Kernberg kommt nach Köln!

Otto Kernberg ist wahrscheinlich der berühmteste lebende Psychoanalytiker. Er hat grundlegende Werke insbesondere zur Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen geschaffen, es gibt praktisch keine relevante psychoanalytische Diskussion, in die er nicht in den letzten Jahrzehnten involviert war.

Und nun ist er zu Gast im Alexianer Krankenhaus Köln!

Im Rahmen des Alexianer Therapieforums hält Kernberg einen Vortrag zum Thema: „Therapie schwerer narzisstischer Störungen“. Der Vortrag findet am Mittwoch, den 21.11.2012 von 14:00-16:00 statt und ist kostenlos. Unzweifelhaft ist Prof. Kernberg sowohl ein ausgewiesener wissenschaftlicher Experte als auch ein erfahrener Therapeut auf dem Gebiet der Psychotherapie bei schweren narzisstischen Störungen. Ich bin sehr gespannt auf seine Typologie der verschiedenen Ausprägungen der narzisstischen Störungen sowie seine Ausführungen zur Therapie!

Zusätzlich bietet er einen workshop zum Thema „Diagnose und Behandlung suizidalen Verhaltens“ an, und zwar am 20.11.2012 von 09:00 bis 17:00 Uhr und am 21.11.2012 von 9:00-13:00. Der Workshop ist kostenpflichtig. Anmeldungen sind hier möglich.

Persönlichkeitstest online

Persönlichkeitstest online

Gute Online Tests zu finden ist schwierig. Hier habe ich nun einen gefunden, den ich wirklich empfehlen kann:

http://www.psychomeda.de/online-tests/persoenlichkeitstest.html

Er testet auf die „Big Five Faktoren“ der Persönlichkeit, das wissenschaftlich am weitesten anerkannte Modell der Persönlichkeitsstruktur des Gesunden. Unterschieden werden die Ausprägungen:

  • Neurotizitismus
  • Extraversion
  • Offenheit für Neues
  • Verträglichkeit
  • Gewissenhaftigkeit
Das Ergebnis dieses Testes ist eine Einordnung der Persönlichkeitsstruktur des Testteilnehmers, welche Ausprägung er auf den oben genannten 5 Achsen erreicht. Der verlinkte Test zeigt die Ergebnisse in einer Grafik an und erklärt die einzelnen Achsen. Darüber hinaus gibt er Werte für die Grundbedürfnisse nach Anerkennung und Leistung, Sicherheit und Einfluss und Macht aus. Die Durchführung dauert etwa 20 Minuten, das Ergebnis wird sofort angezeigt und ist kostenlos. So wünscht man sich das!
Ich habe den Test gemacht und denke, er gibt ein zutreffendes Ergebnis wieder. Das Ergebnis im Bild oben ist allerdings bei einem zweiten Durchgang durch zufälliges Auswählen der Items entstanden…

Auf der Website www.Psychomeda.de gibt es noch eine Reihe weiterer, sehr interessanter Online-Tests, so zum Beispiel zur Emotionalen Intelligenz, zum Erziehungsstil, zur Konzentrationsfähigkeit, zur Intelligenz und zum Thema Burnout. Für private Zwecke sind alle Tests frei zugänglich, für Therapeuten werden online Tests kostenpflichtig lizensiert.

Die Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen ist davon strikt zu trennen, hier ist der SKID II das häufigste eingesetzte Instrument. Das Ergebnis ist eine Einstufung, welche Persönlichkeitsstörung vorliegen könnte.

Resilienz

Resilienz ist die Fahigkeit eines Werkstoffes, nach einer starken Verbiegung wieder in den Ausgangszustand zurück zu kehren.

Der Duden definiert es so: “Psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen”

Im psychotherapeutischen Bereich wird mit Resilienz die Fähigkeit eines Menschen beschrieben, schwere Belastungen oder Krisen unter Zuhilfenahme eigener Fähigkeiten und gegebenfalls der Hilfe anderer zu meistern und zu überwinden.

Resilienz ist also alles, was mir hilft, trotz allem gesund zu bleiben. In der Resilienzforschung werden immer wieder 7 Faktoren genannt, die offenbar geeignet sind, Resilienz etwas zu operationalisieren:

  • Optimismus
  • Akzeptanz
  • Lösungsorientierung
  • Subjekt statt Objekt sein, die Opferrolle verlassen
  • Verantwortung übernehmen
  • Netzwerkorientierung
  • Zukunft planen

Was bedeuten die Begriffe, und wie interpretiert sie der Kölner?

Optimismus

  • “Et hätt noch immer joot jejange”
  • “Keiner küsst einen Pessimisten”
  • Grundeinstellung: „Hier ist ein Problem. Es ist lösbar. Gehen wir´s an!“

Akzeptanz

  • “Et iss wie et iss!”
  • Grundeinstellung: “Ich sehe mir die Lage vollständig und ungeschönt an. Ich akzeptiere, dass das Problem im Moment so da ist, wie es ist.”
  • “Ich bin, wie ich bin und das ist OK so.”
  • Die Menschen sind sehr unterschiedlich. Sie haben alle Stärken und Schwächen. Das gilt auch für die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Mache ich das beste draus!”

Aktive Lösungsorientierung

  • “Oohnd? was domma jetz do?”
  • Grundhaltung: “Das Problem ist lösbar. Gehen wir’s an!”

Selbstwirksamkeit

  • “Jeder ist seines Glückes Schmied!”
  • Grundhaltung: Ich bin Subjekt und nicht Objekt / “Die Opferrolle verlassen”
  • Mein “locus of control” ist intern, nicht extern

Verantwortung

  • “Isch nehm datt jetz mahl in de Hand!”
  • Ich übernehme Verantwortung für mich selbst / mein eigenes Wohlergehen
  • Ich übernehme Verantwortung für die mir anvertrauten Anderen (Partner, Kinder, Mitarbeiter, Patienten…)
  • Ich übernehme Verantwortung für die Dinge und Belange in meinem Leben (Wohnung, Arbeitsplatz, meine Habseeligkeiten…)

Netzwerkorientierung

  • “Mir halte zoosamme – Was ooch passiert – In oonserem Veedel…”
  • Familie, Freunde, Kollegen, Helfer, Gleichgesinnte…
  • Grundeinstellung: “Ich bin nicht allein. Ich helfe anderen und kann mir von anderen helfen lassen.”

Zukunftsorientierung

  • “Der nächste Winter kommt bestimmt”
  • Für die Zukunft zu planen ist ein wirksamer Weg, sich späteren Streß zu ersparen…

Siehe immer auch: “Das kölsche Grundgesetz

Burnout

Also Leute, ihr mögt doch online Fragebögen, oder? Jedenfalls werden die hier immer fleißig angeclickt…

Nachdem der letzte Test, auf den ich verlinkt habe, nach kurzer Zeit vom Netzt genommen wurde, ist hier einer von der focus website. Er stellt weniger Fragen, die einen überwiegenden Bezug zum Arbeitsleben haben, damit grenzt er den burnout Begriff sehr auf berufliche Überforderung ein. Überforderungen aus anderen Bereichen erfaßt dieser Test nicht. Ich habe aber auch noch keinen zweiten gefunden, der eine etwas breitere Sicht überprüft. Kennt jemand einen guten online-Test?

