → Therapie absetzen, hämatologische Mitbetreuung.

Eure Hilfe ist gefragt!

Ich bitte ausdrücklich um euer konstruktives Feedback:

  • Stimmt die Tabelle mit eurer klinischen Praxis überein?
  • Fehlt etwas Wichtiges — eine Substanzgruppe, ein Parameter, eine Frequenz?
  • Sind die Intervalle für euch praxistauglich oder zu eng/zu locker gesetzt?
  • Habe ich Quellen übersehen, die ich zitieren sollte?
  • Ist die Darstellung verständlich, oder gibt es Stellen, die missverständlich formuliert sind?

Schreibt mir gerne in die Kommentare unter diesem Beitrag oder per E-Mail. Jede Korrektur, jeder Hinweis hilft, das Buch besser zu machen — danke!

Quellen

  1. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Rote-Hand-Brief zu Clozapin — Überarbeitete Empfehlungen zur routinemäßigen Blutbildkontrolle im Hinblick auf das Risiko einer Agranulozytose. 08.09.2025.
  2. DGPPN, BÄK, KBV, AWMF (Hrsg.): S3-Leitlinie Schizophrenie. Langfassung, Version 1.0. 2019 (in Überarbeitung). AWMF-Register-Nr. 038-009.
  3. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ): Empfehlungen zur Therapie mit Antipsychotika.
  4. Benkert O, Hippius H: Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie. Springer, aktuelle Auflage.

Hinweis zum Urheberrecht

Dieser Text ist eine Vorabversion aus der in Vorbereitung befindlichen 7. Auflage des Buches „Psychopharmakotherapie griffbereit“ (Dr. Jan Dreher). Das Manuskript ist urheberrechtlich geschützt durch den Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart. Eine Vervielfältigung, Weiterverbreitung oder Wiedergabe — auch in Auszügen — ist ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung des Verlags nicht gestattet. Die Veröffentlichung an dieser Stelle erfolgt ausschließlich zum Zweck der wissenschaftlich-fachlichen Diskussion und Begutachtung durch die Fachcommunity vor Drucklegung.

Online-Buchpräsentation: »Umgang mit Psychopharmaka« — 20. April 2026

Buchcover: Umgang mit Psychopharmaka — Wirkungen, Nebenwirkungen und Alternativen

Psychopharmaka können helfen — doch was bewirken sie genau? Welche Nebenwirkungen sind möglich? Und gibt es Alternativen? Wer sich diese Fragen stellt, findet oft entweder zu vereinfachte oder zu fachsprachliche Antworten.

Genau das wollten wir ändern. Zusammen haben der Psychiater Nils Greve, die Peerberaterin Kerstin Riemenschneider und ich das Buch »Umgang mit Psychopharmaka — Wirkungen, Nebenwirkungen und Alternativen« geschrieben, das jetzt in einer überarbeiteten Neuausgabe im Psychiatrie Verlag erschienen ist.

Was dieses Buch besonders macht: Es ist nicht von Ärzten für Ärzte geschrieben. Mit Kerstin Riemenschneider hat eine Betroffene das Buch von Anfang an mitgestaltet. So verbindet es die ärztliche Perspektive mit der Erfahrung einer Peerberaterin, die selbst weiß, was es bedeutet, Psychopharmaka einzunehmen. Denn gerade wenn es um Medikamente für die Psyche geht, reicht Fachwissen allein nicht aus.

Das Buch erklärt verständlich und unabhängig die wichtigsten Medikamentengruppen — von Antidepressiva über Neuroleptika und Stimmungsstabilisierer bis zu Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Es geht um Wirkungen, Risiken, Besonderheiten in Schwangerschaft und höherem Alter, um Alternativen und auch um das Thema Absetzen. Vor allem aber soll es Patientinnen und Patienten sowie Angehörige dabei unterstützen, informiert in Gespräche mit ihren Ärztinnen und Ärzten zu gehen — gut vorbereitet, auf Augenhöhe.

Nehmen Sie teil an der Online-Buchpräsentation!

Am Montag, den 20. April 2026 von 16:00 bis 17:00 Uhr stellen wir das Buch in einer kostenlosen Online-Veranstaltung des Psychiatrie Verlags vor. Nils Greve, Kerstin Riemenschneider und ich erzählen, wie das Buch entstanden ist, was uns bei der Überarbeitung wichtig war und wie Entscheidungen über Medikamente im Dialog besser gelingen können.

Anmeldung per E-Mail an: info@psychiatrie-verlag.de

Das Buch ist im Buchhandel und direkt beim Psychiatrie Verlag erhältlich (176 Seiten, 22 €, ISBN 978-3-86739-375-1).

Ich freue mich, wenn Sie dabei sind!

Psychopharmaka Übersicht

Psychopharmaka sind Medikamente, die auf die Psyche wirken. Sie können Symptome wie Angst, Depression, Schlafstörungen, Psychosen oder Unruhe lindern — aber nur, wenn man versteht, wie sie wirken, wann man sie einsetzt und was sie nicht können. Auf dieser Seite findest Du eine Übersicht über die wichtigsten Wirkstoffgruppen mit Links zu meinen ausführlichen Artikeln, Videos und Kursen.

Ich bin Dr. Jan Dreher, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Klinik Königshof Krefeld. Seit 2012 schreibe ich über Psychopharmaka — praxisnah, unabhängig und verständlich. Mein Buch Psychopharmakotherapie griffbereit (Thieme, 6. Auflage) ist ein Standardwerk für die Kitteltasche.


Antidepressiva

Antidepressiva sind die am häufigsten verordneten Psychopharmaka. Sie wirken nicht nur bei Depressionen, sondern auch bei Angststörungen, Zwangsstörungen und chronischen Schmerzen. Die Wirkung setzt in der Regel nach 2-4 Wochen ein.

Neuroleptika (Antipsychotika)

Neuroleptika werden vor allem bei Psychosen, Schizophrenie und akuter Manie eingesetzt. Die neueren atypischen Neuroleptika haben ein anderes Nebenwirkungsprofil als die älteren Substanzen.

Benzodiazepine und Schlafmittel

Benzodiazepine wirken schnell anxiolytisch, sedierend und muskelrelaxierend — bergen aber ein hohes Abhängigkeitspotenzial. Schlafmittel sind eine der häufigsten Anfragen in der psychiatrischen Praxis.

Stimmungsstabilisierer und Phasenprophylaktika

Lithium, Valproat und Lamotrigin sind die wichtigsten Phasenprophylaktika bei bipolaren Störungen. Lithium bleibt der Goldstandard — trotz engem therapeutischen Fenster.

