Quetiapin, bekannt unter dem Handelsnamen Seroquel, wurde bei seiner Einführung primär als Neuroleptikum zur Behandlung der Psychose eingesetzt. Inzwischen hat sich das Bild aber grundlegend gewandelt: In der klinischen Praxis wird Quetiapin heute viel häufiger in niedrigen Dosierungen als Sedativum und zur Schlafförderung verordnet als in den hohen Dosierungen, die für eine antipsychotische Wirkung nötig wären. Damit ist Quetiapin eines der meistverordneten Psychopharmaka in Deutschland geworden — mit einem erstaunlich breiten Einsatzspektrum. In diesem Artikel erkläre ich dir als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie alles, was du über Quetiapin wissen solltest.
Zu Quetiapin habe ich auch ein ausführliches Video auf meinem YouTube-Kanal gemacht. Schau es dir hier an:
Was ist Quetiapin?
Quetiapin ist ein atypisches Neuroleptikum. Das bedeutet, dass es im Vergleich zu den älteren, sogenannten typischen Neuroleptika ein günstigeres Nebenwirkungsprofil hat — insbesondere treten weniger extrapyramidalmotorische Störungen (EPMS) wie Bewegungsstörungen auf. Quetiapin wurde zunächst ausschließlich als Neuroleptikum zur Behandlung der Schizophrenie vermarktet. Im Laufe der Jahre wurden die Indikationen dann immer weiter ausgedehnt: Zunächst wurde es auch für die Therapie der Manie zugelassen, später für die Phasenprophylaxe bei der bipolaren Störung und schließlich auch zur Unterstützung der Therapie einer depressiven Episode als Ergänzung zu einem Antidepressivum.
Pharmakologie von Quetiapin
Quetiapin blockiert mehrere Rezeptorsysteme im Gehirn. Es ist ein Antagonist an 5-HT₂A- und D₂-Rezeptoren, was es zu einem atypischen Neuroleptikum macht. Darüber hinaus blockiert es relativ stark auch H₁-Rezeptoren (Histaminrezeptoren), M₁-Rezeptoren (muskarinische Rezeptoren) und α₁-Adrenorezeptoren.
Für das Verständnis der klinischen Wirkung ist das Rezeptorprofil entscheidend: Die Blockade der Histaminrezeptoren begründet die ausgeprägte sedierende Wirkung, die gerade in den ersten Behandlungstagen sehr deutlich sein kann. Die Blockade der α₁-Adrenorezeptoren führt insbesondere zu Beginn der Behandlung beim unretardierten Quetiapin nicht selten zu einer orthostatischen Dysregulation — also einem Blutdruckabfall beim Aufstehen, der zu Schwindel führen kann.
Dosierung von Quetiapin
Das Besondere an Quetiapin ist seine stark dosisabhängige Wirkung. Je nach Dosierung entfaltet es ein ganz unterschiedliches Wirkprofil:
- Zur Sedierung und als Schlafmittel: 25–100 mg/Tag. In diesem Dosisbereich steht die sedierende Wirkung über die Histaminrezeptor-Blockade im Vordergrund. Dies ist der mit Abstand häufigste Einsatz in der Praxis.
- In der Gerontopsychiatrie: 12,5–150 mg/Tag. Hier wird Quetiapin gerne bei psychotischen Symptomen im Alter oder bei Morbus Parkinson eingesetzt.
- Zur Akuttherapie der Psychose: 400–800 mg/Tag. Eine verlässliche Kontrolle der akuten Positivsymptomatik stellt sich meist erst ab einer Dosis von etwa 600 mg ein. Die zugelassene Maximaldosis liegt bei 800 mg/Tag, in Ausnahmefällen werden in der Akutpsychiatrie auch höhere Dosierungen von bis zu 1200 mg eingesetzt (individueller Heilversuch).
- Zur Rezidivprophylaxe einer Psychose: 300–800 mg/Tag.
Es gibt Quetiapin sowohl in einer unretardierten als auch in einer retardierten Form. Die retardierte Formulierung führt zu einer gleichmäßigeren Wirkstofffreisetzung und reduziert die subjektiv wahrgenommene Sedierung, die viele Patienten als belastend empfinden.
