Supervision mit zwei Stationen

Es ist ja landauf landein gute Sitte, dass psychiatrische Stationen so etwa einmal im Monat eine externe Supervision haben. Dann treffen sich alle verfügbaren Teammitglieder aller Berufsgruppen dieser Station mit einem ausgebildeten Supervisor, der nicht aus dem Krankenhaus kommt, und besprechen einen oder zwei schwierige Fälle.

Unlängst hatten wir einen Patienten, der immer wieder zwischen der offenen und der geschlossenen Station hin und her verlegt werden musste; über ziemlich viele Wochen. Wir haben dann eine Supervision mit beiden Stationen zusammen gemacht. 

Für mich war das eine sehr positive Erfahrung. Zum einen ist das eingetreten, was bei Supervisionen auch nur einer Station oft eintritt: 

  • Mehrere Personen tragen ihre Informationen über einen Patienten zusammen, so dass man einen wesentlich umfangreicheren Blick auf den Patienten gewinnt.
  • Es ist Raum, auch über bestimmte Emotionen, Gedanken und Vorstellungen der Teammitglieder in Bezug auf den Patienten zu sprechen und darüber, was das für die Behandlung bedeutet. 
  • Durch den weiteren Betrachtungswinkel findet man oft neue Ideen und kann seine Behandlungsstrategie ändern.
Aber darüber hinaus sind in der Supervision noch weitere Punkte eingetreten, bedingt dadurch, dass zwei Stationen teilnahmen:
  • Der Blick auf den Patienten war noch mal umfassender, weil er verschiedene Behandlungssettings umfasste.
  • Die beiden Stationsteams konnten am praktischen Fall erleben, dass sie bei einem schwierigen Patienten in einem Boot saßen und an einem Strang ziehen. Das ist sicher hilfreich, wenn es eine Verlegungssituation gibt. Man kann dann genauer überlegen, was die jeweils andere Station anders macht und was nur durch eine Verlegung zu bewirken ist.
  • Beide Stationen konnten sich für diesen Patienten als ein Team erleben.
Für diesen Patienten kamen wir auf eine Lösung, die ihm das Hin- und Herverlegen in Zukunft hoffentlich ersparen kann. 
Wer ebenfalls in einem Krankenhaus arbeitet, in dem die Stationen einzeln Supervision haben, die Patienten aber oft von zwei verschiedenen Stationen behandelt werden, den ermutige ich, mal zu besprechen, ob man in einem geeigneten Fall mal eine gemeinsame Supervision machen möchte. Ich fand es sehr bereichernd!

    Der Elefant, sein Reiter und ihr gemeinsamer Weg

    In diesem Artikel des sehr lesenswerten Blogs Barking up the wrong tree erläutert Erik Barker eine sehr schöne Metapher über unser Gehirn: Der Elefant und sein Reiter. Dabei steht der Elefant für den alten, archaischen Teil unseres Gehirnes, der alle grundlegenden Entscheidungen trifft und in Zeiten der Not sowie bei wirklich lebensnotwendigen Dingen die Entscheidungshoheit hat. Der Reiter steht für den neueren, verbal ausgerichteten Teil unseres Gehirns. Der Teil, der Planungen macht, sich mit Ethik, Moral und unserem Selbstbild beschäftigt, und mit dem wir uns in der Regel besonders stark identifizieren. Wir identifizieren uns selbst fast ausschließlich mit diesem Teil des Gehirns, dieser Teil sind in unseren Augen wir selbst. Tatsächlich ist es so, dass der Reiter eines Elefanten diesen dirigieren kann, wenn der Elefant ruhig, satt und ausgeglichen ist. Dann kann der Reiter die Richtung vorgeben und den Elefanten auch zur Arbeit antreiben. Aber nur, wenn der Elefant auch will. Wenn der Elefant Hunger, Angst oder Schmerzen hat, wird er selbst entscheiden, was zu tun ist. Der Reiter ist dann eine nutzlose Dekoration, die rufen kann, was sie will, der Elefant wird erst mal das machen, was er für erforderlich hält. Sie haben das schon mal erlebt, als Sie eine Diät gemacht haben, sich gesagt haben, sie essen heute Abend nichts mehr, und mit sich und ihrem Entschluss ganz im Reinen waren. Sie haben sich selbst in diesem Entschluss wieder erkannt und hatten keinen Zweifel an ihrer Identität: “Der das sagt, bin ich.” Dann ist ihr Körper wie von Geisterhand geführt zum Kühlschrank gegangen und hat einen Schokopudding gegessen. Ja, wer war jetzt das? Das war der Elefant, der sich in Zeiten der Not nur ungern an die Leine legen lässt. Er hat sich dann mal was zu essen geholt, und Ihnen gezeigt, wer eigentlich der Herr im Hause ist. Danach hat er sie wieder sagen lassen: „Jetzt ess´ ich aber keinen zweiten!“. Und ist auch nicht mehr zum Kühlschrank gegangen. Er war so höflich, Ihnen Ihr Selbstbild zu lassen. Und hat sie gleichzeitig vor dem Verhungern geschützt. Ich finde diese Metapher aus mehreren Gründen sehr schön:

    • Weil sie wahr ist.
    • Weil sie uns ein wenig Demut lehrt.
    • Weil sie uns darauf aufmerksam macht, dass der Elefant uns beschützt und Gutes verfolgt, selbst, wenn wir das nicht erkennen. Sie kann uns helfen, den Elefantenanteil unseres Selbst besser zu würdigen und uns auch mit diesem Anteil mehr zu identifizieren.
    • Und sie kann uns manchmal helfen, das Verhalten anderer besser zu verstehen. Manchmal sagen uns Andere ganz vernünftige Dinge, setzen sie aber nicht in die Tat um oder tun genau das Gegenteil. Manchmal tun Menschen ganz irrational erscheinende Dinge. Das Bild vom Elefanten kann dann helfen, diese Menschen besser zu verstehen und ihr Handeln zu würdigen.
    Entscheidend ist, dass wir die Rahmenbedingungen, die unser Gehirn für uns fordert, akzeptieren, auch wenn es uns manchmal etwas archaisch vorkommt. Nur innerhalb dieser Rahmenbedingungen sind wir frei, uns zu bewegen. Aber innerhalb dieser sind wir tatsächlich frei, uns zu bewegen.
     

    Wir sind nicht nur der Reiter. Wir sind auch der Elefant. Und das ist auch gut so.
    Reiter und Elefant können einen gemeinsamen Weg gehen, wenn beide das wollen.

    Hilft das Auswerfen des Ankers gegen Seekrankheit?