Weitere Themen


Videokurse Psychopharmakologie

Wenn Du tiefer einsteigen möchtest: In meinen Videokursen erkläre ich Psychopharmakologie strukturiert und praxisnah — vom grossen Psychopharmaka-Kurs bis zur Antidepressiva-Vertiefung.

Viele meiner YouTube-Videos zu Psychopharmaka findest Du auch in der YouTube-Playlist Psychopharmaka-Grundwissen.


PsychCast Katalog — Alle Inhalte durchsuchen

Im PsychCast Katalog findest Du alle meine YouTube-Videos, Podcast-Episoden, Videokurse und mehr — aktuell über 340 Einträge. Nutze die Suche und Filter, um genau das Thema zu finden, das Dich interessiert.

Psychotherapie mit Trans-Personen: Neuer Podcast online!

Ein neuer Podcast ist online:

Dipl.Psych. Andrea Lauber spricht mit mir über Psychotherapie bei Trans-Personen. Welche Rahmenbedingungen gilt es da zu beachten? Wie läuft die psychotherapeutische Unterstützung praktisch ab? Welche Schwierigkeiten stellen sich immer wieder. Wie ist das mit der Detransition in der Praxis? Und was sind die besonderen und auch erfreulichen Aspekte der Psychotherapie bei Trans-Personen.

Du findest die Episode bei meinem Podcast „PsychCast mit Jan“ bei Apple Podcasts, Spotify und jedem üblichen Podcast-Player.

101 Klinische Perlen aus der Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie

Der Gang ist das EKG des Gehirns

Der Gang ist ein sensibler Biomarker für die Funktion und Dysfunktion zentralnervöser Netzwerke und zugleich ein klinisches Fenster in die Gehirnfunktion. Die Kontrolle des Gangs erfordert die Integration motorischer, sensorischer und kognitiver Prozesse, die in weitreichenden Hirnnetzwerken lokalisiert sind, einschließlich des Frontalhirns, der Basalganglien, des Kleinhirns und der spinalen Strukturen. Veränderungen des Gangs können bereits frühzeitig prodromale Hinweise auf sonst noch inapparente progressive neurologische Erkrankungen geben.

  • Snijders, A. H., van de Warrenburg, B. P., Giladi, N., & Bloem, B. R. (2007). Neurological gait disorders in elderly people: clinical approach and classification. Lancet Neurology, 6(1), 63–74. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(06)70678-0
  • Takakusaki, K. (2013). Neurophysiology of gait: from the spinal cord to the frontal lobe. Movement Disorders_: Official Journal of the Movement Disorder Society_, 28(11), 1483–1491. https://doi.org/10.1002/mds.25669
  • Nonnekes, J., Post, E., Imbalzano, G., & Bloem, B. R. (2025). Gait changes with aging: an early warning sign for underlying pathology. Journal of Neurology, 272(4). https://doi.org/10.1007/s00415-025-12995-4

Das ist eine Klinische Perle – ein kurzer, prägnanter Satz, der eine bewährte klinische Wahrheit auf den Punkt bringt. Ein Satz, bei dem man sofort denkt: Ja, genau so ist es.

Kennt ihr die Bücher 101 Rettungsdienst Perlen und 101 Anästhesie Perlen von Dr. Mark Weinert? Ich habe beide letztes Jahr in der Weihnachtszeit gelesen und fand beide super. Das Konzept: 101 Aphorismen – kurze Lehrsätze, die klinische Erfahrung destillieren. Zu jeder Perle gibt es eine Erklärung, was gemeint ist, und eine Einordnung der wissenschaftlichen Evidenz.

Nach einem Austausch mit Mark war klar: Das braucht auch die Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Also schreiben Mark Weinert, Kai Gruhn und ich zusammen genau so ein Buch – 101 Klinische Perlen aus Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie.

Und hier kommt ihr ins Spiel.

Habt ihr einen Satz, der euch durch die Klinik begleitet? Eine Erkenntnis, die ihr Kolleg:innen weitergebt? Einen Lehrsatz, den euch ein Oberarzt, eine Supervisorin oder ein Patient beigebracht hat? Schreibt eure Klinische Perle in die Kommentare – sie könnte es ins Buch schaffen.

Frühjahrsputz beim PsychCast: PsychCast mit Jan ist jetzt überall @psychcastmitjan

Es war zuletzt etwas unübersichtlich geworden: Dieser Blog lief unter der Adresse psychiatrietogo.de, der YouTube-Kanal hieß PsychCast mit Jan, der Podcast hieß PsychCast unterwegs, auf Instagram und Threads war ich unter @psych_cast zu finden, auf TikTok unter @psychcast, auf X (das ich aktuell nicht benutze) unter psychiatrietogo.

Zeit, einmal alles aufzuräumen!

Und da ich nun mal ein personal brand bin, habe ich mich nach langen Gesprächen mit Claude.ai dazu entschieden, alles auf den Namen „PsychCast mit Jan“ zu vereinheitlichen. Das bringt am besten rüber, worum es sich bei allen verschiedenen Plattformen dreht:

Psychiatrie, Psychopharmakologie und Psychotherapie verständlich, praxisrelevant und unabhängig zu erklären. Für Kolleginnen und Kollegen in der Weiterbildung genauso wie für Betroffene, Angehörige und alle, die sich ein ehrliches Bild machen wollen.

Der Name lautet nun einfach immer @psychcastmitjan

PlattformNeuVorher
Bloghttp://www.psychcastmitjan.depsychiatrietogo.de
Emailmail@psychcastmitjan.depsychcastjan@gmail.com
YouTube@psychcastmitjan@psychcast
PodcastPsychCast mit JanPsychCast unterwegs
Instagram@psychcastmitjan@psych_cast
TikTok@psychcastmitjan@psychcast
Mastodon@psychcastmitjan@jandreher
Threads@psychcastmitjan@psych_cast
X@psychcastmitjan@pychiatrietogo
Facebookpsychcastmitjanpsychcast
Linktreelinktr.ee/psychcastmitjanlinktr.ee/psychcast

Das Gute ist: Du musst gar nichts ändern, alle follows, Abos und links bleiben erhalten!

Bei der Gelegenheit habe ich gleich mal diese Webseite hier aktualisiert und etwas modernisiert. Die alte Adresse psychiatrietogo.de bleibt auch erhalten und leitet weiter — niemand landet im Leeren.