Die wikipedia versteht unter burnout einen Erschöpfungszustand, der auf eine Überforderung zurück geführt wird, am ehesten beruflich bedingt.

Die ICD-10, der offizielle psychiatrische Diagnosekatalog, kennt den Begriff burnout nicht. Das liegt daran, dass die ICD-10 Syndrome unabhängig von den Vorstellungen über deren Ursache beschreibt. Die ICD-10 beschreibt also sehr gut operationalisiert, was eine leichte, eine mittelgradige und eine schwere Depression auszeichnet. Und es ist ein großer Vorteil, dass sie sich von Erklärungsmodellen fernhält. Denn für den einen ist eine Depression Folge gestörter Bindungen, für den anderen ein Ergebnis dysfunktionalen Lernverhaltens und für den Dritten eben das Ergebnis beruflichen Stresses. Damit wir uns nicht mißverstehen: Bei vielen Menschen mit einer depressiven Episode gibt es sehr wohl eine oder wenige wesentliche Ursachen für die Depression. Aber sehr oft kommen auch weit mehr als eine Ursache zusammen oder es findet sich eben nicht die eine Ursache, die alles erklärt. Die Depression besteht ja dann dennoch und soll genau so wirksam behandelt werden.

Das neue Patientengesetz

Über das neue Patientengesetz (oder richtiger Patientenrechtegesetz) informiert das Gesundheitsministerium hier. Der inzwischen verabschiedete Entwurf ist hier vollständig als pdf herunterzuladen.

Das neue Patientengesetz wird Teil des BGB. Es fasst an dieser einen Stelle einige Gesetze und Rechtsprechungen zusammen, die bislang auch schon galten, aber auf unterschiedliche Gesetzbücher verteilt waren. Es benennt an einigen Stellen zusätzliche und neue Punkte.
Die wesentlichen Punkte des neuen Patientengesetzes sind:

  • Bündelung von Behandlungsrecht und Arzthaftungsrecht im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB)
  • Förderung der Fehlervermeidungskultur
  • Stärkung der Verfahrensrechte bei Behandlungsfehlern
  • Stärkung der Rechte gegenüber Leistungsträgern
  • Stärkung der Patientenbeteiligung
  • Stärkung der Patienteninformationen.

Arzthaftungsrecht

Im Streit um Behandlungsfehler hat der Patient die Pflicht, dem Arzt den Behandlungsfehler nachzuweisen. Das ist das normale rechtsstaatliche Vorgehen. Wer einem Anderem einen Verstoß gegen ein Gesetz oder eine Sorgfaltspflicht vorwirft, muss nachweisen, dass das auch so ist. Genau so bleibt es auch mit dem neuen Patientengesetz. Allerdings wird dem Patienten der Nachweis erleichtert. Er erhält geregeltere Einsicht in die Behandlungsdokumentation. Die Krankenkassen sind gehalten, ihn bei der Aufklärung des Tatbestandes zu unterstützen.
Bei „Grober Fahrlässigkeit“ galt schon immer eine Beweislastumkehr, d.h. beim Vorwurf der groben Fahrlässigkeit muss der Arzt nachweisen, dass er keine solche begangen hat bzw. das diese keinen Schaden verursacht hat. Das war vor dem neuen Patientengesetz so und bleibt so. Allerdings war dies bislang eine Erkenntnis, die sich aus der ständigen Rechtsprechung ergab, war also ein sogenanntes „Richterrecht“. Mit dem neuen Patientengesetz ist es nun für jedermann leicht nachvollziehbar als Gesetz festgeschrieben.

Stärkung der Verfahrensrechte bei Behandlungsfehlern

Bei Behandlungsfehlern ist in Zukunft die Patientenakte das zentrale Beweisdokument. In diese erhält der Patient in Streitfall Einsicht.

Förderung der Fehlervermeidungskultur

Ein sachgerechtes Qualitätsmanagement im stationären Bereich umfasst zukünftig verpflichtend auch ein Beschwerdemanagement für die Belange insbesondere von Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen, das entsprechend patientenorientiert auszugestalten ist. Der Gemeinsame Bundesausschuss erhält die Aufgabe, die Richtlinien zum einrichtungsinternen Qualitätsmanagement in Bezug auf Maßnahmen zur Stärkung der Patientensicherheit und um Mindeststandards für das Risiko- und Fehlermanagement zu erweitern. Ergänzend wird die Vereinbarung von Vergütungszuschlägen zukünftig auch für die Beteiligung an einrichtungsübergreifenden Fehlermeldesystemen vorgesehen, um die Mitwirkung von Krankenhäusern an solchen Systemen zu unterstützen, die ein übergreifendes Lernen aus Fehlern auch außerhalb der eigenen Einrichtung ermöglichen. Darüber hinaus wird die Patientenbeteiligung ausgebaut.

Stärkung der Rechte gegenüber Leistungsträgern

Auch im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung stärkt das Gesetz Rechtspositionen der Versicherten. Zukünftig können diese ihre Teilnahme an Hausarzt- und anderen Selektivverträgen innerhalb einer 2-Wochenfrist nach Abgabe ihrer Teilnahmeerklärung widerrufen, sich bei nicht rechtzeitiger Entscheidung ihrer Krankenkasse Leistungen selbst beschaffen und werden bei Behandlungsfehlern durch die Krankenkassen unterstützt.

Stärkung der Patientenbeteiligung

Die Aufgaben des Patientenbeauftragten werden erweitert. Er erstellt eine umfassende Übersicht der Patientenrechte und wird sie zur Information der Bevölkerung bereithalten. Dies schafft Transparenz über geltende Rechte von Patientinnen und Patienten.

Stärkung der Patienteninformationen

Der mündige Patient ist Leitbild des neuen Patientengesetzes. Die Aufklärung über Chancen und Risiken wird noch expliziter verlangt. Auch die Aufklärung über Kosten der Behandlung und Selbstbeteiligungen gehört hierzu.

Fazit:

Super Sache, höchste Zeit für diese Vereinheitlichung und für die Neuerungen. Aus den Angeln gehoben wird keine der bisherigen Regelungen, das wäre aber auch verwunderlich gewesen.

Am 13.06.2012 kommt Prof. Berger ins Alexianer Krankenhaus Köln

Im Rahmen des Alexianer Therapieforums hält Prof. Berger, Freiburg, einen Vortrag zum Thema: “ Was wirkt in der Psychotherapie”. Auf das ausgezeichnete Psychiatrie Lehrbuch von Berger hatte ich hier schon hingewiesen. Im Vortrag wird er sicherlich die Methodik und vieles zum aktuellen Stand der Psychotherapieforschung berichten. Der Vortrag findet am 13.06.2012 von 14:00-16:00 statt und ist kostenlos.

