Clozapin gilt als das wirksamste Antipsychotikum, das wir haben. Es wird seit 1972 eingesetzt und kann Patienten helfen, bei denen alle anderen Neuroleptika versagt haben. Gleichzeitig hat es relevante Nebenwirkungen, die engmaschige Kontrollen erfordern. In meinem ausführlichen Video erkläre ich alles, was du über Clozapin wissen musst:
Was ist Clozapin?
Clozapin ist der erste Vertreter der atypischen Neuroleptika und seit 1972 auf dem Markt. Es ist in Deutschland als Generikum erhältlich, z.B. als Leponex®, Clozapin-neuraxpharm®, Clozapin-ratiopharm®, Clozapin 1A Pharma® und Clozapin HEXAL®. Es galt lange Zeit als Goldstandard der antipsychotischen Wirksamkeit — kein anderes Medikament wirkt so zuverlässig gegen die Plussymptome der Psychose. Es treten praktisch nie extrapyramidalmotorische Störungen (EPMS) auf.
Wirkung und Pharmakologie
Clozapin interagiert mit einer Vielzahl von Transmittersystemen: Es beeinflusst das dopaminerge, adrenerge, cholinerge, serotonerge und histaminerge System. Es ist ein potenter Antagonist an α1-Adrenozeptoren, muskarinischen Acetylcholinrezeptoren M1, Serotoninrezeptoren (insbesondere 5-HT2A und 5-HT2C) sowie Histaminrezeptoren H1.
Besonders interessant ist die Wechselwirkung mit Dopaminrezeptoren: Clozapin blockiert vorrangig den D4-Rezeptor und hat eine deutlich geringere Affinität zu D1-, D3– und D5-Rezeptoren. Die Blockade der D2-Rezeptoren, die bei den „typischen“ Neuroleptika für den Großteil der antipsychotischen Wirkung verantwortlich ist, ist bei Clozapin nur gering ausgeprägt. Genau das erklärt, warum unter Clozapin praktisch keine EPMS auftreten.
Klinischer Einsatz
Clozapin ist möglicherweise das wirksamste Neuroleptikum überhaupt. Es wird eingesetzt bei:
- Therapieresistenter Schizophrenie — wenn andere Antipsychotika nicht ausreichend gewirkt haben
- Chronischer Positivsymptomatik — bei schweren, anhaltenden Wahnsymptomen und Halluzinationen
- Parkinson-Patienten mit behandlungsbedürftigen psychotischen Symptomen — wegen der fehlenden EPMS
- Chorea Huntington mit psychotischer Symptomatik
Wegen seiner ausgeprägten Nebenwirkungen ist Clozapin jedoch nicht das Medikament der 1. Wahl. Es wird als „Reserve-Antipsychotikum“ eingesetzt, wenn besser verträgliche Neuroleptika nicht ausreichend wirksam sind.
Dosierung von Clozapin
Die Aufdosierung erfolgt langsam und vorsichtig:
- Tag 1: 12,5 mg abends
- Dann alle 2 Tage um 25 mg steigern bis 50 mg
- Anschließend täglich um 25 mg steigern, bis eine ausreichende Wirkung eintritt
- Therapie der Psychose: 200–450 mg/Tag
- Maximaldosis: 900 mg/Tag
Die Orientierung erfolgt am angestrebten Blutspiegel, der etwa zwischen 350 und 600 ng/ml liegen sollte.
Nebenwirkungen
Clozapin hat eine Reihe relevanter Nebenwirkungen, die eine sorgfältige Überwachung erfordern:
- Gewichtszunahme — 4–31 % der Patienten nehmen erheblich zu (5–30 kg), was die Compliance erschwert
- Müdigkeit und Sedierung — besonders in der Aufdosierungsphase; daher abendliche Gabe bevorzugt
- Hypersalivation — verstärkter Speichelfluss, besonders im Schlaf
- Obstipation — kann in ernsten Fällen zu einer pathologischen Darmerweiterung führen
- Metabolisches Syndrom — Diabetes mellitus, Dyslipidämie
- Kardiotoxizität und erhöhte Gefahr für epileptische Krampfanfälle
Agranulozytose — das größte Risiko
Die gefährlichste Nebenwirkung ist die Agranulozytose: eine Verminderung der weißen Blutkörperchen, die während der gesamten Einnahmezeit auftreten kann. Wird sie nicht rechtzeitig erkannt, besteht Lebensgefahr. Daher muss das Blutbild engmaschig überwacht werden — insbesondere die absolute Neutrophilenzahl.
Myokarditis — das Risiko der ersten Wochen
Die Agranulozytose ist das bekannteste Risiko unter Clozapin. Das zweite, das man genauso kennen muss, ist die Myokarditis. Sie ist selten, tritt aber typischerweise in den ersten vier bis acht Behandlungswochen auf — also genau in der Phase, in der ohnehin engmaschig kontrolliert wird — und sie kann tödlich verlaufen.
Das Tückische ist, wie unspezifisch sie beginnt: anhaltende Tachykardie, Fieber, grippeähnliches Krankheitsgefühl, Leistungsknick, Luftnot, Brustschmerz. In der Aufdosierungsphase lässt sich das leicht als Nebenwirkung der Eindosierung oder als banaler Infekt abtun. Genau das ist die Falle.