    Auf hoher See

    Stell Dir vor, du bist mit einem kleinen Boot auf unruhiger, manchmal stürmischer See unterwegs. Wind und Wellen schütteln Dein Boot ganz schön durch, es schaukelt und schlingert, was das Zeug hält. Nach einiger Zeit wird Dir schlecht. Klarer Fall von Seekrankheit. Doch was tun? Du kannst ja nicht den Winden befehlen, nicht mehr zu wehen, den Wellen nicht sagen, sie sollten einen Bogen um Dein Schiff machen. Würdest Du den Anker auswerfen, in der Hoffnung, dass er Dein Schiff festhällt und so beruhigt?

    Stimmungslabilität

    Eine ähnliche Frage stellt sich immer wieder in der Psychopharmakotherapie emotionaler Schwankungen. Ein gesundes Auf und Ab der Gefühle ist ja gut und richtig. Manche Menschen leiden aber so stark unter den extremen Ausschlägen ihrer Gefühle, dass ihnen quasi vom ganzen himmelhoch-jauchzend  –  zu-Tode-betrübt innerhalb weniger Stunden ganz schlecht wird. Morgens noch beim Aufstehen super gut drauf, eine kritische Bemerkung vom Partner, schon geht’s mit Vollgas in die Verzweiflung. Mittags herrscht wieder Sonnenschein. Am Nachmittag dann der Gedanke: “Schaffe ich es, die Abgabefrist meiner Hausarbeit einzuhalten?” Selbstzweifel, Angst, Erstarren. Abends wieder Party.

    Bipolare Erkrankung?

    Die Aufgabe des Psychiaters ist es in solchen Fällen, zu diagnostizieren, ob es sich um eine bipolare Erkrankung handelt. Bipolare Erkrankungen sind typischerweise davon gekennzeichnet, dass der Patient im Abstand von wenigen Jahren, manchmal sogar nur von einigen Monaten oder sogar nur einigen Wochen depressive und manchmal manische Phasen erlebt. In den depressiven Phasen kommt er nicht gut aus dem Bett, ist wochenlang traurig gestimmt und hat zu nichts Lust. In den deutlich selteneren und meist viel kürzeren manischen Phasen ist er überdreht, schläft einige Tage lang nur wenige Stunden pro Nacht, hat tausend Pläne im Kopf und springt gedanklich von einem Thema zum nächsten.
    Obwohl die bipolare Erkrankung eine ernste Gesundheitsstörung ist, ist sie gut behandelbar. Die Gabe stimmungsstabilisierender Medikamente kann dazu führen, dass deutlich seltener pro Jahr deutlich weniger ausgeprägte manische oder depressive Phasen auftreten. Vereinzelt gibt es bei bipolaren Patienten in manischen Phasen auch psychotische Symptome. In diesen Phasen helfen Neuroleptika gegen die psychotischen Symptome.

    Oder Stimmungsschwankungen?

    Man muss gedanklich trennen zwischen einer bipolaren Erkrankung und Stimmungsschwankungen während eines Tages. Zwar gibt es den Begriff des rapid cyclings, was sehr häufige Wechsel von echten manischen und echten depressiven Episoden beschreibt. Fälle von rapid cycling sind aber sehr selten und stets eingebunden in eine seit vielen Jahren bestehende schwere bipolare Erkrankung.
    Ungefähr 10.000 mal häufiger sind einfache Stimmungsschwankungen. Davon ist auszugehen, wenn die Stimmung mehrfach am Tag schwankt, oft ausgelöst von kleinen Auslösern. Stimmungsschwankungen kommen oft bei der Borderline-Erkrankung vor und werden hier emotionale Labilität oder emotionale Instabilität genannt. Sie kommen aber auch bei einer Reihe anderer psychiatrischer Krankheitsbilder und vor allem auch bei ganz ganz Gesunden vor.

    Pharmakotherapie von Depressionen und Manien

    Wenn man nun einen Psychiater fragt, ob er etwas gegen Stimmungsschwankungen hat, dann muss er sich gedanklich also disziplinieren:

    • Handelt es sich um eine Depression? Dann helfen Antidepressiva.
    • Handelt es sich um eine bipolare Erkrankung? Dann helfen Phasenprophylaktika wie Lithium, Valproat und Carbamazepin.
    • Handelt es sich um eine Manie mit psychotischen Symptomen? Dann helfen Phasenprophylaktika und Neuroleptika.

    Pharmakotherapie der Stimmungschwankungen

    • Oder handelt es sich um ganz normale Stimmungsschwankungen?

    In diesem Falle helfen meiner Erfahrung nach Medikamente nicht. OK, man kann ein sedierendes Medikament verordnen, dann ist der Patient müder. Aber die Stimmung wird dadurch nicht stabiler. Viele Psychiater sind auch versucht, Phasenprophylaktika einzusetzen, denn die heißen auf Deutsch ja ganz verlockend “Stimmungsstabilisierer”. Aber das stimmt nur, wenn man den Verlauf eines Jahres betrachtet, nicht, wenn man den Verlauf eines Tages betrachtet. Und ganz am Schluss denken Psychiater offenbar immer wieder auch daran, Neuroleptika zu versuchen. Neuroleptika sind unzweifelhaft in der Behandlung der Psychose sehr wirkstarke Medikamente, aber sie haben nichts in der Behandlung von Stimmungsschwankungen zu suchen. Auch nicht vermeindlich so sanfte und so stark beworbene Neuroleptika wie Quetiapin (z.B. Seroquel®) oder Aripiprazol (Abilify®).

    Anker lichten!

    Es ist normalerweise total über das Ziel hinaus geschossen, wenn man bei Stimmungsschwankungen “adjuvant”, “augmentativ” oder “zur Unterstützung” Neuroleptika gibt. Diese greifen in den Dopaminstoffwechsel ein, und Dopamin braucht man für wichtige Dinge wie Freude, Motivation, Erkennen und Einschätzen von Bedeutung, Antrieb und ähnliches. Ein Neuroleptikum gegen Stimmungsschwankungen zu verordnen ist, wie bei einem Boot auf unruhigem Wasser, das schwankt und schleudert, den Anker zu Wasser zu lassen. Anker sind zwar toll, wenn das Boot in einer Realitätsverkennung denkt, es sei ein Vogel und sich in die Lüfte erheben will. Aber es verhindert nicht die Schwankungen durch die stürmische See. Das Boot bleibt durch den Anker zwar am Boden festgekettet, die Schwankungen bleiben aber bestehen.

    Die Nebenwirkungen der Neuroleptika überwiegen im Falle von Stimmungsschwankungen meiner Erfahrung nach fast immer ihre erhofften, aber meist nicht realen Wirkungen.

    Auf zu ruhigeren Wassern

    Was hilft, ist, das Leben in ruhigere, stabilere Gewässer zu führen. Weniger Streß, etwas Vorplanung, Konflikte lösen, um sie loszuwerden.