Antidementiva

Überarbeitungen bestehender Kapitel oder völlig neue Kapitel für mein Buch Psychopharmakotherapie griffbereit stelle ich immer gerne hier zur Diskussion. Diese Texte unterliegen dann dem Copyright und können nicht ohne Genehmigung des Verlages weiterverwendet werden. Ich bitte euch, sie gründlich zu lesen und hier in die Kommentare zu schreiben, was ihr davon haltet. Sehr viele Verbesserungsvorschläge haben sich so in den letzten Auflagen ihren Weg ins Buch gebahnt und ich meine, dass das Buch wirklich erst so gut geworden ist idurch die crowd-power hier!

Dieses Kapitel habe ich im ersten Schritt mit Hilfe von Chat-GPT auf Aktualität geprüft; wie das aussieht, habe ich in diesem Video dokumentiert.

Und hier habe ich den Inhalt des Kapitels als YouTube Video veröffentlicht:

Und nun: Was denkst Du über diesen Entwurf:

12.3 Antidementiva

12.3.1 Einleitung

Demenzen sind häufig und für Patient:innen und Angehörige eine erhebliche Belastung. Der Wunsch nach einer ursächlichen Behandlung, zumindest einer Linderung der Symptomatik oder wenigstens einer Verzögerung des Krankheitsfortschrittes ist mehr als verständlich. Bedauerlicherweise bleiben die ersten beiden Wünsche bislang unerfüllt: Es gibt aktuell weder eine ursächliche Behandlung noch eine wirksame symptomatische Therapie. Zwar werden Neuroleptika gegen Verhaltensauffälligkeiten eingesetzt, auch kann man begleitende Erkrankungen wie Depressionen mitbehandeln, die eigentliche Kernsymptomatik der Demenzen läßt sich aber nicht positiv beeinflussen.

Und was bewirken dann die gängigen „Antidementiva“? Anders als der Name vermuten läßt, wirken sie nicht der Demenz ursächlich entgegen.

Die kognitiven Effekte sind im Mittel gering; klinisch relevanter könnte sein, dass eine kontinuierliche Behandlung in manchen Studien die Heimaufnahme um einige Monate verzögert.

Eine gute Meta-Analyse zur Wirksamkeit der vier klassischen Antidementiva findet sich hier [2]

Die Verordnungshäufigkeit der Antidementiva nahm in der Zeiit von 2010–2021 in Deutschland insgesamt ab. Eine Auswertung von 357 Hausarzt- und 71 Facharztpraxen zeigt: „Die Antidementiva-Verordnungsrate nahm in Hausarztpraxen ab (von 0,14 % auf 0,10 %),“ während sie in Facharztpraxen leicht „zunahm (2,1 % auf 2,4 %).“ [1]

Die Prophylaxe der Demenz ist in der letzten Zeit etwas in den Vordergrund gerückt. Da viele Demenzen entweder rein vaskulär oder zumindest geschmischt mit einer vaskulären Komponente sind, ist alles, was gefäßprotektiv wirksam ist, auch ein Baustein in der Prävention von Demenzen. Und darüber hinaus hat sich gezeigt, dass körperliche und geistige Aktivität ebenfalls protektiv wirken.

Im Jahr 2025 neu auf den Markt gekommen sind die Antikörper Lecanemab und Donanemab, die sich gegen die alzheimertypischen Plaques wenden. Auch von diesen Medikamenten erhofft man sich promär eine Verzögerung des Fortschreitens der Krankheit. Eine Verbesserung der bereits entstandenen Symptomatik hat sich auch in den Studien nicht gezeigt. Die Anwendung ist jedoch auf eine kleine Patientengruppe im frühen Alzheimer-Stadium beschränkt und aufwändig, hier wird erst die Erfahrung der kommenden Jahre zeigen, welchen Stellenwert diese Substanzen in der Versorgung von Demenzpatienten einnehmen werden.

Antidementiva

Azetylcholinesterasehemmer

  • Galantamin (z. B. Reminyl),
  • Donepezil (z. B. Aricept) und
  • Rivastigmin (z. B. Exelon)

NMDA‑Antagonist

  • Memantin (z. B. Axura).

Antikörper gegen Alzheimer-Plaques zur iv. Anwedung

  • Lecanemab
  • Donanemab

12.3.2 Therapie

Die Indikationen und Wirkweise der Antidementiva erscheinen einem zunächst einmal kompliziert und unklar: Wann soll ich denn nun was geben und wirkt das überhaupt?

Klarheit bietet die S3‑Leitlinie „Demenzen“ (DGPPN/DGN) vom 28.11.2023 (Living‑Guideline)(1).

Die Kurzform lautet in etwa so: Die pharmakologische Behandlung richtet sich nach Demenzform und Schweregrad. Zur Rekapitulation, es gibt die

  • Alzheimer‑Demenz (≈ 60 %)
  • Gemischte Demenz (Alzheimer‑ und vaskuläre Merkmale)
  • Vaskuläre Demenz
  • Frontotemporale Demenz (Morbus Pick)
  • Parkinson‑Demenz
  • Lewy‑Körperchen‑Demenz
  • Andere Demenzen

Morbus Alzheimer

Der Morbus Alzheimer ist mit 60 % die häufigste Demenzform. Ab dem 60. Lebensjahr steigt die Prävalenz über alle Altersstufen kontinuierlich an, von den 85-Jährigen sind bereits 20 % betroffen. Im Krankheitsverlauf atrophiert die Hirnmasse zunehmend durch das Absterben von Neuronen. Dies zeigt sich betont am medialen Temporallappen und am Hippocampus. Es kommt zu einer Erweiterung der Seitenventrikel. Im histologischen Präparat, das aber naturgemäß erst nach dem Tod zur Diagnostik herangezogen werden kann, zeigen sich die für den Morbus Alzheimer typischen und pathognomonischen senilen Plaques und fibrillären Ablagerungen. Die Proteinablagerungen der Plaques bestehen im Wesentlichen aus β-Amyloid. Die intrazellulär gelegenen Neurofibrillenbündel bestehen aus dem Tau-Protein. Dieses aggregiert zu Fibrillen, wenn es besonders stark phosphoryliert ist.

Donepezil, Galantamin und Rivastigmin sind Azetylcholinesterasehemmer. Daher verwundert es nicht, dass diese beim Morbus Alzheimer wirken, denn durch die Hemmung des Abbaus von Azetylcholin steigt dessen zerebrale Verfügbarkeit. Auch der NMDA-Antagonist Memantin ist beim Morbus Alzheimer wirksam.

Differenzialindikation

Es gibt im Rahmen der Behandlung der leichten bis mittelschweren AlzheimerDemenz keine ausreichende Evidenz für die Überlegenheit einer antidementiven Substanz gegenüber einer anderen. Daher gibt es keine Kriterien für einen differenziellen Einsatz dieser Substanzen. Die Auswahl richtet sich nach Applikationsart, individueller Verträglichkeit und Kosten.

