Cariprazin ist ein neueres atypisches Antipsychotikum mit einem besonders interessanten Rezeptorbindungsprofil. Es wurde 2015 in den USA und 2018 in Deutschland zugelassen und unterscheidet sich von anderen Antipsychotika vor allem durch seine starke Wirkung am Dopamin-D3-Rezeptor. Was das für die Behandlung bedeutet — insbesondere bei Negativsymptomen der Schizophrenie — erkläre ich ausführlich in meinem Video:
Was ist Cariprazin?
Cariprazin ist in Deutschland unter dem Handelsnamen Reagila® erhältlich (in den USA als Vraylar®). Es gehört zur Gruppe der atypischen Antipsychotika und ist zugelassen zur Behandlung der Schizophrenie bei Erwachsenen. Pharmakologisch ähnelt es dem Aripiprazol: Beide wirken als partielle Agonisten an Dopaminrezeptoren. Der entscheidende Unterschied liegt im Rezeptorbindungsprofil — Cariprazin hat eine deutlich stärkere Affinität zum Dopamin-D3-Rezeptor als zum D2-Rezeptor.
Wirkung und Wirkungsmechanismus
Cariprazin ist ein partieller Agonist an den D2-, D3– und 5-HT1A-Rezeptoren. Was bedeutet das in der Praxis?
- D3-Rezeptor — Die starke Blockade am D3-Rezeptor ist das Alleinstellungsmerkmal von Cariprazin. Hierüber erhofft man sich eine bessere Wirksamkeit auf die Negativsymptomatik der Schizophrenie: Antriebslosigkeit, Anhedonie, sozialer Rückzug und kognitive Einschränkungen. Eine Lancet-Studie aus 2017 hat tatsächlich einen Zusatznutzen gegenüber Risperidon bei Negativsymptomen gezeigt.
- D2-Rezeptor — Über die partialagonistische Wirkung am D2-Rezeptor entfaltet Cariprazin seine sichere antipsychotische Wirkung gegen Positivsymptome wie Wahn und Halluzinationen.
- 5-HT1A-Rezeptor — Dieser Rezeptor vermittelt eine angstlösende und antidepressive Wirkkomponente.
Eine Besonderheit von Cariprazin ist seine sehr lange Halbwertszeit von etwa einer Woche. Der „steady state“ — also ein stabiler Wirkspiegel im Blut — wird erst nach circa 3 Wochen erreicht. Das bedeutet, dass Dosisanpassungen langsam erfolgen müssen und sich Wirkungen wie Nebenwirkungen erst nach einigen Wochen voll zeigen.
Klinischer Einsatz
Cariprazin ist in Deutschland zugelassen zur Behandlung der Schizophrenie bei Erwachsenen. Es ist besonders interessant für Patienten mit vorherrschender Negativsymptomatik — also wenn Antriebslosigkeit, emotionale Verflachung und sozialer Rückzug im Vordergrund stehen. Die bisherigen Studien zeigen hier einen Zusatznutzen gegenüber bisherigen Vergleichssubstanzen wie z.B. Risperidon® (Risperdal®).
Dosierung von Cariprazin
Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 1,5 mg einmal täglich. Anschließend kann die Dosis, sofern erforderlich, alle 7 Tage in 1,5-mg-Schritten bis zur Maximaldosis von 6 mg/Tag gesteigert werden. Im stationären Setting kann bereits am 3. Tag auf 3 mg/Tag gesteigert werden. Die lange Halbwertszeit macht es besonders wichtig, sich mit der Dosissteigerung Zeit zu lassen und die Verträglichkeit sorgfältig zu beobachten.
Nebenwirkungen
Cariprazin ist insgesamt gut verträglich. Die wichtigsten Nebenwirkungen sind:
- Extrapyramidalmotorische Störungen (EPMS) — dosisabhängig möglich, wie bei den meisten Antipsychotika
- Hypertonie — ein Blutdruckanstieg kann vorkommen
- Akathisie — die innere Unruhe scheint unter Cariprazin seltener aufzutreten als unter Aripiprazol
Erfreulich ist, dass bislang unter Cariprazin keine wesentliche QTc-Zeit-Verlängerung aufgefallen ist. Auch Gewichtszunahme und metabolische Nebenwirkungen scheinen gering zu sein.
Mein persönliches Fazit
Das Rezeptorbindungsprofil von Cariprazin ist sehr interessant. Die Hauptwirkung dürfte in der starken Blockade am D3-Rezeptor liegen, weniger am D2-Rezeptor. Die partialagonistischen Wirkkomponenten könnten tatsächlich geeignet sein, Nebenwirkungen zu reduzieren. Sollte Cariprazin — wie in den bisherigen Zulassungsstudien gezeigt — eine bessere Wirkung auf die Negativsymptomatik der Schizophrenie haben, dann wäre es für diese Indikation das Medikament der 1. Wahl. Bezüglich der übrigen Aspekte der Therapie der Schizophrenie ist es ein gut verträgliches und wirksames Antipsychotikum mit recht langer Halbwertszeit.