    Psychotherapie kann helfen, das zu bewirken. Psychotherapie kann auch wie ein Segelkurs wirken: Sie kann helfen, sich bei aufkommenden Böen eleganter in den Wind zu legen und ihn zu nutzen, um vorwärts zu kommen, statt von ihm herumgepustet zu werden, oder gar zu kentern.

    P.S.: Geschrieben in PixelPumper. Läuft!

    Die Psychotherapie der Zwangserkrankung oder wie man Laster loswird

    Heute habe ich einen Workshop des bekannten, auf die Therapie von Zwangskrankheiten spezialisierten Therapeuten Hansrüdi Ambühl aus Bern besucht. Fassen wir zusammen:

    Symptome der Zwangserkrankung

    Bei Zwangskrankheiten gibt es in der Regel zwei voneinander abgrenzbare Symptombereiche:

    A) Zwangsgedanken und Zwangsimpulse

    Sie wirken aufputschend, das heißt, sie beunruhigen den Kranken, machen ihn nervös und verursachen Angst und große Anspannung. Beispiele sind:

    Zwangsgedanken

    • “Habe ich, als ich vorhin mit dem Auto um die Ecke gebogen bin, einen Fahrradfahrer umgefahren, der jetzt hilflos am Boden liegt?”
    • “Habe ich den Briefkasten wirklich ganz vollständig ausgeleert, oder könnte ich irgendwie irgendwo im Briefkasten noch etwas übersehen haben?”

    Zwangsimpulse

    • “Ich habe den Impuls, jemanden auf der Straße mit obszönen Begriffen anzuschreien.”
    • “Wenn mir auf der Landstraße ein Auto entgegen kommt, habe ich manchmal den Impuls, das Steuer umzureißen und auf die entgegenführende Spur zu fahren, frontal ins andere Auto.”

    B) Zwangsrituale

    Sie wirken auf den Betroffenen beruhigend. Es sind Handlungen, die der Patient für sich erfunden hat, von denen er gemerkt hat, dass sie ihm helfen, die Anspannung zu reduzieren, die die Zwangsgedanken und Zwangsimpulse in ihm ausgelöst haben. Durch die Zwangsrituale kommt er wieder zur Ruhe. Beispiele sind:

    • Händewaschen
    • Kontrollieren
    • Dinge abzählen
    • Kognitive Rituale (z.B. In Gedanken minutiös nachvollziehen, wie man den Briefkasten ausgeleert hat)

    Die Zwangsrituale werden ausgeführt, um die Angst und Anspannung, die die Zwangsgedanken und Zwangsimpule ausgelöst haben, abzubauen.

    Therapie der Zwangserkrankung

    Das übergeordnete Prinzip der Psychotherapie bei Zwangskrankheiten ist, dem Patienten zu vermitteln, dass er sich nicht zum Sklaven seiner Zwangsgedanken und Zwangsimpulse machen lassen muss. Und dass er Zwangsgedanken und Zwangsimpulse haben kann, ohne mit einem Zwangsritual reagieren zu müssen. Der erste Teil der Therapie ist daher die

    Psychoedukation

    • Jeder hat manchmal unanständige, aggressive oder unangemessene Gedanken. Das ist ganz normal.
    • Man kann das Denken nicht so gut willentlich steuern. Manche Gedanken kommen einfach.
    • Gedanken sind keine Handlungen. Niemand nimmt wirklich einen Schaden, wenn der Patient lediglich einen Gedanken oder Impuls hat. Er tut es ja nicht. Gerade Zwangskranke wollen ja um gar keinen Preis eine sozial unangemessene Handlung begehen. Daher passiert das auch praktisch nie.

    Veränderung der Bewertung der Zwangsimpulse

    Die Lastwagenmethapher:  Zwangskranke denken oft, dass sie sich ihren Zwangsgedanken und Zwangsimpulsen mit voller Kraft entgegenstellen müssen, damit diese nicht wahr werden. Das ist, wie wenn sie einen Lastwagen auf der Straße sehen, sich auf die Straße vor den Lastwagen stellen und mit vorgestreckten Händen versuchen, diesen aufzuhalten. Klappt natürlich nicht. Statt dessen rät Dr. Ambühl ihnen, sich gedanklich einen Campingstuhl zu nehmen, sich drauf zu setzen, wie man sich an den Straßenrand setzen würde, und jedesmal, wenn ein Zwangsgedanke kommt, einen Strich auf einer (realen) Strichliste zu machen. Bis der Gedanke vorbei gezogen ist. Dann kommt vielleicht schon der nächste Zwangsgedanke, und dann macht man wieder einen Strich auf seiner Strichliste. Am Abend zählt man die Striche. So lernt man, die Sache viel gelassener zu sehen. Dies führt zu einer ganz anderen Bewertung der Bedeutung der Zwangsgedanken und Zwangsimpulse, so dass im Laufe der Zeit auch immer weniger Striche am Abend auf der Liste erscheinen.

    Reaktionsverhinderung

    Das zweite therapeutische Prinzip ist es, zu erlernen, dass man eine Situation, in der der Patient Zwangsgedanken oder Zwangsimpulse erlebt, auch aushalten kann, ohne sein Zwangsritual zu vollziehen. Das ist zwar zunächst mal sehr unangenehm, aber irgendwann hört diese Anspannung auf. Und je öfter man das macht, desto weniger stark bildet sich diese Anspannung beim nächsten mal aus. Der Körper habituiert. Wichtig ist, dass man bei der Exposition mit einer auslösenden Situation immer auch eine Reaktionsverhinderung durchführt. Praktisch sieht das zum Beispiel so aus:

    Hr. Z. hat ausgeprägte Ängste, er könne sich beim Berühren von Türklinken mit Bakterien infizieren. Jedes Mal, wenn er in einem öffentlichen Gebäude eine Türe anfasst, muss er sich danach mehrfach nach einem ganz festen Ritual die Hände waschen.

    Sein Therapeut vereinbart mit ihm, eine Expositionsübung mit Reaktionsverhinderung durchzuführen. Der Patient soll die Türklinke des Praxisraumes anfassen. Danach soll er aber gerade nicht seine Hände waschen. Es wird eine Anspannung im Patienten entstehen. Diese soll er so lange aushalten, bis sie abklingt. Das ist manchmal nach 30 Minuten der Fall, manchmal nach 3 Stunden. Wichtig ist, dass der Patient so lange aushält, bis die Anspannung weitgehend abgeklungen ist. Wenn er erlebt, dass sie auch ohne Zwangsritual abklingt, und diese Übung alleine immer wieder durchführt, wird er recht bald einen guten Teil seiner Zwangsrituale los sein.