Alle 4 verfügbaren Antidementiva können die Symptomatik lindern und etwas verzögern. Dies kann in vielen Situationen bereits ein großer Gewinn sein.

Gemischte Demenz

Bei gemischter Demenz (Alzheimer‑ und vaskuläre Anteile) können AChE‑Hemmer und Memantin wirksam sein.

Vaskuläre Demenz

Bei der Therapie der reinen vaskulären Demenz stehen gefäßprotektive Ansätze im Vordergrund.

Die Leitlinie empfiehlt daher nicht den Einsatz von Antidementiva, die bei der rein vaskulären Demenz auch nicht indiziert sind. Oft kann man aber gerade bei der vaskulären Demenz die Grenze zu einer gemischten Demenz nicht ganz sicher ziehen. Daher unternehmen viele Ärzte einen Therapieversuch mit einem Antidementivum, auch wenn der O ff -Label-Gebrauch (s. Kap. 18 Glossar) verschiedene Probleme mit sich bringt.

Frontotemporale Demenz (Morbus Pick)

Auch für Patienten mit einer frontotemporalen Demenz (Morbus Pick) spricht die Leitlinie keine Empfehlung für ein Antidementivum aus.

Bei diesem Krankheitsbild spielen verhaltensmodulierende Interventionen eine besondere Rolle, daher werden im Rahmen einer frontotemporalen Demenz häufig Sedativa und Neuroleptika eingesetzt.

Parkinson‑Demenz

Die Parkinson-Demenz ist ebenso wie die Demenz vom Alzheimer-Typ durch einen funktionellen Mangel an Azetylcholin gekennzeichnet. Für die Behandlung der Parkinson-Demenz im leichten bis mittleren Stadium ist Rivastigmin zugelassen und zu empfehlen.

Lewy‑Körperchen‑Demenz

Internationale Leitlinien (z. B. NICE) empfehlen Donepezil oder Rivastigmin bei leichter–moderater DLB, Galantamin nur bei Unverträglichkeit; Memantin kann erwogen werden, wenn AChE‑Hemmer nicht möglich sind. In Deutschland bleibt der Einsatz von AChE‑Hemmern bei DLB Off‑Label, kann aber individuell erwogen werden. Wichtig: keine typischen Neuroleptika; atypische nur mit großer Vorsicht (EPS‑Risiko).

12.3.3 Wirkstoffe

Galantamin

  • > Klasse: Azetylcholinesterasehemmer
  • > Handelsname: Reminyl
  • > Zulassung: leichte bis mittelgradige Alzheimer‑Demenz

Galantamin ist ein Pflanzenalkaloid, das aus dem Kleinen Schneeglöckchen, dem Kaukasischen Schneeglöckchen sowie einigen Narzissenarten, wie der Gelben Narzisse (Osterglocke), gewonnen werden kann.

Erstmals isoliert wurde es 1953 aus den Zwiebeln des Kaukasischen Schneeglöckchens. Heutzutage wird der Wirkstoff synthetisch hergestellt.

Nebenwirkungen

Azetylcholinesterasehemmer wie Galantamin werden bei langsamer Aufdosierung in der Regel recht gut vertragen. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Erbrechen, Übelkeit, Schwindel, Appetitlosigkeit, Diarrhoe, Kopfschmerzen und Bradykardien. Galantamin kann in Einzelfällen eine schwere Hautreaktion, das Stevens-Johnson-Syndrom, hervorrufen. Auch eine Verlängerung der QTc-Zeit, die in eine lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung übergehen kann, wird beschrieben.

Mein persönliches Fazit

Bei der Alzheimer-Demenz verwende ich Galantamin gerne, weil es leicht zu dosieren ist. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass es gut verträglich ist.

Donepezil

  • > Klasse: Azetylcholinesterasehemmer
  • > Handelsname: Aricept
  • > Zulassung: leichte bis mittelgradige Alzheimer‑Demenz

Dosierung:

  • > 5 mg/Tag im ersten Monat
  • > danach 10 mg/Tag möglich.

Nebenwirkungen

Die häufigsten Nebenwirkungen unter Donepezil sind Durchfall, Übelkeit, Schwindel, Obstipation oder Kopfschmerzen.

Mein persönliches Fazit

Donepezil verwende ich insbesondere bei schweren Krankheitsverläufen.

Rivastigmin

  • > Klasse: Azetylcholinesterasehemmer
  • > Handelsname: Exelon
  • > Darreichung: Kapsel, Lösung, Pflaster
  • > Zulassung: u. a. Alzheimer‑ und Parkinson‑Demenz

Dosierung

Kapseln

  • in den ersten 2 Wochen: 1,5–0–1,5 mg
  • 3. und 4. Woche (bei guter Verträglichkeit): 3–0–3 mg
  • alle 2 Wochen: Steigerung jeweils um 2 × 1,5 mg möglich
  • wirksame Zieldosis: zwischen 3–0–3 mg und 6–0–6 mg
  • Wenn die Behandlung länger als 3 Tage unterbrochen wurde, ist der Wiederbeginn mit 1,5–0–1,5 mg und anschließender Dosistitration notwendig.

Pflaster (transdermal)

  • Start 4,6 mg/24 h
  • nach mind. 4 Wochen 9,5 mg/24 h
  • Eskalation auf 13,3 mg/24 h kann nach ~6 Monaten bei klinischer Verschlechterung erwogen werden.

Nebenwirkungen

Unter Rivastigmin-Therapie sind auch gastrointestinale Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Diarrhoe häufig. Bei Verwendung von Pflastern kommt es seltener zu diesen Nebenwirkungen als bei Verabreichung von Kapseln.

Persönliches Fazit

Die Applikationsart als Pflaster stellt ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den anderen Antidementiva dar. Die Pflaster können gerade bei Patienten mit Schluckbeschwerden sehr praktisch sein. Darüber hinaus ist es aufgrund seiner Zulassung das Medikament der 1. Wahl zur Therapie der Parkinson-Demenz.

Memantin

  • > Klasse: NMDA‑Antagonist
  • > Handelsname: Axura
  • > Zulassung: mittelgradige bis schwere Alzheimer‑Demenz

Eine Zulassung für die leichte Demenz besteht für Memantin nicht. Insgesamt ist die Wirksamkeit von Memantin bei der moderaten bis schweren Alzheimer-Demenz gering, aber nachweisbar. Aufgrund der fehlenden zugelassenen pharmakologischen Alternativen und der besonderen Schwere der Betreuungssituation von Patienten mit moderater bis schwerer Alzheimer-Demenz kommt der Behandlung mit Memantin bei diesen Patienten jedoch eine Bedeutung zu.