Zusätzlich bietet er einen workshop an, und zwar am 14.06.2012 von 09:00 bis 13:00 Uhr. Das Thema des workshops wird noch bekannt gegeben. Er ist kostenpflichtig. Anmeldungen sind hier möglich.

Was ist eigentlich CBASP?

Bookcover
Manualisierte Psychotherapien sind in der modernen Psychotherapieforschung sehr beliebt. Das liegt zum einen daran, dass man sie besser erlernen kann und zum anderen daran, dass man sie besser erforschen kann. Sehr häufig diskutiert und auch klinisch inzwischen zunehmend häufig angewendet wird bei der Therapie chronischer Depressionen in letzter Zeit ein Verfahren, dass der US-amerikanische Psychologe James P. McCullough 2000 erstmalig vorgestellt hat.

CBASP kürzt dabei Cognitive Behavioral Analysis System OPsychotherapy ab. Die website dazu findet ihr unter www.cbasp.org.

Es ist das bislang einzige psychotherapeutische Verfahren, das speziell für chronisch depressive Patienten entwickelt wurde. Es umfasst behaviorale, kognitive, interpersonelle und psychodynamische Strategien. 

Das zugrunde liegende Modell postuliert, dass chronisch depressive Patienten schon sehr frühzeitig dysfunktionale Prägungen internalisiert haben, und nun die Welt durch diese verzerrte Brille sehen. Das verhindert, dass sie erkennen, dass neue Erfahrungen eigentlich nicht mehr so schlecht sind wie die alten, dysfunktionalen. Chronisch depressive Patienten seien nun in besonderem Maße nicht in der Lage, sich diesbezüglich umzustellen. Der Therapieerfolg hängt dann in besonderem Maße damit zusammen, dass der Therapeut vermitteln kann, dass die früheren dysfunktionalen Prägungen zwar die Sicht auf heute Erlebtes beeinflussen, dass diese Sicht der Dinge aber eben nicht mehr in vollem Umfang angemessen ist, sondern dass aktuelle Bezugspersonen, etwa der Therapeut, anders handeln als frühere prägende Bezugspersonen.

Das Vorgehen bei der CBASP Therapie erfolgt in der Regel nach folgenden Abschnitten:

– Zunächst werden frühere prägende Bezugspersonen identifiziert (es wird eine Liste von bis zu 6 Personen erstellt). 

Z.B. „In meiner Kindheit spielten Mutter, Vater, Oma und Tante Luise eine wichtige Rolle für mich“

– Dann werden die wesentlichen Prägungen durch diese Personen besprochen.

Z.B.: „Meine Mutter vermittelte mir immer, ich sei nicht wichtig, meine Probleme seien irrelevant. Sie schickte mich immer weg, wenn ich sie wirklich brauchte und sagte mir, sie habe Wichtigeres zu tun.“

– Es werden dann vorausschauend und offen besprochen Übertragungshypothesen formuliert, also die Frage besprochen, welche Erwartungen beziehungsweise Befürchtungen aufgrund der zuvor festgestellten Muster der Patient auch an den Therapeuten haben könnte und welche Auswirkungen das haben könnte.

Z.B.: „Für Sie bin ich doch auch nicht wichtig. Wenn ich wirklich ein Problem habe, helfen Sie mir bestimmt nicht, Sie haben sicher immer etwas viel Wichtigeres zu tun, als mir zu helfen, wenn ich Sie brauche.“

– Dann wird ein interpersonelles Element, der „Kiesler Kreis“ eingeführt. Im Kiesler Kreis wird das zwischenmenschliche Verhalten auf den Achsen Dominant vs. Submissiv und Feindlich vs. Freundlich beschrieben. Dadurch lernt der Patient, seine Wirkung auf Andere besser einzuschätzen und neue Verhaltensweisen zu durchdenken.

Z.B.: „Wenn ich Ihnen sage, dass ich Ihnen sicher nicht wichtig bin, könnten Sie das als Feindlich und Submissiv wahrnehmen. Sie könnten dann ebenfalls auf Distanz gehen und vielleicht sehr Dominant und vielleicht entwertend auf mich reagieren. Würde ich diese Erwartungen Ihnen gegenüber nicht haben, wären auch Sie vielleicht eher freundlich und weniger dominant…“

Im nächsten Schritt geht es dann darum, aktuell schwierige Situationen im Rahmen einer Situationsanalyse zu beschreiben. Wenn die Situation in der Therapie auftritt, kann durch disziplinierte persönliche Einlassung mit anschließender Interpersoneller Diskriminationsübung eine neue Erfahrung gemacht werden.

Z.B. (Therapeut): „Sie haben mir berichtet, dass es Ihnen letzte Woche nach einem Streit mit Ihrem Freund sehr schlecht ging. Und ich war nicht da, sondern auf einem Kongress, das hatte ich Ihnen letze Woche gesagt. Dann haben Sie gedacht, Sie wären mir nicht wichtig, ich sei immer mit etwas anderem beschäftigt, wenn Sie mich bräuchten. Tatsächlich sind sie mir sehr wichtig. Ich hätte mich gefreut, wenn sie mir eine email geschickt hätten. Ich hätte ihnen sicher geantwortet. Lassen Sie uns den Streit mit Ihrem Freund heute besprechen, das ist mir sehr wichtig.“

Der Patient lernt dadurch, dass heutige Personen sich nicht so verhalten müssen, wie er es früher immer erlebt hat, und dass sein Verhalten wichtig ist, um heutigen Mitmenschen überhaupt zu ermöglichen, sich anders zu verhalten.

In der Psychotherapieforschung zeigte sich, dass chronisch depressive Patienten sehr gut auf diese Therapie ansprechen, im Verlauf der Therapie sehr an psychosozialer Leistungsfähigkeit gewinnen und dass CBASP anderen Therapieverfahren, die nicht auf chronische Depressionen ausgerichtet sind, wie IPT, bei dieser Patientengruppe überlegen ist.