    Pharmakotherapie

    Zusätzlich zur Psychotherapie gibt man in der Regel SSRI im Rahmen der Pharmakotherapie der Zwangserkrankung.

    Neue Krankheit gefunden: Hedonophobie

    Foto

    Hedonophobie

    Einleitung und Historie

    Beim Kaffeeklatsch im erweiterten Freundeskreis musste ich eine neue Krankheit entdecken: Die Hedonophobie. Meine Rechtschreibkorrektur kennt sie noch nicht, google kennt lediglich einige wenige Fundorte; im großen und ganzen ist dies Krankheitsbild unbekannt.
    Dabei kenne allein ich schon eine ganze Reihe von Menschen, die eine mehr oder minder ausgeprägte Form davon haben.
    Der Name leitet sich von (hedon = Freude, Spaß) und (Phobie = Angst vor) ab, also ist die Hedonophobie die Angst davor, lustvolle Dinge zu tun.

    Symptomatik

    Der Hedonophobiker meidet zunächst einmal alles genussvolle Essen. Er bevorzugt es, Kalorien zu zählen, Fettanteile zu reduzieren und ab der zweiten Brötchenhälfte über das gesunde Maß nachzudenken. Ein mehrgängiges Essen ist eben so suspekt wie ein Glas Rotwein oder gar das ganz sündige Dessert, letzteres dürfen auch die eigenen Kinder nicht essen; man will ja keine Fettsucht schüren.

    Ein tatenloser Abend im Bett ist ebenso gefürchtet; besser man besucht das Fitness-Studio, dann kann man schon mal auf Ablass von der Sünde des Essens hoffen.

    Auch einfach mal ins Kino gehen oder sich mit Freunden in der Kneipe treffen ist suspekt. Man könnte ja was an der Entwicklung der eigenen Projekte machen, das wäre in jedem Falle mal sinnvoller.

    Die Tage erscheinen dem zunehmend spaßbefreiten Hedonophobiker anstrengend, da der rigide Kurs durch die selbstgewählten Verpflichtungen keine Zeit mehr für Spaß und Freude lässt.

    Epidemiologie

    Die Hedonophobie beginnt in der Regel nicht vor dem 33 Lebensjahr und betrifft eher Menschen, die Zeit haben, über den Sinn ihres Lebens lange nachzudenken. Sehr schwere Fälle sind bei AkademikerInnen im vierten Lebensjahrzehnt und bei introvertierten Mönchen bekannt. Das Krankheitsbild lässt oft ab dem fünften Lebensjahrzehnt nach, ohne ganz zu verschwinden.

    Therapie

    Eine ursächliche Therapie ist nicht bekannt. Frühere Versuche von Psychotherapeuten mit sogenannten „Genussgruppen“, in denen notorisch Klangschalen geschlagen wurden und an altem Vanillepulver gerochen werden musste, waren ohne nachweisbaren Effekt.
    Als Verhaltenstherapeut empfehle ich ein Vorgehen im Sinne der systematischen Desensibilisierung. Zum Frühstück erst mal mit einem weißen Brötchen statt dem Schwarzmehlpuk starten, im Verlaufe des Tages shoppen gehen, ohne etwas zu brauchen, sich am Wetter freuen und dann am Nachmittag mal laut lachen. Zum Abend ein Glas Wein.
    Ganz Mutige dürfen danach laut zu ihrem Partner sagen: Ich habe das Leben heute genossen. Der Tag war schön. Und dann einfach weiter fernsehen.

    Authentizität versus Neutralität

    Eine Grundsozialisation in der Psychotherapie lautete früher, dass der Psychotherapeut sich “Neutral” zu geben habe, das heißt, dass er alles, was der Patient ihm sagte, wie eine weiße Projektionsfläche auf sich scheinen ließ, ohne es zu bewerten, ohne eine eigene Stellung zu beziehen und ohne sich selbst zu positionieren. Erlaubt waren lediglich gleichschwebende Akzeptanz und uneingeschränktes Verständnis. Explizit gewünscht war und ist immer noch die “Validierung von Gefühlen”, also etwa die Aussage: “Ich kann sehr gut nachempfinden, dass sie sich hierdurch verletzt gefühlt haben.” Also grundsätzlich Zustimmen, Akzeptieren und sich selbst und seine eigenen Wertungen zurückhalten.
    Freud hat das noch so durchgezogen.

    Aber in einer heutigen Einzeltherapie muss man sich schon oftmals fragen, ob man dem Patienten mit dieser “Therapeutischen Abstinenz” wirklich den größten Dienst erweist.

    Spätestens in der Paartherapie wird man aber regelmäßig auf die Probe gestellt, wenn die beiden Partner grundsätzlich unterschiedliche Varianten ein- und derselben Geschichte berichten. Dann beginnt der Therapeut gerne einen gewissen Eiertanz: “Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Sie, Hr. X, sich ungerecht behandelt gefühlt haben, und zugleich Sie, Fr. X, das Gefühl gehabt haben, ihr Mann habe übertrieben reagiert…”
    Kann man alles machen.

    Aber dann gibt es irgendwann mal Situationen, zu denen man eine nicht zu leugnende innere Haltung hat, die man auch ganz gerne äußern würde. Extrembeispiel: Hr. X schlägt seine Frau. Da möchte ich dann nicht mehr sagen: “Hr. X, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie sich immer, wenn sie betrunken sind, von alltäglichen Aussagen ihrer Frau gekränkt fühlen, und dann einfach mal zuschlagen.”

    Spätestens hier ist jeder automatisch einverstanden, dass es mit der Neutralität auch so seine Grenzen hat, und dass jetzt mal “Authentizität” gefragt ist; also schlicht und ergreifend zu sagen, was man wirklich empfindet und denkt.

    Authentizität gilt auch ganz grundsätzlich als gut und richtig. Aber, um mal die Wahrheit zu sagen, “Authentizität” auf der einen Seite und “Neutralität” oder “Therapeutische Abstinenz” auf der anderen Seite, schließen sich oft aus.

    Ich selbst finde schon, dass man das, was einem ein Patient sagt, erst mal so annehmen soll, wie er es sagt. Auch Validierung ist gut, wo sie angemessen ist. Und eine Paartherapie kann man nicht sicherer an die Wand fahren, als indem man sich auf die Seite des einen und gegen den Anderen schlägt.

    Aber wenn Sie mich fragen, sollte nach einem Zugang unter den Zeichen der Neutralität dann eine wertschätzende Authentizität folgen. Sonst kann ich als Patient doch gleich mit einer Flasche Weichspüler sprechen. So viel Mut darf man meiner Erfahrung nach als Psychotherapeut ruhig zeigen. Wenn ich mir einen Psychotherapeuten aussuchen müßte, würde ich höfliche und wertschätzende Umgangsformen voraussetzen. Und dann sollte er ehrlich zu mir sein. Authentisch. Das hielte ich schon aus.