Dosierung

Die Dosierung ist einfach und durch die speziellen Starterpakete unmissverständlich:

  • 1. Woche: 5–0–0 mg
  • 2. Woche: 10–0–0 mg
  • 3. Woche: 15–0–0 mg
  • ab der 4. Woche: 20–0–0 mg

Bei schlechter Verträglichkeit kann die Aufdosierung langsamer erfolgen. Die Zieldosis beträgt 20 mg/Tag.

Nebenwirkungen

Memantin kann Durchfall, Übelkeit, Schwindel, Obstipation und Kopfschmerzen verursachen.

Mein persönliches Fazit

Memantin ist nicht für leichte Demenzformen, aber für mittelgradige bis schwere Demenzen zugelassen. Da diese gerade in der Klinik besonders häufig vorkommen, hat es für mich einen besonderen Stellenwert.

Lecanemab

  • > Klasse: monoklonaler Antikörper gegen aggregiertes Amyloid‑β
  • > Handelsname: Leqembi
  • > EU‑Zulassung: 15.04.2025
  • > Indikation: frühe Alzheimer‑Erkrankung (MCI/leichte Demenz) bei ApoE ε4 Nicht‑Trägern oder Heterozygoten mit bestätigter Amyloid‑Pathologie
  • Dosierung: 10 mg/kg i.v. Infusion alle 2 Wochen (≈ 1 h)
  • Monitoring: verpflichtendes MRI‑Schema (Baseline und vor der 3., 5., 7. und 14. Infusion) zur ARIA‑Erkennung; kontrollierter Zugang/Registrierung, Aufklärung inkl. Patientenausweis
  • Kontraindikationen/relative Ausschlüsse: u. a. unkontrollierte Blutungsstörungen; relevante MRI‑Befunde (z. B. > 4 Mikroblutungen, Superfizial‑Siderose); keine Einleitung unter laufender Antikoagulation
  • Sicherheitsprofil: ARIA‑E/-H als zentrale Risiken; Dosisunterbrechung/Abbruch nach Schweregrad/Symptomatik

Lecanemab ist ein neues Therapeutikum, zu dem derzeit noch klinische Erfahrungen gesammelt werden. Aufgrund der aufwendigen Diagnostik und der engen Patientenselektion sollte die Behandlung ausschließlich in spezialisierten Zentren erfolgen.

Die Effektstärke auf dementielle Symptome gemessem mit dem Item „Clinical Dementia Rating – Sum of Boxes“ beträgt laut einer Meta-Analyse ca. 0,25. [3]

Literatur

Copyright

Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

Überarbeitung des Kapitels zu Lamotrigin im Buch…

Es ist gute Sitte, neue und von Grund auf überarbeitete Kapitel in meinem Buch Psychopharmakotherapie griffbereit hier zur Diskussion zu stellen. Der Text dieser Überarbeitung des Kapitels Lamotrigin steht daher unter Copyright. Ich bitte euch, ihn zu lesen und in den Kommentaren Verbesserungsvorschläge zu formulieren.

Es gibt ja nun auch ein Video zu Lamotrigin, das findest Du hier:

5.3.4 Lamotrigin

  • ist ein in der Regel gut verträgliches Antiepileptikum.
  • wird in der Phasenprophylaxe Bipolarer Störungen eingesetzt, wenn vornehmlich depressive Episoden bestanden haben.
  • muss langsam aufdosiert werden, da es sonst zu problematischen Hautveränderungen bis hin zum Stevens-Johnson-Syndrom kommen kann.

Lamotrigin ist seit 1993 als Antikonvulsivum zugelassen. Seit 2003 wird es auch zur Phasenprophylaxe bei bipolaren Störungen eingesetzt.

Pharmakologie

Lamotrigin blockiert Natrium- und spannungsabhängige Kalziumkanäle der Nervenzellen und verhindert die Freisetzung der erregenden Neurotransmitter Aspartat und Glutamat. So können sich Reize nur noch vermindert von einer Nervenzelle zu einer anderen ausbreiten.

Klinischer Einsatz

In der Epileptologie ist Lamotrigin für die Indikationen fokale und sekundär generalisierte epileptische Anfälle ein gut bewährtes Medikament, es führt hier bei 40–60 % der Patienten zur Anfallsfreiheit. Ebenfalls erfolgreich wird es in der Behandlung von Polyneuropathien eingesetzt.

In der Psychiatrie wird es Phasenprophylaktikum eingesetzt. Dabei wirkt es zur Verhinderung von manischen Phasen schlechter als Lithium. Aber in der Verhinderung von depressiven Phasen ist seine Wirksamkeit nach der Studienlage etwas gleich gut wie die des Lithiums, bei oft besserer Verträglichkeit.

Insbesondere, wenn in der Vergangenheit depressive Phasen ganz im Vordergrund stehen, kann Lamotrigin also eine gute Wahl sein.

Dosierung

  • 1. und 2. Woche: 25 mg/Tag
  • 3. und 4. Woche: 50 mg/Tag
  • 5. Woche: 100 mg/Tag
  • Ab Woche 6: 200 mg/Tag
  • Zieldosis: 200 mg/Tag
  • Einige Patient:innen brauchen Dosierungen bis zu: 400 mg/Tag. Bitte Fachinformationen beachten.

Wenn das Medikament 5 Tage oder länger pausiert worden ist, muss eine neue Eindosierung entsprechend dieses Schemas erfolgen. Man kann nach einer mehrtägigen Pause nicht einfach wieder die alte Dosis geben, da sonst das Risiko von Hautveränderungen erhöht wäre.

Nebenwirkungen

Die Dosierung von Lamotrigin darf nicht schneller als oben angegeben gesteigert werden, da sonst häufig Hautveränderungen auftreten. Teilweise handelt es sich dabei nur um ein kleinfleckiges Exanthem, das es erlaubt, die Dosis zu halbieren und einige Zeit abzuwarten. Wenn es vollständig verschwindet, ist es möglich, unter sorgfältiger Beobachtung die Dosis wieder zu steigern.