Gruppenpsychotherapien sind oft wirksamer als Einzelpsychotherapien

Wenn ein Mensch sagt, er möchte eine Psychotherapie machen, dann denkt er oft zunächst einmal an eine klassische Gesprächseinzelpsychotherapie im typischen Setting: Therapeut und Klient sitzen sich gegenüber, man ist zu zweit und trifft sich einmal die Woche, immer zu zweit.
Und es gibt auch sehr sehr viele Situationen, in denen Einzelpsychotherapie genau das passende Setting ist. Immer dann, wenn sehr individuelle Probleme besprochen werden und sehr spezifische Lösungen erarbeitet werden, ist die Einzelpsychotherapie die effektivste Form.
Aber es gibt auch viele Indikationen, in denen eine Gruppenpsychotherapie mehr Nutzen stiften kann als eine Einzeltherapie, und es gibt sehr viele Indikationen, in denen eine Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie den größten Nutzen bringt.
Klassische Gruppentherapien in der Psychiatrie sind ja:

  • Depressionsgruppen
  • Angstbewältigungsgruppen
  • Gruppen zum Training sozialer Kompetenzen
  • Psychoedukative Gruppen
  • DBT Gruppen
  • Angehörigengruppen

Das Besondere an einer Gruppenpsychotherapie ist, dass die Teilnehmer voneinander lernen und nicht alleine auf ihre eigenen Überlegungen oder die Unterstützung durch den Therapeuten angewiesen sind.
Zu erfahren, dass mehrere Andere sehr ähnliche Probleme haben hilft sehr, den Blick zu erweitern und oftmals zu erkennen, dass viele Beschwerden, Sorgen und Einschrankungen nicht eine unabwendbare Folge der verfahrenen Situation, in der sich der Einzelne befindet, sind, sondern Ausdruck eines Musters, das bei anderen auch auftritt. Und mit dem jeder Einzelne eben auch schon viele Erfahrungen gemacht hat, die man austauschen kann. Das entlastet schon mal sehr. Und jeder Einzelne hat auch zumindest in einzelnen Bereichen oder in bestimmten Situationen Erfolge im Kampf gegen die belastenden oder dysfunktionalen Muster erreicht.
Von den Mitbetroffenen lernen ist aber meiner Meinung nach die wirksamste Art zu lernen. Denn das hier Vorgestellte ist keine abstrakte Theorie, sondern hat sich ja offenbar in der Praxis bewährt. Die anderen Gruppenmitglieder können sich denjenigen, der eine neue Lösung zu einem geteilten Problem vorstellt, als Modell nehmen, um das eigene Verhalten mit dieser Inspiration zu modifizieren. Den die Vorbilder sind authentisch, glaubwürdig und erfahren…
Im Bereich der ambulanten Psychotherapie werden Gruppentherapien von den Krankenkassen sehr wohl bezahlt, der organisatorische Aufwand ist allerdings so hoch (welchen Raum nehme ich für 8 Patienten, kommen denn auch alle, sonst rechnet es sich doch nicht…), dass Gruppentherapien meiner Meinung nach viel zu selten ambulant angeboten werden.
In vielen Psychiatrischen Krankenhäusern ist die Lage besser, aber oft auch noch verbesserungsfähig…

Hilfsangebote in Köln zum Thema Ess-Störungen

Informationen und Hilfsangebote in Köln zum Thema Ess-Störungen
Unter diesem link könnt ihr die Broschüre „Informationen und Hilfsangebote zum Thema Ess-Störungen“ des Arbeitskreises Ess-Störungen Köln downloaden. Sie enthält kurze Erklärungen der häufigen Ess-Störungen, einen Fragebogens für Eltern, der helfen soll, zu erkennen, ob das eigene Kind vielleicht von einer Ess-Störung betroffen sein könnte sowie auf jeweils einer Seite dargestellt eine vollständige und zugleich übersichtliche Darstellung der relevanten ambulanten und stationären Kölner Hilfsangebote.

Die Broschüre ist gut geeignet, sie Eltern oder Betroffenen, die auf der Suche nach adäquater fachlicher Hilfe sind, an die Hand zu geben.

Sport hilft gegen alles. Darüber vergißt man leicht, dass es oft wirklich hilft…

Sport hilft ja bekanntlich gegen alles. Arteriosklerose, Demenz, Diabetes, Depressionen; es gibt praktisch keine Volkskrankheit, gegen die Bewegung nicht einen wasserdicht nachgewiesenen prophylaktischen Effekt hat.

Und das stimmt auch, woraus wir als erstes mal für uns selbst folgern sollten, regelmäßig Sport zu treiben, dann können wir auch die Patienten hierzu motivieren. Nun sind die meisten nachgewiesenen positiven Wirkungen des Sports langfristige. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum kaum jemand genug Sport macht.

Aber es gibt zwei Fälle, in denen Sport sofort wirkt, und gerade in diesen Fällen sollten wir ihn im stationären Bereich öfter empfehlen:

  1. Bei akuter Anspannung. Manche Kliniken haben einen Boxsack, manche Kliniken haben einen immer zugänglichen Kraftraum, aber fast alle Kliniken haben irgendeine Möglichkeit, sofort Sport zu machen, zur Not auf einem Fahrradtrainer oder einfach durch joggen. Bei akuten Spannungszuständen raten die Behandler oft zu Entspannungsübungen, wahrscheinlich weil die Worte so gut zueinander passen. Tatsächlich können die meisten Menschen bei starker Anspannung nicht erfolgreich eine Entspannungsübung machen. Wenn ich auf 180 bin kann ich mich nicht mit „meine Füße sind warm und schwer“ beruhigen. Das geht in der Regel nur, wenn ich allenfalls eine Anspannung von vielleicht 5 von 10 habe. Bei mehr wird es oft scheitern. Bei sehr hoher Anspannung kann aber Sport, und zwar richtiger Sport, der einen ins Schwitzen bringt, über ausreichend lange Zeit, sehr wirksam helfen. Die meisten Gesunden kennen den Impuls, Laufen zu gehen oder sich auszupowern, wenn sie unter Dampf sind. Wir sollten das im Rahmen des Skills-Trainings öfter empfehlen. Aber keine Gymnastik, keine milde Bewegung, sondern richtig Sport mit einem Puls von mehr als 130 über mehr als 20 Minuten!
  2. Sport hilft wirksam gegen depressive Zustände, und das auch innerhalb weniger Wochen. Auch hier sollte es einen sehr ernst genommenen Platz in der Therapieempfehlung haben.

Die stationäre Behandlung ist auf ein Ziel außerhalb des Krankenhauses gerichtet

Wenn jemand in stationäre Behandlung in ein psychiatrisches Krankenhaus kommt, dann deshalb, weil außerhalb des Krankenhaus ein Problem aufgetreten ist, dass er ohne die Hilfe des Krankenhauses nicht lösen konnte. Aufgabe des stationären Aufenthaltes ist daher, von Anfang der Behandlung an ein Ziel zu verfolgen, das außerhalb des Krankenhauses liegt. Nämlich das Problem zu lösen, das die Krankenhausbehandlung notwendig gemacht hat.

Häufig ist es so, dass die Aufmerksamkeit schnell darauf gerichtet wird, innerhalb der Station besser zurechtzukommen; Probleme mit Mitpatienten besser angehen zu können und innerhalb des Krankenhauses besser dran zu sein. Das ist als Mittel zum Zweck auch in Ordnung. Ziel muss es aber sein, außerhalb des Krankenhauses wieder so gut zurecht zu kommen, dass das Krankenhaus nicht mehr erforderlich ist. Dieses Ziel von Anfang an konkret zu benennen und nicht aus den Augen zu verlieren ist sehr wichtig.