    Ich glaube, dass Therapien sehr oft genau dann vorwärts kommen, wenn die beiden Menschen, die in der Therapie zusammen kommen (Patient und Therapeut), ehrlich zueinander sind. Wertschätzend und ehrlich.

    Welche Erfahrungen habt ihr mit Psychotherapeuten gemacht? Was ist oder wäre Euch wichtig?

    Stimmt es, dass man ein Jahr nach einer Querschnittslähmung genau so glücklich ist wie ein Jahr nach einem Lottogewinn?

    Video: Dan Gilbert: Warum sind wir glücklich?

    Es heißt ja immer, dass sich die menschliche Psyche schnell von selbst auf ein bestimmtes Ausgangsniveau stabilisieren kann, und zwar ziemlich unabhängig davon, welche äußeren Umstände einem widerfahren sind. So kehre das Gefühl von Glück und Zufriedenheit mit dem eigenen Leben bereits ein Jahr nach einem Lottogewinn wieder auf den Wert vor dem Lottogewinn zurück. Das ist zwar kontraintuitiv, aber noch vorstellbar. Interessanterweise kehrt das subjektiv empfundene Glück und die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben in größeren Statistiken im Mittel auch ein Jahr nach einer Querschnittslähmung wieder auf das Ausgangsniveau zurück.

    Das ist eine wirklich erstaunliche Fähigkeit der menschlichen Psyche, mit der man sich vertraut machen sollte, um sie zu nutzen, wenn man sie nutzen kann. Diesen menschlichen Mechanismus zu verstehen hilft auch, realistisch einzuschätzen, wieviel glücklicher es uns in der Zukunft wohl machen wird, wenn wir uns ein neues Haus kaufen, ein neues Auto kaufen, eine Prämienzahlung erhalten oder eine berufliche Beförderung erreichen. Es macht uns langfristig gesehen weniger glücklich, als wir immer so denken.

    Das Empfinden von Glück ist eine jedem einzelnen Menschen innewohnende Fähigkeit, die erfreulich wenig von äußeren Umständen abhängt. Und das ist auch gut so.

    Der oben verlinkte TED-Vortrag von Harvard-Professor Dan Gilbert stellt dieses Konzept sehr lebhaft vor.

    Gucken und glücklich sein!

    Welche Fortbildungen planst Du 2014?

    you live you learn

    Aber man kann das mit dem Lernen natürlich auch ein bisschen planen. Im letzten Jahr war ich zuletzt auf dem DGPPN Kongress in Berlin, und diesmal habe ich dort wirklich viel gelernt und gesehen. Der DGPPN-Kongress entwickelt sich immer mehr zum Zentrum des wissenschaftlichen und klinischen Austausches im Bereich der Psychiatrie. Vor wenigen Jahren kamen etwa 4.000 Teilnehmer zum Kongress. 2013 waren es bereits über 10.000 Teilnehmer. Darunter Psychiater, psychiatrische Pflegekräfte, Wissenschaftler, Gesundheitsdienstleister und allerhand andere. Die Breite der dort angebotenen Fortbildungen und auch die Qualität vieler einzelner Veranstaltungen ist beeindruckend. 2014 möchte ich wieder zum Kongress gehen. Darüber hinaus gehe ich im Januar zu einer Forensik Weiterbildung. Welche Fortbildungen habt Ihr Euch für 2014 vorgenommen? Was könnt ihr empfehlen? Und wie ist es eigentlich auf den Lindauer Psychotherapie-Wochen?

    Würde ich noch einmal Psychiater werden wollen?

    Camli (Name für die NSA geändert) hat mir gemailt, dass Sie sich überlegt, sich nach dem Abschluss eines Medizinstudiums auf Psychiatrie zu spezialisieren. Sie hat mich gefragt, ob ich noch mal Psychiatrie machen würde, wenn ich mich heute erneut entscheiden könnte (ich könnte ja auch noch mal wechseln…). Meine Antwort darauf ist einfach. Ich denke, man soll seinen Beruf nach folgendem Kriterium auswählen:

    “Wenn es Dich fasziniert, musst Du es machen!”

    Psychiatrie und Psychotherapie haben mich schon immer fasziniert und faszinieren mich auch heute noch. Also richtig gewählt. Ich würde es wieder wählen.

    Ich finde schon das Medizin-Studium sehr faszinierend. Man lernt wirklich viel über die Natur, den Menschen und erlernt sogar die Geheimnisse der Heilkunde. Also das war für mich schon mal ein no-brainer: Das wollte ich alles wissen.

    Nach Abschluss des Studiums fand ich es erst mal gar nicht so einfach, mich für ein bestimmtes Fach zu entscheiden. Internistische Intensivmedizin, Notfallmedizin, Kinderheilkunde und Psychiatrie fand ich allesamt sehr interessant.

    Das Besondere an der Psychiatrie und Psychotherapie ist für mich, dass es wirklich immer um den ganzen Menschen mit all seinen Geefühlen, Gedanken und seiner sozialen Umwelt geht. In anderen Bereichen der Medizin behandelt man natürlich auch immer den ganzen Menschen, der Fokus des Faches richtet sich dann aber doch viel schneller als in der Psychiatrie auf das Röntgenbild, die Laborwerte, die spezielle Anatomie des Handgelenkes oder was auch immer. Das ist in der Psychiatrie nicht so. Und es gibt wirklich jeden Tag irgend etwas Interessantes, Spannendes, ja wieder Faszinierendes zu erleben.
    In der Psychiatrie ist man in der priveligierten und außergewöhnlichen Situation, oft Menschen in Ausnahmesituationen kennen zu lernen und die Aufgabe zu haben, zu versuchen, ihnen zu helfen. Dadurch lernt man wirklich immer wieder etwas über die Menschen.
    Ich habe mich noch an keinem Tag während meiner Arbeit gelangweilt. Ich habe noch an keinem Tag bereut, Psychiatrie als Fach gewählt zu haben.

    Insofern, liebe Camli: Wenn Dich Psychiatrie und Psychotherapie fasziniert, dann:

    Go for it!

    Das wirkliche Problem der Patienten mit einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung

    Das Problem für einige Menschen mit zwanghafter Persönlichkeitsstörung und einige Menschen mit einer klassischen Zwangserkrankung ist ja weniger, dass die Kranken so lange diesen lästigen und manchmal etwas bizarren Zwängen nachgehen.

    Das Problem ist vielmehr, dass einige Betroffene Probleme haben, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden; dass manche Probleme haben, die Prioritäten richtig zu setzen.