Deshalb gehören in den ersten Wochen Troponin T und CRP zum Kontrollprogramm, zusammen mit dem klinischen Blick. Steigt eines von beiden deutlich an, oder besteht eine unerklärte anhaltende Tachykardie mit Krankheitsgefühl, wird Clozapin unterbrochen und kardiologisch abgeklärt — EKG und Echokardiografie. Bei bestätigter Clozapin-induzierter Myokarditis wird die Substanz abgesetzt und nicht erneut angesetzt.
Seltener und deutlich später kann sich eine Kardiomyopathie entwickeln, meist nach Monaten bis Jahren. Auch hier ist der erste Hinweis oft eine neu aufgetretene Belastungsdyspnoe.
Kontrollintervalle
Für die Blutbildkontrolle gilt seit dem Rote-Hand-Brief vom September 2025 ein neues Schema. Zwei Dinge haben sich geändert: Maßgeblich ist allein die absolute Neutrophilenzahl (ANC), die Leukozytenzahl wird nicht mehr gefordert. Und die Intervalle werden mit zunehmender Behandlungsdauer länger, weil Agranulozytosen fast nur im ersten Jahr auftreten und darin ganz überwiegend in den ersten 18 Wochen.
| Zeitpunkt | Blutbild (ANC) | Zusätzliche Kontrollen |
|---|---|---|
| Vor Behandlungsbeginn | einmalig, ANC ≥ 1.500/mm³ erforderlich | EKG, EEG, Gewicht, Troponin T, HbA1c, Blutzuckertagesprofil, CRP, Triglyceride |
| Woche 1–18 | wöchentlich | Gewicht, CRP, Troponin T |
| Woche 19–52 | monatlich | Gewicht, HbA1c, Triglyceride, Cholesterin |
| Zweites Jahr | alle 12 Wochen | Gewicht, HbA1c |
| Ab dem dritten Jahr | jährlich | Gewicht, HbA1c, Triglyceride, Cholesterin |
Die Grenzwerte der absoluten Neutrophilenzahl:
- ANC ≥ 1.500/mm³: Behandlung kann begonnen und fortgeführt werden.
- ANC 1.000 bis 1.499/mm³ (leichte Neutropenie): Behandlung fortführen, aber monatlich kontrollieren.
- ANC unter 1.000/mm³: Clozapin sofort und dauerhaft absetzen. Eine erneute Behandlung ist nicht vorgesehen.
Bei benigner ethnischer Neutropenie liegen die Schwellen niedriger: Behandlungsbeginn ab 1.000/mm³, leichte Neutropenie zwischen 500 und 1.000/mm³, Abbruch unter 500/mm³. Die Kontrollintervalle sind dieselben.
Unabhängig von jedem Intervall gilt: Bei Fieber, Halsschmerzen, Entzündungen des Rachens oder anderen Infektzeichen wird sofort kontrolliert.

Wechselwirkungen
Clozapin wird über das Enzym CYP 1A2 in der Leber metabolisiert. Das hat wichtige Konsequenzen:
- Spiegel-Erhöhung durch CYP-1A2-Inhibitoren wie z.B. Koffein, Fluvoxamin und Ritonavir
- Spiegel-Erniedrigung durch CYP-1A2-Induktoren wie z.B. Carbamazepin, Phenytoin, Rifampicin und — besonders relevant — Rauchen
Rauchende Patienten, die plötzlich aufhören zu rauchen (z.B. bei einer stationären Aufnahme), können einen gefährlichen Anstieg des Clozapin-Spiegels erleben. Umgekehrt kann der Beginn des Rauchens den Spiegel drastisch senken.
Clozapin absetzen
Clozapin wird nicht abrupt beendet. Beim plötzlichen Absetzen drohen zwei Dinge: ein cholinerges Rebound-Syndrom mit Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Schwitzen, Unruhe und Schlaflosigkeit — und eine Rebound-Psychose, die schwerer verlaufen kann als die ursprüngliche Symptomatik. Beides beginnt oft schon innerhalb weniger Tage.
Planmäßig schleiche ich Clozapin deshalb über Wochen bis Monate aus, in Schritten von 25 bis 50 mg alle ein bis zwei Wochen. Bei jahrelanger Behandlung eher langsamer.
Davon gibt es zwei Ausnahmen: Bei einer Agranulozytose und bei einer bestätigten Myokarditis wird sofort abgesetzt. Dort überwiegt das akute Risiko, und die Rebound-Symptomatik wird symptomatisch behandelt.
Mein persönliches Fazit
Ich verwende Clozapin als „Reserve-Antipsychotikum“. Es hilft oft auch bei chronisch produktiven Krankheitsbildern, bei denen alle anderen zuvor eingesetzten Antipsychotika keine durchgreifende Linderung verschafft haben. Allerdings hat es mit der oft ausgeprägten Gewichtszunahme, der Sedierung und der Gefahr der Agranulozytose gravierende Nebenwirkungen. Das Verhältnis aus Nutzen und Nebenwirkungen bespreche ich daher sehr ausführlich mit dem Patienten.
Quellen
Fachinformation Leponex® und Clozapin-Generika, abgerufen im August 2026.
Rote-Hand-Brief zu Clozapin: Überarbeitete Empfehlungen zur routinemäßigen Blutbildkontrolle im Hinblick auf das Risiko einer Agranulozytose, 8. September 2025 (BfArM, Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft).
S3-Leitlinie Schizophrenie der DGPPN, Living Guideline, Version 5.0, Juli 2026.
Stand: 09.08.2026
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3 Gedanken zu “Clozapin (Leponex): Wirkung, Dosierung und Nebenwirkungen”