Die wichtigste Aufgabe zu Beginn der Behandlung ist es daher, sich darüber zu einigen, welche Ziele realistisch zu erreichen sind und erreicht werden sollen. Und zwar nicht in Formulierungen wie: „Mir soll es wieder besser gehen.“ „Ich will mehr Selbstbewußtsein haben.“ „Ich möchte wieder gerne zur Arbeit gehen.“ Denn diese Ziele sind nicht konkret genug formuliert. Es ist daher nicht erkennbar, was zu tun ist, um sie zu erreichen. Und es wäre nicht erkennbar, wenn sie erreicht wären.

Statt dessen sollte man möglichst konkrete, bildlich vorstellbare und terminierte Ziele benennen, wie: „In der ersten Juni-Woche möchte ich mit der Personalabteilung besprechen, dass ich nach dem Hamburger Modell wieder einsteigen will.“ „Ich möchte am Donnerstag hier auf der Station mit meinem Mann sprechen, dass wir die Kinderbetreuung gerechter unter uns aufteilen.“ „Ich möchte von hier aus in den Sportverein gehen und das die nächsten vier Wochen kontinuierlich fortsetzen.“ Diese Ziele sind erreichbar.

Und daher sind die Belastungserprobungen nach Hause auch kein Urlaub von der Therapie, sondern hier findet die konkrete Überprüfung der Fortschritte statt und genau hier entscheidet sich, wie es weitergeht. Die Erprobung zu Hause ist das Herz der Therapieplanung.

Fehlattribuierungen in der Psychiatrie

Die Wissenschaftstheorie ist eine Theorie der Unterscheidung von richtig attribuierten Kausalitäten und falsch attribuierten Kausalitäten (attribuieren bedeutet zuweisen, in diesem Falle eine Ursächlichkeit zuweisen). Der Mensch hat ein primäres Bedürfnis nach Kausalität, am liebsten Monokausalität. Dem gibt er immer wieder nur zu gerne nach. Es gibt in den letzten Jahren mehr Amokläufe als früher? Woran kann das nur liegen? Das muss an den Ego-Shootern liegen, die die Amokschützen gespielt haben. Klingt plausibel und wird als Erklärung immer wieder gerne herangezogen. Und wenn man dann Fallstudien oder Studien anfertigt, kommt man zur Erkenntnis, dass Amokläufer tatsächlich öfter Ego-Shooter spielen als der Durchschnitt der Bevölkerung, und also weitaus häufiger eine gepflegte Partie Counter Strike hinlegen als Rentner, Kleinkinder oder katholische Bibliothekarinnen. Wahrscheinlich sogar häufiger, als gleichalte männliche Nicht Amokläufer. Aber es kann eben sehr gut sein, dass potentielle Amok-Läufer gerne Ego Shooter spielen, ohne dass dieses den Amok Lauf verursacht.
Die Psychiatrie ist ein Bereich, der sehr anfällig für Fehlattributionen ist. Grund dafür ist, dass psychische Probleme oft sehr viele Ursachen haben, die sich nicht problemlos identifizieren lassen. Und das einfache Erklärungen immer gerne angenommen werden.
Das Bild oben zeigt einen dicken Bauch, auf dem tätowiert ist: „Made by Seroquel“. Unter Seroquel gibt es manchmal eine deutliche Gewichtszunahme, allerdings seltener als unter bestimmten anderen Neuroleptika. Nun kann es sehr gut sein, dass dieser Patient zu der Gruppe gehört, die ohne Seroquel kein Gewichtsproblem hatten und mit Seroquel deutlich zugenommen haben. Es kann aber auch sein, dass die Gewichtszunahme mehrere Gründe hat. Manchmal tritt eine Gewichtszunahme auch in Folge der Psychose mit möglicherweise sehr abweichenden Verhaltensweisen auf (weniger Sport bei stationärer Behandlung, Weniger Aktivität bei krankheitsbedingtem Antriebsmangel, andere Ernährung…). Man weiß es nicht. Es kann gut sein, dass Seroquel hier einen Einfluß hatte. Aber häufig ist eine Erklärung alleine nicht wirklich vollständig.
Typische monokausale Fehlattribuierungen in der Psychiatrie können sein:

  • Das Antidepressivum macht mich müde (kann sein, aber die Depression macht auch antriebslos)
  • Mein Kind hört nicht, es hat ADHS (kann sein, kann aber auch andere Gründe haben)
  • Mir geht es schlecht, das muss an einem Kindheitstrauma liegen (kann sein, kann aber auch mehr oder andere Gründe haben)
  • Ich nehme ein Antidepressivum, jetzt muss meine Depression besser werden (stimmt den Studien nach, aber es wäre sinnvoll, auch noch anderes zu tun, um der Depression zu entkommen)
  • Depressionen sind die Folge von Streß (Streß kann ein Auslöser einer depressiven Episode sein, als einzige Ursache ist es in aller Regel nicht verantwortlich zu machen)
  • Ängste oder Phobien sind Folge unangenehmer Konditionierungen (gibt es sicher, erklärt aber meistens nicht alles….)

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p>Was sind Deine Lieblingsfehlattribuierungen? Achte heute einmal einen Tag lang aufmerksam auf monokausale Fehlattribuierungen! Schreib sie in die Kommentare!

 

Ein Signal ist umso glaubhafter, je teurer es ist

In den 80’er Jahren wurde die soziale Signaltheorie fröhlich beforscht. Inzwischen hört man nichts mehr von ihr. Das liegt daran, dass nur eine Erkenntnis übrig blieb: Ein Signal ist umso glaubhafter, je teurer es ist. Das schönste Beispiel dafür ist die britische Tradition, dass ein Verlobungsring den Mann zwei Monatsgehälter kosten soll. Das bewirkt eine gute Glaubwürdigkeit und Sicherheit. Einen solchen Ring schenkt ein Mann nicht so aus Jux und Dollerei her, er verschenkt ihn nicht, wenn es ihm nur um ein schönes Wochenende geht und er verschenkt ihn nicht, ohne darüber vorher gründlich nachgedacht zu haben. Der Glaubwürdigkeitsindikator “Teuer” oder zumeist synonym “Aufwendig” ist bis zu seinem eigenen Preis ein Schutz vor Betrug, gleisam ein Pfand für Wahrhaftigkeit. Alle anderen Forschungsergebnisse zur Signaltheorie sind folgendermaßen zusammenzufassen: Alles andere außer Preis / Aufwand eines sozialen Signals ist leicht fälschbar. Ende der Signaltheorie. Wenn Du also jemanden von etwas überzeugen willst, gibt es genau eine Strategie, die eine sichere Überzeugungskraft besitzt: Treibe einen hohen Aufwand. Wenn mich ein Psychotherapiepatient fragt: “Wie erreiche ich endlich, dass Sie/er/alle mir glauben, mich mit anderen Augen sehen, nicht mehr an mir zweifeln?”, dann frage ich nicht nach seinen Worten den anderen gegenüber, sondern nach seinen Taten. Und nach deren Preis.