    Dann gehen sie ihren Zwängen nach und lassen die wichtigen Dinge unerledigt, die wesentlichen Dinge ungelebt. Diese Versäumnisse sind das größte Problem der Krankheit.

    Nicht die Zwangshandlungen sind manchmal das Schlimmste. Das Wichtige und Wesentliche Dinge nicht hinkriegen ist oftmals das Schlimmste.

    P.S. Aus den Kommentaren habe ich gelernt, das für viele Betroffene die Kombination aus Angst und Zwangshandlungen sehr wohl das Belastendste ist. Prioritäten zu setzen und diesen Prioritäten folgen zu können ist nicht für jeden Zwangskranken ein Problem, es gehört auch nicht zu den diagnostischen Kriterien der Zwangskrankheit der ICD-10.

    Dies könnte manchmal eher ein Problem von Menschen mit einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung sein.
    Stimmt! Vielen Dank für diese Korrekturen!

    Zum Unterschied von Intrusionen und Flashbacks

    In der Traumatherapie spielt eine präzise Sprache eine ganz besonders wichtige Rolle. Ein Punkt ist, dass die häufigeren Intrusionen von den selteneren, dafür sehr viel pathologischeren Flashbacks unterschieden werden müssen. Es ist nicht gut, einem Patienten, der Intrusionen hat, zu sagen, er habe Flashbacks, und ihn entsprechend falsch zu behandeln… Zur Rekapitulation:

    Intrusionen

    Intrusionen sind laut Wikipedia der Überbegriff über unangenehme Erinnerungen, Flashbacks und Albträume. 

    Im allgemeinen Sprachgebrauch werden als Intrusionen am ehesten Erinnerungen aus der Vergangenheit benannt, die dem Patienten in den Sinn kommen, und die er als störend oder belastend erlebe. Dabei besteht Distanz zu diesen Erinnerungen und er kann diese Erinnerungen als solche zuordnen. Er kann dabei ganz normal weiterarbeiten. Er bleibt Herr des Geschehens.

    Flashbacks

    Flashbacks gelten als Unterbegriff der Intrusionen. Ein Flashback ist ein Zustand, in dem jemand mit Haut und Haaren in ein vergangenes Erlebnis hinein gerissen wird, und es jetzt noch einmal durchlebt, als geschehe es gerade jetzt noch einmal. Dabei durchlebe er nicht nur die abstrakte Erinnerung, sondern auch die damit verbundenen Sinneswahrnehmungen wie Gerüche, Berührungen und die damit verbundenen Gefühle wie Angst etc. noch einmal mit durch. Der Flashback ist hier Herr über das Erleben.

    Orthorexia nervosa

    Mit der Erfindung neuer Krankheiten sollte man zurückhaltend sein. Das spricht natürlich gar nicht gegen eine Ausnahme von Zeit zu Zeit. Mir gefällt dieser Vorschlag von Dr. Bratmann gut: Vorhang auf für eine neue Modekrankheit, Seuchenpotential inclusive:

    Orthorexia nerosa

    Die Orthorexie ist das Krankhafte Gesundessen, also die ständige Beschäftigung mit Vitaminen, Nährwerttabellen, Ernährungsplänen und der stundenlangen Hingabe, das ultimativ gesunde Essen zu erkennen, zu beschaffen, zu bevorraten und schließlich in eben gerade ausreichenden Mengen einzunehmen. Statt danach einen Espresso zu trinken, wird lieber in einer brandneuen Studie zur krebsauslösenden Wirkung von Mineralwasser geschmökert. Gerne wird das Krankheitsbild von einem nervtötenden missionarischen Eifer begleitet. Was regelmäßig fehlt, ist der entspannte Genuß beim Essen. Die Krankheit ist zwischen den Essstörungen und den Zwangsstörungen angesiedelt.

    Noch gilt Orthorexia nervosa nicht wirklich als Krankheit.

    Aber jetzt muss ich aufhören, zu schreiben. Mein Grünkohleintopf mit Speck und Bratwurst wird gerade gebracht…

    Eine neue Weiterbildungsordnung in der Psychiatrie wird kommen

    Gegenwärtig dauert die Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie fünf Jahre. Es gibt einige wenige Zusatzqualifikationen, die die Zusatzbezeichnung Forensische Psychiatrie oder Geriatrie.

    Gegenwärtig werden die Weiterbildungsordnungen aller Fächer neu überdacht, und auch die Psychiatrie wird bis zum Jahr 2016 eine neue Weiterbildungsordnung bekommen.

    Inhaltlich ist das Fach Psychiatrie sehr vielseitig, es reicht von der sehr somatischen Gerontopsychiatrie über die Suchtpsychiatrie, die Allgemeinpsychiatrie bis hin zur Psychotherapie. Und dann gibt es noch eine Reihe von Spezialanwendungsfällen dieser Gebiete wie der Forensik, die sehr viel zusätzliches, spezialisiertes Wissen erfordern.

    Insbesondere die stärkere Gewichtung der Gerontopsychiatrie und der störungsspezifischen Psychotherapie lassen nun den Gedanken aufkommen, dass die Weiterbildungszeit eigentlich von fünf Jahren auf sechs Jahre verlängert werden müßte, um der Komplexität und Breite des Faches gerecht werden zu können.

    Aber sechs Jahre sind lang, insbesondere, wenn man bedenkt, wie viele Psychiaterinnen und Psychiater in Teilzeit arbeiten, immer mal wieder Elternzeit nehmen oder auch erst spät, zum Beispiel am Ende der Neurologie-Weiterbildungszeit, zur Psychiatrie wechseln. Und zur Facharztprüfung erst mit 50 antreten zu dürfen, kann auch nicht Sinn der Sache sein.

    Da die Psychiatrie der Breite der Inhalte nach am ehesten mit der Inneren Medizin verglichen werden kann, kann man überlegen, wie dort die Weiterbildung in einen Gemeinsamen Teil (common trunk) und sich hieran anschließende Spezialisierungen (in der Innern Kardiologie, Gastrologie etc.) aufzuteilen.

    Das hätte den Vorteil, die Weiterbildungszeit nicht ausufern zu lassen, und dennoch die für diesen Bereich erforderlichen Kenntnisse solide vermitteln zu können. Ein solches Curriculum könnte zum Beispiel so aussehen:

    Zunächst machen ALLE 4 Jahre einen Gemeinsamen Teil, bestehend aus 2 Jahren Allgemeinpsychiatrie, einem Jahr Sucht, und einem Jahr Gerontopsychiatrie.