Tritt jedoch ein echtes Exanthem auf, muss Lamotrigin sofort vollständig abgesetzt werden, da sonst die Gefahr besteht, dass ein Stevens-Johnson-Syndrom ausgelöst wird, das lebensbedrohlich sein kann. Dabei ist das Risiko für das Auftreten eines Stevens Johnson-Syndroms erhöht bei zu schneller Titration, in Kombination mit Valproat, in den ersten 8 Wochen der Behandlung und bei bestimmten asiatischen Populationen, die ein erhöhtes genetisches Risiko tragen können.1

Außer diesen Hautveränderungen gibt es noch weitere unerwünschte Wirkungen, die vorkommen können. Am häufigsten berichtet werden

  • Kopfschmerz
  • Schwindel
  • Übelkeit
  • Schlafstörungen
  • Sedierung
  • Kognitive Störungen wie Wortfindungsstörungen
  • Auto-Immun-Prozesse

Insgesamt gilt Lamotrigin bei langsamer Aufdosierung als gut verträglich.

Interaktionen

Die Kombination von Lamotrigin mit Valproat kann klinisch sinnvoll sein, sie ist aber schwierig. Zum einen steigt in dieser Kombination das Risiko für das Auftreten eines Stevens-Johnson-Syndroms. Zum anderen kann die gleichzeitige Gabe von Valproat den Lamotrigin-Spiegel erhöhen. Es sind daher Blutspiegelkontrollen und ein besonders langsames Aufdosieren erforderlich.

Zusammen mit östrogenhaltigen Kontrazeptiva kann der Lamotrigin-Spiegel um bis zu 50 % reduziert sein, auch hier ist die Überwachung der Blutspiegel sinnvoll.

Wirksamkeitsvergleich mit Lithium

Es gibt mehrere Meta-Analysen zur Frage der Wirkstärke von Lamotrigin im direkten Vergleich zu Lithium (Oya 2019: Lithium & Lamotrigin Maintenance; Haenen et al. 2024 u.a.) Die Ergebnisse sind im Wesentlichen:

  • Lamotrigin ist in der Prophylaxe depressiver Episoden ähnlich gut wirksam wie Lithium.
  • Es ist nicht gut wirksam in der Prophylaxe manischer Episoden, hier ist Lithium wirkstärker.
  • Lamotrigin kann nicht eingesetzt werden gegen akute Manien.
  • Die suizidprophylaktische Wirkung ist nur für Lithium nachgewiesen.
  • Die Verträglichkeit von Lamotrigin kann besser sein als die von Lithium.

Mein persönliches Fazit

Lithium ist besser wirksam, wenn sich der bisherige Verlauf einer bipolaren Störung auch durch relevante manische Episoden gezeigt hat. Wenn es sich hingegen um eine Bipolar II Störung mit hauptsächlich depressiven Episoden handelt, kann Lamotrigin gleich wirksam und besser verträglich sein.

Für mich persönlich ist Lithium in der Behandlung bipolarer Störung meist das Mittel der ersten Wahl. Wird Lithium nicht vertragen, ist Lamotrigin bei Frauen im gebährfähigen Alter und bei Männern mit Kinderwunsch für mich das Mittel der zweiten Wahl (Valproat kann auch dann teratogen sein, wenn die Väter es zum Zeitpunkt der Zeugung oder in den Wochen davor eingenommen haben). Man kann Lamotrigin auch mit einem anderen Phasenprophylaktikum kombinieren, wobei Valproat schwierig ist.

Dabei muss man sich immer an die langsame Aufdosierung halten, auch nach einer Medikationspause von wenigen Tagen und sorgsam auf neu auftretende Hautveränderungen achten.

Literatur

  • [57] McKnight RF, Adida M, Budge K et al. Lithium toxicity profile: a systematic review and meta-analysis. Lancet 2012; 379: 721–728. doi:10.1016/S0140-6736(11)61516-X
  • [58] BfARM. Rote-Hand-Brief. Valproat: Neue Anwendungseinschränkungen; Einführung des Schwangerschaftsverhütungsprogramms (09.11.2018). Im Internet: http://www.bfarm.de/SharedDocs/Risi-
  • koinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RHB/2018/rhb-valproat.pdf?__blob=publicationFile&v=3;
  • [59] BfARM. Rote-Hand-Brief. Arzneimittel, die Valproat und -verwandte Substanzen enthalten: Risiko für Anomalien des Neugeborenen (12.12.2014). Im Internet: https://www.bfarm.de/SharedDocs/ Downloads/DE/Arzneimittel/Pharmakovigilanz/Risikoinformationen/RI_rhb/2014/valproat-rhb.
  • [60] DGBS e. V., DGPPN e. V., Hrsg. S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen. Langversion 2.1 (2019). Im Internet: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/038-019l_S3_Bipolare-Stoerungen-Diagnostik-Therapie_2020-05.pdf; Stand: 08.01.2021
  • [61] Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e. V. (DGBS). Homepage (o.A.). Im Internet: http://www.dgbs.de; Stand: 09.02.2020

Copyright

Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.

  1. Bloom R, Amber KT. Identifying the incidence of rash, Stevens-Johnson syndrome and toxic epidermal necrolysis in patients taking lamotrigine: a systematic review of 122 randomized controlled trials. An Bras Dermatol 2017;92(1):139-141. http://dx.doi.org/10.1590/abd1806-4841.20175070 ↩︎

Lamotrigin: Wirkung, Dosierung, Nebenwirkungen

Lithium ist der Goldstandard in der Behandlung bipolarer Störungen, es ist aber manchmal aufgrund von Nebenwirkungen, manchmal aufgrund von mangelnder Wirkung nicht für jeden geeignet. Auch Valproat hat seine Einschränkungen, so kann man es Frauen im gebärfähigen Alter nur unter sehr hohen Sicherheitsmaßnahmen verordnen, da es wirklich fruchtschädigend ist; praktisch kommt Valproat eigentlich nur für Männer in Frage.
Hier kommt Lamotrigin ins Spiel: Für die Verhinderung von depressiven Phasen im Rahmen einer bipolaren Störung ist es gut verträglich und evidenzbasiert wirksam. Weniger stark ist es in der Verhinderung von manischen Episoden.

In diesem Artikel erkläre ich dir, was du über Lamotrigin wissen solltest — wie es wirkt, wann es eingesetzt wird, welche Nebenwirkungen wichtig sind und worauf bei der Dosierung zu achten ist. Ich habe auch ein Video zu Lamotrigen erstellt, das findest Du hier:

Was ist Lamotrigin?

Lamotrigin (z.B. Lamictal®, Elmendos®, Lamotrigin AbZ®, Lamotrigin Heumann®, Lamotrigin-1A Pharma®) ist ursprünglich ein Antiepileptikum aus den 1990er Jahren. In der Psychiatrie hat es sich seitdem einen festen Platz erobert — vor allem in der Phasenprophylaxe der bipolaren Störung. Es gehört nicht zu den Antidepressiva im klassischen Sinn, wirkt aber stabilisierend gegen depressive Episoden bei bipolar erkrankten Patienten.