Am 18./19.4.2012 kommt Prof. Revenstorf zum Alexianer Therapieforum ins Alexianer Krankenhaus Köln

Im Rahmen des Alexianer Therapieforums hält Prof. Revenstorf, Tübingen, den Vortrag: ”Einführung in die Hypnotherapie”. Der Vortrag findet am 18.04.2012 von 14:00-16:00 statt und ist kostenlos. Zusätzlich bietet er hierzu ein Trainingsseminar an, und zwar am 19.04.2012 von 09:00 bis 13:00 Uhr. Für die Teilnahme am workshop fällt eine Gebühr von 45 € an. Anmeldungen sind hier möglich.

Dirk Revenstorf studierte Psychologie in Hamburg und habilitierte in München. Er ist Professor für klinische Psychologie an der Universität Tübingen und hatte 1995-1997 eine Professur an der Universidad de las Americas in Puebla (Mexico). Von 1984-1996 war er Präsident der Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Persönlichkeitstheorie, Forschungsmethodik, Therapieforschung, Verhaltenstherapie, Hypnose, Paartherapie, Psychotherapie-Ausbildung. Er hat 16 Bücher und mehr als 180 Zeitschriftenartikel und Buchkapitel über Forschungsmethodik, Persönlichkeit, Psychotherapie, Hypnose und Paartherapie veröffentlicht. Er erhielt den Pierre Janet Award of Clinical Excelence (Intern.Soc.Hypnosis) und den Milton Erickson Preis. Er ist Regionalstellenleiter der Milton-Erikson-Gesellschaft Tübingen, wo er auch Hypnose in der Psychotherapie praktiziert.

Ein besonders interessantes Buch von ihm ist: „Die geheimen Mechanismen der Liebe: 7 Regeln für eine glückliche Beziehung„.

Also: Termin vormerken, Köln besuchen und einen spannenden Vortrag und workshop über Hypnose in der Psychotherapie erleben!

Wie viele Jahre Psychotherapieausbildung brauche ich, bevor ich das erste Mal einem Patienten helfen kann?

Wieviel Jahre Schule, Studium, Ausbildung, Weiterbildung, Fortbildung und wieviel Euro Psychotherapieausbildungskosten braucht es eigentlich, bevor man einem Menschen erstmalig psychotherapeutisch helfen kann? Die Frage ist absolut berechtigt, weil es ja die ständig wiederholte und durch ewige Wiederholung wahrscheinlich einfach wahr gewordene Aussage gibt, dass ein Mensch erst seit 200 Jahren seine Lebenserwartung erhöht, indem er zum Arzt geht. Davor sei es so gewesen, dass er sie reduziert oder unverändert gelassen habe.

Exkurs: Da jede Form von Selbsttest in diesem blog sehr gerne angeklickt wird: Hier kannst Du nach Beantwortung von 15 sehr einfachen Fragen („Rauchst Du?“, etc.) herausfinden, wie alt Du wirst und wieviel Jahre die Antwort auf jede einzelne Frage dabei gekostet oder gebracht hat. Die Frage nach der Anzahl der Arztbesuche wird nicht gestellt…

Und so könnte es ja sein, dass Psychotherapeuten erst mal eine sehr lange Zeit brauchen, in denen ihre Interventionen mehr schaden als nutzen, weil sie vielleicht nicht erfahren genug sind, zu nutzen. Könnte ja sein. Tatsächlich kann man das nicht beantworten, weil Psychotherapeuten eine sehr lange und gründliche Ausbildung durchlaufen, bevor sie selbst Patienten behandeln. Und dann bekommen sie erst mal recht viel Supervision.

Es gibt zahlreiche Studien zu Therapeuten-Variablen, darunter auch Alter und Erfahrung. Die Ergebnisse sind gelinde gesagt heterogen. Homogen kommt heraus, dass Alter schon mal gar keinen Einfluß auf die Ergebnisqualität hat. Es gibt Studien, in denen die Vertrautheit mit bestimmten Psychotherapietechniken einen positiven Einfluß auf das Ergebnis hatte. Aber ganz überwiegend kommt heraus, dass Therapeuten eine hohe Varianz in die Ergebnisse bringen, also unterschiedliche Therapeuten unterschiedlich gute Ergebnisse bringen, dass aber Alter und Erfahrung nicht die Punkte sind, an denen das Ergebnis im wesentlichen hängt.

Will sagen: Sehr junge und wenig erfahrene Psychotherapeuten helfen in der Regel genau so gut wie ältere und erfahrenere Psychotherapeuten. Das ist wahrscheinlich bei Chirurgen nicht so. Da führt mehr Erfahrung mutmaßlich zu einem besseren Ergebnis (OK, in den letzten 2 Jahren vor der Pensionierung vielleicht nicht mehr…) Bei Psychotherapeuten ist das nicht so.

Woran kann das liegen?

  • An der exzellenten Ausbildung? Wahrscheinlich schon, denn sie verhindert grobe Fehler und vermittelt Kenntnisse über wirksame Interventionen. Aber das erklärt es nicht ganz.
  • An mangelhaften Studien zu dieser Frage? Sicher auch, aber das erklärt es auch nicht ganz.

Ich persönlich glaube ganz unwissenschaftlich an folgendes:

Wenn Du ernsthaft bemüht bist, Deinen Psychotherapiepatienten zu verstehen, zu verstehen, was in seinem/ihrem Leben nicht richtig läuft, welche Probleme er/sie hat und Du dich aufrichtig bemühst, mit ihm/ihr zusammen bessere Wege zu finden, dann bist Du ein guter und wirksamer Psychotherapeut.

Dieses aufrichtige Bemühen um eine gemeinsame Besserung spüren die Patienten sehr genau, es vermittelt sich auch in der Supervision dem Supervisor und es ist sicher ein wirksames Agens an sich. Kombiniert mit wirksamen Interventionen stehen die Erfolgsaussichten mehr als gut. Junge PsychotherapeutInnen helfen, wenn sie sich aufrichtig bemühen, in der Regel sehr sehr gut, nicht weniger gut als sehr dienstalte PsychotherapeutInnen. Das heißt selbstverständlich nicht, dass man nicht immer weiter lernen soll, seine Erfahrungen aktiv zur eigenen Weiterentwicklung nutzen soll, Fortbildungen belegen soll und so weiter. Das ist ja klar.

Ich persönlich glaube, dass PsychotherapeutInnen, die sich aufrichtig bemühen, mit ihren Patienten echte Fortschritte zu erarbeiten, dieses sehr oft bereits in der ersten Psychotherapiestunde ihres Berufslebens erreichen.

Lassen Sie sich also nicht einschüchtern von jahrelangen Spezialausbildungen. Diese sind unzweifelhaft gut und hilfreich, und man verbessert und erweitert seine Fähigkeiten dadurch selbstverständlich. Aber irgendwie kann man auch vorher schon sehr sehr gut helfen.

Selbsttest auf und Rehabilitation für „Offenheit für Neues“!