    Danach käme eine Spezialisierung, die entweder nach einem weiteren Jahr Psychotherapeutische Medizin in den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mündet, oder nach zwei Jahren Spezialisierung einen der unten genannten Abschlüsse bringt

    AP=Allgemeinpsychiatrie, S=Sucht, G=Geronto, F=Forensik, PM=Psychotherapeutische Medizin, FA PP=Facharzt Psychiatrie und Psychotherapie, ZB=Zusatzbezeichnung

    1.Jahr 2.Jahr 3.Jahr 4.Jahr 5.Jahr 6.Jahr Abschluss
    AP AP S G PM FA PP
    AP AP S G S S FA PP ZB Suchtmedizin
    AP AP S G Neuro oder Innere G FA PP ZB Geriatrie
    AP AP S G F F FA PP ZB Forensische Medizin
    AP AP S G PM PM FA PP ZB Psychotherap. Medizin
    AP AP S G Innere Psychosomatik FA PP ZB Psychosomatik

    Wie denkt Ihr über die Weiterbildungsordnung? Sollte es einen gemeinsamen Teil und dann eine Spezialisierung geben? Sollte es weiterhin eine Weiterbildung für alle geben, und dann danach Zusatzbezeichnungen? Wie lang sollte die Weiterbildung sein?

    Lebensvertrag


    Viele in der Psychiatrie Tätige und viele Psychiatrie-Erfahrene kennen den "Anti-Suizid-Vertrag". Wenn jemand unter starkem Druck steht, sich etwas anzutun, kann eine schriftliche Vereinbarung, für eine bestimmte Zeit sich eben nichts anzutun, sondern andere Verhaltensweisen zu wählen, zum Beispiel zum Pflegepersonal zu gehen und zu besprechen, welche Skills helfen, ein Gewinn sein.

    Der Begriff Anti-Suizid-Vertrag ist recht sperrig, umgangssprchlich wird er dann oft auch noch zu "Suizid-Vertrag" verkürzt, was ja nun wirklich gar nicht geht.

    Heute habe ich (schon wieder in einer Prüfung) einen sehr viel besseren Namen für diesen Vertrag gehört:

    Lebensvertrag

    Na also. Geht doch. Ich werde ihn ab jetzt nie mehr anders nennen.

    Die Drittelregel von Hippocrates

    Medizinstudenten bekommen seit etwa 2500 Jahren einige wesentliche Dinge unverändert beigebracht, darunter die berühmte Drittelregel von Hippocrates. Sie ist in erstaunlichem Maße auch heute noch gültig, und das praktisch in allen Fachbereichen, auch der Psychiatrie. Hippocrates unterteilte die Patienten nach ihrer Prognose in drei Gruppen:

    • Gruppe 1: Jene, die von alleine wieder gesund werden, und die keiner ärztlichen Hilfe bedürfen.
    • Gruppe 2: Jene, die der Behandlung bedürfen.
    • Gruppe 3: Jene, die auf keinen ärztlichen Eingriff reagieren.

    Und es war ihm wichtig, zu lehren, dass sich die Ärzte mit Ihrer Behandlung ausschließlich der zweiten Gruppe zuwenden. Gruppe 1 solle keine Behandlung erhalten, weil sie von alleine besser gesunden könne und ärztliche Interventionen dem nur im Wege stehe, also schade. Gruppe 3 solle ebenfalls keine Behandlung erhalten, denn diese erschwere nur die Last der Krankheit, ohne Heilung zu bewirken. Stattdessen brauche diese Gruppe Trost und Zuspruch. Lediglich Gruppe 2 solle behandelt werden. Dabei seien die Risiken und Nachteile der Behandlung dem Nutzen gegenüber abzuwägen. Die Drittelregel bleibt schlicht und ergreifend wahr. Im Zuge der Kommerzialisierung gerät besonders Gruppe 1 immer mehr ins Visier der Behandler. Dinge werden als Krankheiten benannt, die keine sind. Dies hemmt die eigenständigen Bemühungen der Betroffenen, aus ihrem Leid wieder heraus zu kommen und verschiebt die Hoffnungen oft irrational auf eine Pille, die die erhoffte Wirkung natürlich nicht liefern kann. Es ist wichtig, sich bei jedem Patienten klar zu machen, in welche Gruppe er eigentlich gehört. Natürlich haben Ärzte inzwischen auch einige Aufgaben, die sie vor 2500 Jahren noch nicht hatten. So ist es für Patienten der Gruppe 3 oft wichtig, begutachtet zu werden, um Unterstützung vom Sozialstaat zu erhalten oder besondere Förderungen zu bekommen. Und Patienten der Gruppe 1 kommen mit der berechtigten Frage, ob sie vielleicht nicht zur Gruppe 2 gehören. All dies ist natürlich auch in Ordnung. Aber für die Behandlung haben wir die Verantwortung, uns ganz auf Gruppe 2 zu konzentrieren. Hippocrates hat in diesem Punkt immer noch Recht.

    False Memories

    Ich gelobe, hier jetzt nicht meine 100 liebsten TED-Talks zu verlinken. Aber dieser Vortrag hier erklärt in 17 Minuten sehr sehr anschaulich die Gefahren von induzierten, falschen Erinnerungen in Bezug auf Gerichtsverhandlungen und auch bestimmte psychotherapeutische Techniken. Sehr sehenswert!

    Bibliotherapie

    Ich wußte immer schon:

    “Man liest, um zu wissen, dass man nicht allein ist.”

    Heute habe ich in einer Prüfung gelernt, wie das auf psychotherapeutisch heißt:

    “Durch die Bibiotherapie kann ein Normalitätssignal gesendet werden.”

    …oder so.

    Do something different !

    Die „Do-something-different-Regel“ ist ganz einfach: 

    Ersetze jeden Tag eine Deiner Routinen durch eine Variation.

    Unser Erwachsenenleben besteht zu einem erschreckend hohen Teil aus Routinen: Aufstehen, Duschen, immer auf dem gleichen Weg zur Arbeit fahren, irgendwie immer alles gleich machen. Hat ja auch Vorteile.

    Hat aber auch Nachteile. Du verpasst was. Das Vorgehen ist so: Du machst jeden Tag eine Sache anders, als sonst:

    – Fahr statt mit der Straßenbahn mit dem Fahrrad zur Arbeit

    – Erledige die Routineaufgaben Deiner Arbeit mal in einer anderen Reihenfolge oder mit einer anderen Methode

    – Beantworte Deine Arbeitsemails während der Arbeitszeit im Park sitzend mit dem iPad

    – Koch etwas, was Du noch nie gekocht hast

    – Ruf mal einen alten Schulfreund an

    – Geh in einen ganz ganz schlechten Kinofilm

    – ….

    Du wirst überrascht sein, wie oft Du eine Verbesserung feststellst. Bei schönem Wetter wirst Du viel öfter mit dem Rad zur Arbeit fahren und das Büro ist nicht mehr Dein einziger Arbeitsplatz. 