Wie wirkt Lamotrigin?

Der genaue Wirkmechanismus ist nicht vollständig geklärt. Lamotrigin blockiert spannungsabhängige Natriumkanäle und dämpft dadurch die Freisetzung erregender Neurotransmitter wie Glutamat. Das stabilisiert übererregbare Nervenzellen — und genau dieser Effekt scheint auch erklären zu können, warum Lamotrigin die Stimmung über einen längeren Zeitraum hinweg stabilisiert, ohne sedierend oder antriebsdämpfend zu wirken.

Wann wird Lamotrigin eingesetzt?

Die wichtigste psychiatrische Indikation ist die Phasenprophylaxe der bipolaren Störung — insbesondere dann, wenn depressive Episoden überwiegen. Lithium und Valproat schützen besser vor manischen Phasen; Lamotrigin zeigt seine Stärke auf der depressiven Seite. Genau diese Lücke füllt es im therapeutischen Werkzeugkasten.

Daneben hat Lamotrigin natürlich seine ursprünglichen Indikationen in der Neurologie — als Antiepileptikum bei fokalen und generalisierten Anfällen. Off-Label wird es manchmal auch bei Borderline-Persönlichkeitsstörung oder schweren therapieresistenten Depressionen eingesetzt, allerdings ist die Datenlage hier weniger eindeutig.

Dosierung von Lamotrigin

Die Dosierung von Lamotrigin ist nicht trivial — und der Grund dafür ist das Hautrisiko (dazu gleich mehr). Die langsame Eindosierung ist nicht optional, sondern Pflicht:

  • Woche 1–2: 25 mg täglich
  • Woche 3–4: 50 mg täglich
  • Ab Woche 5: Steigerung in 50-mg-Schritten alle ein bis zwei Wochen
  • Zieldosis: meist 100–200 mg täglich (Phasenprophylaxe), in der Neurologie auch höher

Wichtig: Bei gleichzeitiger Einnahme von Valproat muss die Dosis halbiert werden, weil Valproat den Abbau von Lamotrigin hemmt und die Spiegel deutlich ansteigen. Umgekehrt beschleunigen enzyminduzierende Antiepileptika (Carbamazepin, Phenytoin) den Abbau — hier muss höher dosiert werden.

Nebenwirkungen von Lamotrigin

Die mit Abstand wichtigste Nebenwirkung, die jeder Patient unter Lamotrigin kennen muss, ist das Stevens-Johnson-Syndrom. Es ist selten, kann aber lebensbedrohlich verlaufen. Typisch ist ein Hautausschlag, der sich in den ersten acht Wochen nach Beginn der Therapie zeigt — oft beginnend im Gesicht oder am Stamm, mit Blasenbildung und Schleimhautbeteiligung. Jeder Hautausschlag unter Lamotrigin ist ein Notfall, bis das Gegenteil bewiesen ist: Medikament sofort absetzen und Vorstellung beim Arzt.

Genau aus diesem Grund die langsame Eindosierung: Studien zeigen, dass das Risiko für schwere Hautreaktionen drastisch sinkt, wenn die Dosis sanft hochgefahren wird.

Davon abgesehen ist Lamotrigin meist erstaunlich gut verträglich. Häufiger sind milde Nebenwirkungen wie:

  • Kopfschmerzen
  • Müdigkeit oder umgekehrt Schlafstörungen
  • Schwindel
  • Doppeltsehen, Sehstörungen
  • Übelkeit zu Beginn

Viele dieser Beschwerden klingen nach den ersten Wochen ab. Lamotrigin macht in der Regel nicht müde, nicht sediert und führt nicht zu Gewichtszunahme — drei Eigenschaften, die viele Patienten zu schätzen wissen.

Wirksamkeit

Die Studienlage zur Phasenprophylaxe ist solide. Lamotrigin schützt nachweislich vor neuen depressiven Episoden bei Patienten mit bipolarer Störung. Bei manischen Phasen ist es deutlich schwächer als Lithium oder Valproat — wer also primär mit manischen Episoden zu kämpfen hat, ist mit anderen Substanzen besser bedient. Wer dagegen die depressive Seite der bipolaren Störung mit langen, schweren Tiefs erlebt, profitiert oft sehr.

Als Akutbehandlung einer bipolaren Depression ist Lamotrigin weniger geeignet — der Wirkungseintritt ist zu langsam, weil man wegen des Hautrisikos so langsam eindosieren muss. In der Akuttherapie sind andere Substanzen schneller. Aber als langfristige Stabilisierung ist Lamotrigin eine der wertvollsten Optionen, die wir haben.

Sinnvolle Kontrolluntersuchungen

Routinemäßige Spiegelkontrollen sind anders als bei Lithium oder Valproat nicht erforderlich. Auch eine regelmäßige Laborkontrolle ist nicht vorgeschrieben. Was zählt, ist die klinische Beobachtung:

  • In den ersten acht Wochen besonders aufmerksam auf Hautveränderungen achten
  • Bei Kombination mit Valproat: Dosisanpassung mitdenken
  • Bei deutlich verändertem Bedarf (zum Beispiel hormonelle Verhütung gestartet oder beendet) kann eine Spiegelkontrolle helfen

Mein persönliches Fazit

Lamotrigin hat einen festen Stellenwert in der Behandlung der bipolaren Störung. Wenn Lithium und Valproat nicht einsetzbar sind (fehlende Wirkung/ schlechte Verträglichkeit) und depressive Episoden weitgehend im Vordergrund stehen, denke ich an Lamotrigin. Die langsame Eindosierung verlangt etwas Geduld, kann sich langfristig aber auszahlen, wenn es den Menschen langfristig stabil hält, ohne relevante Müdigkeit oder Gewichtszunahme.

Wenn du tiefer einsteigen möchtest: Im Video oben gehe ich Schritt für Schritt durch alle relevanten Punkte — inklusive Patientengeschichte, Hörerinnen-Fragen und meinem ausführlichen klinischen Fazit. Mehr Hintergrund zur bipolaren Störung findest du im Artikel zur Behandlung der bipolaren Störung, und einen Vergleich zu Lithium gibt es im Lithium-Hub.

Melatonin: Wirkung, Dosierung und Nebenwirkungen

Melatonin ist eines der am häufigsten verwendeten Schlafmittel überhaupt. In niedrigen Dosierungen ist es in Deutschland rezeptfrei als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich, in der höheren Dosis von 2 mg retard ist es verschreibungspflichtig. Doch was kann Melatonin wirklich — und wo liegen seine Grenzen? In diesem Artikel erkläre ich dir alles Wichtige zu Wirkung, Dosierung und Nebenwirkungen von Melatonin.