Offenheit für Neues ist eine der big five Persönlichkeitsmerkmale, die eine meßbare, sicher etablierte, valide Variable der Persönlichkeit ist. In der bisherigen Wahrnehmung galt ein hohes Maß an Offenheit für Neues aber teilweise eher als ein Warnzeichen; ein Ruf des Verruchten hing ihm an, man dachte an ein höheres Risiko für Drogenkonsum, ADHS, impulsives Verhalten oder unsteten Lebenswandel.

Eine neue Würdigung der Studielage spricht nun dafür, dass gerade das Merkmal Offenheit für Neues in einer höheren Ausprägung -balanciert mit bestimmten anderen Ausprägungen auf den anderen Achsen – mit einer langfristig guten und robusten Gesundheit und guten Lebensqualität einhergehen. Kombiniert mit einem ordentlichen Maß an Gewissenheit und einem eher niedrigen Maß an Egozentrismus sowie offenbar einem höheren Maß an Verträglichkeit kann Offenheit für Neues ein guter Prädiktor dafür sein, kreativ und frei zu leben und sich bei Problemen, die andere in die Verzweiflung treiben, einen neuen Weg zu suchen, der besser ist als das Verharren in unangenehmer Hilflosigkeit. Mit zunehmendem Alter wirkt sich diese Kraft sogar zunehmend stark aus. Diese Einschätzung vertritt der wirklich berühmten Psychiater Cloninger, der schon seit Jahrzehnten für grundsätzliche und wirklich relevante Erkenntnise auf dem Gebiet der Persönlichkeitsforschung gut ist. In diesem sehr lesenswerten Artikel der NewYork Times wird die Erkenntnisgeschichte zur genauen Würdigung dieses Merkmals sehr schön dargestellt. Hier wird auch der Begriff „neophilia“ benutzt, der neu und lustig ist…

Möchtest Du wissen, wie Du auf der Skala „Offenheit für Neues“ abschneidest? Hier ist ein online Selbsttest mit sofortiger Auswertung:

http://well.blogs.nytimes.com/2012/02/13/the-well-quiz-how-adventurous-are-you/#more-71337

Aber unabhängig davon, wie Du in diesem Test abschneidest: Jetzt wünsche ich Dir erst mal viel Spaß beim Karneval feiern, egal wie Du feierst…

 

Psychotherapie per Skype

Jeff Zeig berichtete in einem Gespräch, in Amerika sei es nicht unüblich, Psychotherapie über Skype anzubieten. Es gebe das Modell, sich bei den ersten ein, zwei Treffen face to face zu treffen, er selbst erhalte aber so viele Anfragen von weit entfernten Klienten, dass er regelmäßig Psychotherapien auch direkt per Skype beginne und erfolgreich fortführe. Selbst hypnotherapeutische Techniken seien über Skype möglich. Er sei sicher, dass dies in der Zukunft immer üblicher werde, die weiten Entfernungen gerade in Amerika ließen kaum etwas anderes zu. Selbstverständlich biete sich Skype auch in der Ausbildung seiner Studenten immer mehr an, er habe auch häufiger Seminare, in denen seine ihm bekannten engagiertesten Studenten in einem google+ Kreis virtuell versammelt seien und er nach und nach jeden zu einer Intervention auffordert.

In Deutschland ist es praktisch noch nicht möglich, Psychotherapie über das Internet anzubieten. Es gibt gerade am St. Alexius/ St. Josef Krankenhaus in Neuss ein Pilotprojekt, ein psychotherapeutisches modulares Programm in email Form zu validieren, eine Pilotstudie zusammen mit der Uni Düsseldorf.

Eine 15 minütige kostenlose telefonische psychologische Kurzberatung oder eine email Beratung gibt es hier.

Ich bin sicher, dass sich Psychotherapie per Videostreaming in der Zukunft etablieren wird. Die mangelhafte Versorgung mit Psychotherapeuten auf dem Land, die hohe Therapeutendichte in der Stadt, die zunehmende Akzeptanz digitaler Kommunikation werden meiner Meinung nach den Weg ebnen. Wobei ich es bevorzugen würde, den Klienten beim ersten Mal und danach so etwa alle 10 Sitzungen persönlich zu treffen.

Was haltet ihr von online-Psychotherapie?

P.S.: Das Video, das Jeff Zeig gestern auf dem Festvortrag gezeigt hat, das die 5. Symphonie Beethovens als Ehestreitchoreografie zeigt, und das absolut großartig ist, findet ihr hier:

Die 5 Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe

Der schweizer Psychotherapieforscher Klaus Grawe hat die Psychotherapieforschung im deutsprachigen Raum im Jahr 1994 durch sein Buch „Psychotherapie im Wandel“ revolutioniert.
Seine Herangehensweise hat die Betrachtung von Psychotherapie seither grundlegend geändert. In diesem Buch unterzog Grawe alle damals relevanten Psychotherapieformen einer kritischen Würdigung, und zwar nicht in Form einer persönlichen Einschätzung, sondern in Form einer Übersicht, die alle damals verwertbaren 897 Studien zu allen relevanten Psychotherapieformen nach einem gemeinsamen Protokoll beschrieb, bewertete und zusammenfasste. In der Zusammenfassung schrieb Grawe, welche Wirksamkeitseinschätzung sich aus diesen Studien ergab. Somit konnte erstmalig in einem praktisch vollständigen Überblick unterschieden werden:

  • welche Psychotherapieformen zwar gerne angewendet werden, aber keine Studien zu ihrer Wirksamkeit vorweisen können,
  • welche Psychotherapieformen für bestimmte Anwendungsbereiche Studien vorweisen können, die eine Wirksamkeit in Bezug auf ein wichtiges Ergebnis, etwa eine deutliche Verbesserung der Depression, nachweisen konnten,
  • welche Psychotherapieformen mehrere Studien haben, die für mehrere Anwendungsbereiche eine Wirksamkeit in Bezug auf mehrere wichtiges Ergebnisse zeigen.

Damit mussten sich die Psychotherapien am gemeinsamen Standard aller anderen Heilverfahren messen lassen: Metaanalysen,  die die Ergebnisse mehrerer kontrollierter Studien auf nachvollziehbare Weise zusammenfassen. Und damit frei von allen Dogmen in der Lage sind, zumindest die Frage zu beantworten, ob ein bestimmtes Therapieverfahren bei einer bestimmten Anwendung zu einer messbaren Änderung eines bestimmten Parameters führt, etwa der Schwere der Depression.

Der Zwischenstand 1994 war erst einmal sehr ernüchternd:

  • Für die weit überwiegende Mehrzahl der Psychotherapieformen lagen wenige bis gar keine Studien vor, die die Mindestanforderungen an Qualitätsansprüchen, die zur Beantwortung dieser Fragen nötig sind, erfüllten.
  • Gerade die psychoanalytisch orientierten Psychotherapien, die für sich in Anspruch nahmen, in der Wirksamkeit allen anderen Therapien überlegen zu sein, wiesen eine nur äußerst spärliche Studienlage auf. Die Qualität der Studien in diesem Bereich war oft unzureichend.
  • Mit am besten waren die Verhaltenstherapeutischen Psychotherapieformen untersucht, diese auch mit guten Ergebnissen, allerdings zumeist bezogen auf eine sehr spezielle Frage.

