Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist das bekannteste pflanzliche Antidepressivum und wird seit Jahrhunderten in der Heilkunde eingesetzt. Doch wie gut wirkt es wirklich? Wann ist es eine sinnvolle Alternative zu klassischen Antidepressiva — und wann kann es sogar gefährlich werden? In meinem ausführlichen Video erkläre ich dir alles, was du über Johanniskraut wissen musst:
Was ist Johanniskraut?
Johanniskraut ist eine Heilpflanze mit langer Tradition in der Behandlung von Stimmungsproblemen. Die wichtigsten Wirkstoffe sind Hyperforin und Hypericin. Pharmakologisch wirkt Johanniskraut als Wiederaufnahmehemmer gleich mehrerer Botenstoffe im Gehirn: Serotonin, Noradrenalin, Dopamin, GABA und Glutamat. Damit hat es ein breiteres pharmakologisches Profil als die meisten klassischen Antidepressiva.
Wirksamkeit bei Depressionen
Eine große Metaanalyse aus dem Jahr 2016 hat gezeigt, dass Johanniskraut bei leichten bis mittelschweren Depressionen vergleichbar wirksam ist wie SSRI — und das bei insgesamt besserer Verträglichkeit. Bei schweren Depressionen reicht die Wirksamkeit allerdings nicht aus; hier sollten klassische Antidepressiva zum Einsatz kommen.
Dosierung von Johanniskraut
Die empfohlene Standarddosis beträgt 900 mg pro Tag. Wichtig ist, dass du ein apothekenpflichtiges Präparat in ausreichender Dosierung verwendest. Handelsübliche Präparate sind z.B. Laif® 900, Jarsin® 300/450/750, Neuroplant®, Hyperforat® und Felis® 650. Die niedrig dosierten Produkte aus der Drogerie oder dem Supermarkt sind für die Behandlung einer Depression nicht ausreichend dosiert.
Wechselwirkungen — Das große Thema
Die Wechselwirkungen sind der mit Abstand wichtigste Punkt bei Johanniskraut. Johanniskraut ist ein potenter Induktor des Enzyms CYP 3A4 in der Leber. Das bedeutet, dass es den Abbau zahlreicher anderer Medikamente beschleunigt und deren Wirkung dadurch abschwächt oder ganz aufhebt. Betroffen sind unter anderem:
- Orale Kontrazeptiva (die „Pille“) — Johanniskraut kann die Verhütung unwirksam machen!
- Immunsuppressiva wie z.B. Ciclosporin®, Prograf® (Tacrolimus) und Certican® (Everolimus) — lebensbedrohliche Abstoßungsreaktionen nach Organtransplantation möglich
- Gerinnungshemmer wie z.B. Marcumar® und Falithrom® (Phenprocoumon) — Thromboserisiko durch verminderte Wirkung
- HIV-Medikamente — Wirkverlust der antiretroviralen Therapie
- Chemotherapeutika — verminderte Wirksamkeit der Krebsbehandlung
Genau wegen dieser gefährlichen Wechselwirkungen ist Johanniskraut seit 2009 für die Indikation „mittelschwere Depression“ in Deutschland verschreibungspflichtig. Vor jeder Verordnung ist ein sorgfältiger Interaktionscheck absolut unverzichtbar.
Nebenwirkungen
Johanniskraut ist insgesamt gut verträglich. Die wichtigste Nebenwirkung ist eine Photosensibilisierung: Die Haut wird empfindlicher gegenüber Sonnenlicht, sodass es schneller zu Sonnenbrand kommen kann. Insbesondere im Sommer sollte auf ausreichenden Sonnenschutz geachtet werden. In der Schwangerschaft wird die Einnahme von Johanniskraut nicht empfohlen.
Mein persönliches Fazit
Johanniskraut ist eine gut verträgliche Alternative bei leichten bis mittelschweren Depressionen — und die Studienlage bestätigt das. Das große Aber sind die Wechselwirkungen: Der CYP-3A4-Induktionseffekt macht einen sorgfältigen Interaktionscheck vor jeder Verordnung zur Pflicht. Wenn keine relevanten Interaktionen vorliegen, ist Johanniskraut in der richtigen Dosierung von 900 mg/Tag aus der Apotheke ein sinnvolles Medikament. Von den niedrig dosierten Produkten aus der Drogerie rate ich ab.
Johanniskraut behandele ich auch im Videokurs Psychopharmaka — dort konziser und zum strukturierten Lernen aufbereitet, mit Video und Folien zum Mitnehmen.
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