    Im wirklich äußerst empfehlenswerten Buch: „Machen, nicht denken!“ habe ich jetzt auch gelesen, dass das auf wissenschaftlich „Do-something-different“ heißt. ich dachte vorher immer, ich hätte das selbst erfunden, und habe es immer die „10-Prozent-Regel“ genannt. Besagte, dass man 10 Prozent der Dinge, die man tut, anders tut als sonst oder einfach etwas ganz anderes macht. Wie man es auch nennt, auf jeden Fall macht ein gerüttelt Maß an Variation glücklicher, versprochen!

    Schreibt in die Kommentare, was ihr heute anders gemacht habt! Ich mache den Anfang…

    Umgang mit Selbstverletzendem Verhalten im stationären Rahmen

    Selbstverletzendes Verhalten im stationären Rahmen kann manchmal ganz schön starke Irritationen auslösen. Ungemein wichtig ist daher, dass das Behandlungsteam und die Patientin / der Patient zu Beginn der Behandlung klare Absprachen getroffen haben, wie mit welchen Formen der Selbstverletzung umzugehen ist. Natürlich gibt es keine für jeden Patienten und jede Situation gültige Regelung, sondern man muss sich immer wieder neu und individuell einigen. Aber es gibt einige häufig angewendete Absprachen, die ich hier mal auflisten möchte, die vielleicht die Diskussion beleben können.

    Zunächst einmal möchte ich aber auf ein Video verlinken, dass aus Sicht einer Betroffenen sehr nachvollziehbar beschreibt, was selbstverletzendes Verhalten eigentlich ist:

    Und ein Video, das aus Sicht einer Betroffenen beschreibt, welche alternativen Skills für sie hilfreich sind:

    Welche Absprachen könnten im Umgang mit Selbstverletzendem Verhalten im stationären Rahmen hilfreich sein? Die Klinik könnte folgende Elemente in einen Behandlungsvertrag mit der Patientin / dem Patienten aufnehmen:

    • Wir verstehen, dass SVV für Sie ein Verhalten ist, große innere Not zu lindern. Wir verurteilen Sie dafür nicht und bestrafen Sie dafür nicht.
    • SVV ist in der Regel kein Grund, auf eine geschlossene Station verlegt zu werden.
    • Ausnahme: Wenn die Selbstverletzung sehr gefährlich wird, also dauerhafte Schädigungen entstehen könnten oder das Leben in Gefahr ist, dann werden sichere Schutzmaßnahmen ergriffen. Eine dieser Schutzmaßnahmen wird in der Regel die Verlegung auf eine geschlossenen Station sein.
    • Eines der Ziele der Behandlung im Krankenhaus ist es, Alternativen zum Selbstverletzenden Verhalten zu erlernen und zu trainieren. Es gehört daher zu den Absprachen, dass Sie in Anspannungssituationen versuchen, Skills anzuwenden. Wenn Sie dauerhaft keine Versuche unternehmen, Skills anzuwenden, sondern immer wieder als einzige Methode der Spannungsreduktion selbstverletzendes Verhalten wählen, kann dies zu einer Therapiepause führen, da ein wesentliches Therapieziel dann nicht erreichbar ist.
    • Zum Schutz der anderen Patientinnen und Patienten vereinbaren wir mit Ihnen, dass Sie, wenn Sie sich schneiden, dies nicht vor den Augen anderer Patienten tun, diesen nicht die noch blutenden Schnitte zeigen und nicht andere Patientinnen um Hilfe bitten, wenn Sie sich geschnitten haben. Statt dessen suchen Sie bitte das Pflegepersonal auf, das darüber entscheidet, ob eine chirurgische Versorgung erforderlich ist. Ist dies nicht der Fall, verbinden Sie die Wunde bitte selber und bedecken Sie zumindest für zwei Stunden.
    • Nach selbstverletzendem Verhalten schreiben Sie bitte eine Verhaltensanalyse, am besten in Form einer Kettenanalyse, um in Zukunft versuchen zu können, in ähnlichen Entwicklungen früher einen anderen Ausweg zu finden.

    Welche Absprachen haltet ihr für sinnvoll im Umgang mit selbstschädigendem Verhalten in der stationären Behandlung? Gibt es Musterbeispiele für Behandlungsverträge, die ihr gut findet? Ich freue mich über jeden Kommentar!

    Raider. Twix. Psychologen in Weiterbildung

    Raider heißt jetzt Twix, müßte aber PIW heißen

    Der Lebensweg des Psychologen sieht so aus, dass er zunächst einmal ein Hochschulstudium der Psychologie macht und dann mit einem Bachelor oder Master abschließt. Dann hat er ein abgeschlossenes Hochschulstudium und kann sich irgendwo einstellen lassen und sich Master nennen und auch so bezahlen lassen, wie sich Menschen mit abgeschlossenem Studium eben bezahlen lassen. Er kann auch sagen, dass er noch eine Weiterbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten machen will. Dann muss er eine umfangreiche theoretische und praktische Weiterbildung machen, ein 12 Monate langes Pflichtpraktikum in einer Psychiatrischen Klinik und ein 6 Monate langes Pflichtpraktikum in einer Psychologischen Praxis machen. Wie heißt er in dieser Zeit?

    Raider-Phase: Früher hieß er in dieser Zeit PIP´ler, was Psychologe im Praktikum bedeutete. Das lehnte sich sicher an den früher benutzten Begriff Arzt im Praktikum an, der aber inzwischen abgeschafft ist.

    Twix-Phase: Aktuell heißt er politisch korrekt PIA, was Psychologe in Ausbildung bedeutet. Ausbildung ist aber leider auch falsch, denn eine Ausbildung ist eine erste Berufsausbildung, während eine Weiterqualifikation nach abgeschlossener erster Ausbildung Weiterbildung heißt. Korrekt müssten PIA´s also

    PIW-Phase: PIW´s heißen: Psychologe in Weiterbildung.

    Lebenszyklus Arzt in Weiterbildung zum Facharzt PIA
    Abgeschlossenes Hochschulstudium Ja Ja
    Weiterbildung, um eine Anwartschaft auf eine Kassenzulassung zu haben Ja Ja
    Approbation Ja Nein
    Bezahlung tariflich mau bis mager

    Nachdem das Landesarbeitsgericht Hamm ja unlängst entschieden hatte, dass es sittenwidrig ist, PIA’s kein Gehalt zu zahlen, hat es sich durchgesetzt, in städtischen Gegenden zwischen 0 und 1000 € und in ländlichen Gegenden zwischen 800 und 3000 € für PIP’ler brutto monatlich zu zahlen.

    Merke: PIA´s sind in einem Ausbildungsabschnitt, der im wesentlichen der Weiterbildung eines Arztes zum Facharzt entspricht.