Inzwischen sind natürlich deutlich mehr Studien hinzugekommen und die methodische Qualität hat sich in vielen Bereichen deutlich verbessert, so dass inzwischen in einigen Fällen eine andere Einschätzung möglich ist.

Aus seinen Forschungsergebnissen entwickelte Grawe das Ziel, den Schulenstreit zu überwinden und die Grundlagen einer Allgemeinen Psychotherapie zu entwickeln. Deshalb beschäftigte er sich in seinen letzten 10 Lebensjahren bis 2005 intensiv mit der Entwicklung und empirischen Überprüfung der Grundlagen einer Psychologischen Psychotherapie, für die er die Besonderheiten der tiefenpsychologischen bzw. verhaltenstherapeutischen Ansätze herausarbeitete, (Stichwort Klärungs- bzw. bewältigungsorientierte Therapie), ihre gemeinsamen Wirkfaktoren extrahierte und als gemeinsame Grundlage seine Konsistenztheorie entwickelte, in die auch seine Schematheorie und schemaanalytische Fallkonzeption einfloss. Bis kurz vor seinem Tod arbeitete Grawe an der Validierung von fünf Wirkfaktoren, die therapieschulenübergreifend notwendige Voraussetzungen für das Gelingen von Psychotherapie sind. Er war absolut sicher, diese Faktoren empirisch nachprüfbar gefunden zu haben.

5 Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe

  • Therapeutische Beziehung: Die Qualität der Beziehung zwischen dem Psychotherapeuten und dem Patienten / Klienten trägt signifikant zu einem besseren oder schlechteren Therapieergebnis bei.
  • Ressourcenaktivierung: Die Eigenarten, die die Patienten in die Therapie mitbringen, werden als positive Ressource für das therapeutische Vorgehen genutzt. Das betrifft vorhandene motivationale Bereitschaften, Fähigkeiten und Interessen der Patienten.
  • Problemaktualisierung: Die Probleme, die in der Therapie verändert werden sollen, werden unmittelbar erfahrbar. Das kann z.B. dadurch geschehen, dass Therapeut und Klient reale Situationen aufsuchen, in denen die Probleme auftreten, oder dass sie durch besondere therapeutische Techniken wie intensives Erzählen, ImaginationsübungenRollenspiele o.ä. die Probleme erlebnismäßig aktualisieren.
  • Motivationale Klärung: Die Therapie fördert mit geeigneten Maßnahmen, dass der Patient ein klareres Bewusstsein der Determinanten (Ursprünge, Hintergründe, aufrechterhaltende Faktoren) seines problematischen Erlebens und Verhaltens gewinnt.
  • Problembewältigung: Die Behandlung unterstützt den Patienten mit bewährten problemspezifischen Maßnahmen (direkt oder indirekt) darin, positive Bewältigungserfahrungen im Umgang mit seinen Problemen zu machen.

Inwieweit diese fünf Wirkfaktoren der Psychotherapie nach Klaus Grawe nun tatsächlich den wirksamen Kern der Psychotherapie beschreiben, muss jeder für sich selber entscheiden. Ich selbst glaube, dass sie zu einem außerordentlich hohen Anteil eben dies tun: Sie beschreiben meiner Meinung nach tatsächlich schulenübergreifend zu einem erstaunlich großen Teil den wirksamen Kern der Psychotherapie. Daher ist es immer und bei jeder Psychotherapie sehr hilfreich und es diszipliniert das eigene Vorgehen, wenn man sich fragt, in welchem Maße eine Psychotherapie eben diese 5 Wirkfaktoren in welcher Art und Weise enthält. Das Fehlen eines Wirkfaktors würde für mich den Gedanken nahelegen, diesen auf die eine oder andere Art zusätzlich in die Therapie hineinzubringen.

Wie frage ich die Cochrane Library ab?

Von vielem, was man weiß, weiß man nicht, woher man es weiß. Und nicht selten weiß man etwas, was nicht stimmt, oder von dem man halt einfach nicht weiß, ob es stimmt. Und das ist in der Medizin nicht richtig. Richtig ist, zu wissen, welchen Evidenzgrad ein mutmaßliches Wissen hat. Der einzige Weg, das herauszufinden, ist, sich einen Überblick darüber zu schaffen, welche Studien zu einer Fragestellung es gibt und diese zu bewerten. Am besten freilich ist, wenn ausgewiesene Statistikgurus zu einer bestimmten Fragestellung schon alle hochgradig geeigneten Studien an Land gezogen und zusammengefaßt haben. Und zwar nach festgelegten Protokollen, die allerlei Fehlerquellen, etwa den publication-bias, minimieren.

Die Ergebnisse dieser Arbeiten liegen in der Cochrane Library. Hier kann jeder auffinden, welche Meta-Analysen zu bestimmten Themen vorliegen und kann sich kostenlos die Zusammenfassung ansehen. Bedauerlicherweise ist der Zugriff auf den Volltext der jeweiligen reviews kostenpflichtig. Manchmal hat man aber Glück und kann sich eine auf der Cochrane Seite identifizierte Studie irgendwie bei google schießen…

Vorgehen:

  1. Ich will etwas zu einem bestimmten Thema in Erfahrung bringen. Ich will wissen, was ist gesicherte Erkenntnis, was ist nicht gesichert.
  2. Ich kann ein Lehrbuch lesen, das genau diese Informationen bereit hällt. Das ist das praktischste und schnellste. Im Gebiet der Psychiatrie ist dies in ddeutscher Sprache das Lehrbuch von Berger. (Buchbesprechung siehe hier)
  3. Zweite Möglichkeit: Ich klicke folgenden link: http://www.thecochranelibrary.com/view/0/index.html
  4. Hier finde ich zwei Suchmöglichkeiten. In der Spalte links ist ein thematisch geordneter Verzeichnisbaum. Hier kann ich beispielsweise auswählen: Mental health/Anxiety Disorder/Generalized. Klicke ich hier drauf, finden sich alle Meta-Analysen genau zu diesem Thema. Oder ich wähle die Stichwortsuche oben links auf der website. Auch dies zeigt mir alle verfügbaren Studien hierzu. Ein Klick auf den link zur Meta-Analyse meiner Wahl, und ich sehe deren Abstract. Das sieht etwa so aus:
  1. Ich tippe den Titel der Studie noch mal bei google ein, vielleicht ergänzt um ‚.pdf‘, so findet man manchmal zusätzliche Informationen.
  2. Nun tippt man bei Google Bilder den Artikelnamen und zusätzlich Forest plot ein.

Der Forest plot informiert mit einem Blick, welche Studien welches Ergebnis zeitigen und zu welchem Ergebnis die gewichtete Zusammenfassung aller Studien kommt.

  1. Fertig.