Klinischer Einsatz
Quetiapin hat in der psychiatrischen Praxis eine bemerkenswert breite Verwendung gefunden, die weit über die ursprüngliche Zulassung hinausgeht:
In niedriger Dosierung (25–100 mg) wird es sehr häufig zur Sedierung eingesetzt — bei Schlafstörungen, bei innerer Unruhe, bei Grübelneigungen depressiver Patienten und als schlafanstoßendes Medikament. Dieser Einsatz macht den Löwenanteil der Quetiapin-Verschreibungen aus, obwohl Quetiapin für diese Indikation nicht offiziell zugelassen ist (Off-Label-Use).
In hoher Dosierung (ab ca. 400–600 mg) wirkt es antipsychotisch und kommt bei der Behandlung der akuten Psychose und der Manie zum Einsatz. Hier wirkt es zuverlässig, wobei die Dosierung für die Akutbehandlung einer Psychose ausreichend hoch gewählt werden muss.
Darüber hinaus wird Quetiapin als zusätzliche Behandlung bei einer ganzen Reihe anderer Grunderkrankungen eingesetzt, zum Beispiel bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen, neurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen. In der Gerontopsychiatrie ist es besonders beliebt zur Behandlung psychotischer Symptome bei Morbus Parkinson, da es unter den Neuroleptika vergleichsweise wenige extrapyramidalmotorische Nebenwirkungen verursacht.
Nebenwirkungen von Quetiapin
Die Nebenwirkungen von Quetiapin hängen stark mit seinem Rezeptorprofil zusammen:
- Müdigkeit und Sedierung: Die häufigste Nebenwirkung, bedingt durch die Blockade der H₁-Rezeptoren. Insbesondere bei morgendlicher Gabe und bei unretardiertem Quetiapin kann eine deutliche Tagesmüdigkeit auftreten.
- Orthostatische Dysregulation: Durch die α₁-Rezeptor-Blockade kann es gerade zu Beginn der Behandlung zu Blutdruckabfällen beim Aufstehen kommen. Ein langsames Aufdosieren hilft, diese Nebenwirkung zu minimieren.
- Gewichtszunahme: Ein relevantes Problem, das bei der Langzeitbehandlung zunehmend in den Fokus gerückt ist. Quetiapin kann zu einer deutlichen Gewichtszunahme führen.
- Metabolisches Syndrom: In den letzten Jahren wurde erkannt, dass das metabolische Syndrom unter Quetiapin häufiger auftritt als zunächst angenommen. Die Herstellerfirma empfiehlt inzwischen regelmäßige Kontrollen von Körpergewicht (BMI), Hüftumfang, Blutdruck, Nüchternglukose und Blutfetten.
Mein persönliches Fazit
Quetiapin ist ein vielseitiges Medikament, das in der Psychiatrie seinen festen Platz hat. Man muss aber zwei Dinge klar unterscheiden: In niedriger Dosierung ist es vor allem ein Sedativum mit antihistaminerger Wirkung. Die eigentliche antipsychotische Wirkung entfaltet sich erst in deutlich höheren Dosierungen.
Die sehr weite Ausdehnung der Indikationsgebiete und die breite Verschreibungspraxis sehe ich durchaus kritisch. Atypische Neuroleptika sind bei einer akuten manischen Episode wirksam — das gilt auch für Quetiapin. Es ist allerdings überraschend, dass ein Neuroleptikum auch bei depressiven Episoden und zur Rezidivprophylaxe der bipolaren Störung wirksam sein soll. Ich empfehle, sich hierzu selbst einen Überblick über die Studienlage zu verschaffen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Nicht unterschätzen sollte man die Gewichtszunahme unter Quetiapin. Sie tritt nicht selten in einem deutlichen Ausmaß auf und muss mindestens engmaschig im Auge behalten werden. Oft ist die zu erwartende Gewichtszunahme aber auch ein Grund, Quetiapin gar nicht erst einzusetzen und stattdessen auf verträglichere Alternativen auszuweichen.
2 Gedanken zu “Quetiapin (Seroquel): Wirkung, Dosierung und Nebenwirkungen”