Was ist Melatonin?

Melatonin ist ein Hormon, das in der Zirbeldrüse (Epiphyse) des Gehirns produziert wird. Es ist ein wichtiger Baustein in der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Die Produktion von Melatonin wird durch Dunkelheit angeregt und durch Tageslicht gehemmt. In der Nacht steigt der Melatoninspiegel im Blut an und erreicht sein Maximum gegen 3 Uhr morgens.

Die Melatoninproduktion ist abhängig vom Alter und von der Jahreszeit. Mit zunehmendem Alter nimmt sie ab, was eine Erklärung dafür sein könnte, dass ältere Menschen häufiger unter Schlafstörungen leiden. Auch die Lichtexposition am Abend — zum Beispiel durch Bildschirme — kann die Melatoninproduktion stören.

Wirkung von Melatonin als Schlafmittel

Melatonin wirkt anders als die meisten anderen Schlafmittel: Es erzwingt keinen Schlaf, sondern stellt den körpereigenen Schlaf-Wach-Rhythmus ein. Es signalisiert dem Körper gewissermaßen, dass es Nacht ist und Zeit zum Schlafen.

In einer großen Metaanalyse aus dem Jahr 2017 zeigte sich ein signifikanter Effekt von Melatonin auf Einschlaf- und Durchschlafstörungen. Allerdings sind die Ausmaße der Verbesserungen eher klein: Im Mittel wurde die Einschlafzeit um 5–10 Minuten verkürzt. Das klingt nach wenig, kann aber für Betroffene mit ausgeprägten Einschlafproblemen durchaus relevant sein.

Anders als Benzodiazepine oder Z-Substanzen wie Zolpidem verändert Melatonin die Schlafarchitektur nicht. Es stört weder den REM-Schlaf noch andere wichtige Schlafphasen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber vielen anderen Schlafmitteln.

Dosierung von Melatonin

Es gibt zwei wesentliche Dosierungsbereiche für Melatonin:

Verschreibungspflichtiges Melatonin (Circadin): 2 mg retard zur Nacht. Es ist zugelassen zur Behandlung von primärer Insomnie bei Patienten ab dem 55. Lebensjahr. Die Einnahme erfolgt 1 Stunde vor dem Schlafengehen, und zwar über einen Zeitraum von 13 Wochen.

Rezeptfreies Melatonin: In niedrigeren Dosierungen (meist 0,5–1 mg) wird Melatonin in Deutschland rezeptfrei als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben. Ob diese rechtliche Einordnung dauerhaft Bestand haben wird, ist noch unklar. Auch der klinische Nutzen in dieser niedrigen Dosierung ist umstritten.

Wann hilft Melatonin besonders gut?

Melatonin wird schon länger erfolgreich bei Jetlag und bei Schlafstörungen durch Schichtarbeit eingesetzt — also überall dort, wo der Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinandergeraten ist. Seit einigen Jahren wird es zunehmend auch gegen die normale Schlafstörung eingesetzt.

Besonders gut wirkt Melatonin bei vollständig blinden Menschen, die ihren Schlaf-Wach-Rhythmus nicht über Licht regulieren können. Hier ist die Wirksamkeit so überzeugend, dass mit Tasimelteon sogar ein spezieller Melatonin-Rezeptor-Agonist als Orphan Drug zugelassen wurde.

Auch das Antidepressivum Agomelatin (s. Abschnitt 3.6.9 in meinem Buch „Psychopharmakotherapie griffbereit“) ist ein Melatonin-Rezeptor-Agonist und wirkt neben seiner antidepressiven Wirkung besonders gut gegen Schlafstörungen.

Nebenwirkungen von Melatonin

Melatonin ist insgesamt sehr gut verträglich. Die wichtigsten Vorteile im Vergleich zu anderen Schlafmitteln:

  • Es macht nicht abhängig.
  • Es verursacht keine Toleranzentwicklung — die Wirkung lässt also nicht nach.
  • Es verändert die Schlafarchitektur nicht (kein Einfluss auf REM-Schlaf).
  • Es verursacht in der Regel keinen Überhang am nächsten Morgen.

Gelegentlich können Kopfschmerzen, Schwindel oder leichte Tagesmüdigkeit auftreten. Insgesamt sind die Nebenwirkungen aber deutlich geringer als bei fast allen anderen Schlafmitteln.

Melatonin im Eskalationsplan Schlafstörungen

Ich orientiere mich in der Behandlung von Schlafstörungen an folgendem Stufenplan:

  1. Gute Schlafhygiene (kühles Schlafzimmer, feste Schlafenszeiten, kein Koffein nach 15 Uhr)
  2. Pflanzliche Schlafmittel (Baldrian, Hopfen)
  3. Melatonin
  4. Antihistaminika (z. B. Doxylamin)
  5. Daridorexant
  6. Antidepressiva (z. B. Trimipramin, Mirtazapin in niedriger Dosis)
  7. Niederpotente Neuroleptika
  8. Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon)
  9. Benzodiazepine
Stufenplan Schlafmedikamente: Von Schlafhygiene über Melatonin bis Benzodiazepine
Stufenplan Schlafmedikamente

Melatonin steht in diesem Stufenplan relativ früh — und zwar vor allem deshalb, weil es nicht abhängig macht und die Schlafarchitektur nicht stört. Es ist damit ein guter erster medikamentöser Schritt, bevor man zu stärkeren Schlafmitteln greift.

Mein persönliches Fazit

Melatonin ist kein Wundermittel. Es wird den Schlaf nicht erzwingen, und bei schweren Schlafstörungen reicht es allein oft nicht aus. Aber es ist ein sinnvoller Baustein in der Behandlung von Schlafstörungen — besonders bei Patienten mit einem gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus, bei Jetlag und bei älteren Patienten mit nachlassender körpereigener Melatoninproduktion.

Die verschreibungspflichtige 2-mg-Retardform (Circadin) ist der rezeptfreien Niedrigdosis aus meiner Sicht vorzuziehen, da hier die Datenlage besser ist. In meiner klinischen Praxis setze ich Melatonin gerne als ersten medikamentösen Schritt ein, wenn Schlafhygiene und pflanzliche Mittel allein nicht ausreichen.

Dieser Artikel basiert auf meinem Buch Psychopharmakotherapie griffbereit. Dort findest du das vollständige Kapitel zu Melatonin und allen anderen Schlafmitteln mit ausführlichen Informationen zu Pharmakologie, Dosierung und Nebenwirkungen.