Melatonin ist eines der am häufigsten verwendeten Schlafmittel überhaupt. In niedrigen Dosierungen ist es in Deutschland rezeptfrei als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich, in der höheren Dosis von 2 mg retard ist es verschreibungspflichtig. Doch was kann Melatonin wirklich — und wo liegen seine Grenzen? In diesem Artikel erkläre ich dir alles Wichtige zu Wirkung, Dosierung und Nebenwirkungen von Melatonin.
Was ist Melatonin?
Melatonin ist ein Hormon, das in der Zirbeldrüse (Epiphyse) des Gehirns produziert wird. Es ist ein wichtiger Baustein in der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Die Produktion von Melatonin wird durch Dunkelheit angeregt und durch Tageslicht gehemmt. In der Nacht steigt der Melatoninspiegel im Blut an und erreicht sein Maximum gegen 3 Uhr morgens.
Die Melatoninproduktion ist abhängig vom Alter und von der Jahreszeit. Mit zunehmendem Alter nimmt sie ab, was eine Erklärung dafür sein könnte, dass ältere Menschen häufiger unter Schlafstörungen leiden. Auch die Lichtexposition am Abend — zum Beispiel durch Bildschirme — kann die Melatoninproduktion stören.
Wirkung von Melatonin als Schlafmittel
Melatonin wirkt anders als die meisten anderen Schlafmittel: Es erzwingt keinen Schlaf, sondern stellt den körpereigenen Schlaf-Wach-Rhythmus ein. Es signalisiert dem Körper gewissermaßen, dass es Nacht ist und Zeit zum Schlafen.
In einer großen Metaanalyse aus dem Jahr 2017 zeigte sich ein signifikanter Effekt von Melatonin auf Einschlaf- und Durchschlafstörungen. Allerdings sind die Ausmaße der Verbesserungen eher klein: Im Mittel wurde die Einschlafzeit um 5–10 Minuten verkürzt. Das klingt nach wenig, kann aber für Betroffene mit ausgeprägten Einschlafproblemen durchaus relevant sein.
Anders als Benzodiazepine oder Z-Substanzen wie Zolpidem verändert Melatonin die Schlafarchitektur nicht. Es stört weder den REM-Schlaf noch andere wichtige Schlafphasen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber vielen anderen Schlafmitteln.
Dosierung von Melatonin
Es gibt zwei wesentliche Dosierungsbereiche für Melatonin:
Verschreibungspflichtiges Melatonin (Circadin): 2 mg retard zur Nacht. Es ist zugelassen zur Behandlung von primärer Insomnie bei Patienten ab dem 55. Lebensjahr. Die Einnahme erfolgt 1 Stunde vor dem Schlafengehen, und zwar über einen Zeitraum von 13 Wochen.
Rezeptfreies Melatonin: In niedrigeren Dosierungen (meist 0,5–1 mg) wird Melatonin in Deutschland rezeptfrei als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben. Ob diese rechtliche Einordnung dauerhaft Bestand haben wird, ist noch unklar. Auch der klinische Nutzen in dieser niedrigen Dosierung ist umstritten.
Wann hilft Melatonin besonders gut?
Melatonin wird schon länger erfolgreich bei Jetlag und bei Schlafstörungen durch Schichtarbeit eingesetzt — also überall dort, wo der Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinandergeraten ist. Seit einigen Jahren wird es zunehmend auch gegen die normale Schlafstörung eingesetzt.
Besonders gut wirkt Melatonin bei vollständig blinden Menschen, die ihren Schlaf-Wach-Rhythmus nicht über Licht regulieren können. Hier ist die Wirksamkeit so überzeugend, dass mit Tasimelteon sogar ein spezieller Melatonin-Rezeptor-Agonist als Orphan Drug zugelassen wurde.
Auch das Antidepressivum Agomelatin (s. Abschnitt 3.6.9 in meinem Buch „Psychopharmakotherapie griffbereit“) ist ein Melatonin-Rezeptor-Agonist und wirkt neben seiner antidepressiven Wirkung besonders gut gegen Schlafstörungen.
Nebenwirkungen von Melatonin
Melatonin ist insgesamt sehr gut verträglich. Die wichtigsten Vorteile im Vergleich zu anderen Schlafmitteln:
- Es macht nicht abhängig.
- Es verursacht keine Toleranzentwicklung — die Wirkung lässt also nicht nach.
- Es verändert die Schlafarchitektur nicht (kein Einfluss auf REM-Schlaf).
- Es verursacht in der Regel keinen Überhang am nächsten Morgen.
Gelegentlich können Kopfschmerzen, Schwindel oder leichte Tagesmüdigkeit auftreten. Insgesamt sind die Nebenwirkungen aber deutlich geringer als bei fast allen anderen Schlafmitteln.
Melatonin im Eskalationsplan Schlafstörungen
Ich orientiere mich in der Behandlung von Schlafstörungen an folgendem Stufenplan:
- Gute Schlafhygiene (kühles Schlafzimmer, feste Schlafenszeiten, kein Koffein nach 15 Uhr)
- Pflanzliche Schlafmittel (Baldrian, Hopfen)
- Melatonin
- Antihistaminika (z. B. Doxylamin)
- Daridorexant
- Antidepressiva (z. B. Trimipramin, Mirtazapin in niedriger Dosis)
- Niederpotente Neuroleptika
- Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon)
- Benzodiazepine

Melatonin steht in diesem Stufenplan relativ früh — und zwar vor allem deshalb, weil es nicht abhängig macht und die Schlafarchitektur nicht stört. Es ist damit ein guter erster medikamentöser Schritt, bevor man zu stärkeren Schlafmitteln greift.
Mein persönliches Fazit
Melatonin ist kein Wundermittel. Es wird den Schlaf nicht erzwingen, und bei schweren Schlafstörungen reicht es allein oft nicht aus. Aber es ist ein sinnvoller Baustein in der Behandlung von Schlafstörungen — besonders bei Patienten mit einem gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus, bei Jetlag und bei älteren Patienten mit nachlassender körpereigener Melatoninproduktion.
Die verschreibungspflichtige 2-mg-Retardform (Circadin) ist der rezeptfreien Niedrigdosis aus meiner Sicht vorzuziehen, da hier die Datenlage besser ist. In meiner klinischen Praxis setze ich Melatonin gerne als ersten medikamentösen Schritt ein, wenn Schlafhygiene und pflanzliche Mittel allein nicht ausreichen.
Dieser Artikel basiert auf meinem Buch Psychopharmakotherapie griffbereit. Dort findest du das vollständige Kapitel zu Melatonin und allen anderen Schlafmitteln mit ausführlichen Informationen zu Pharmakologie, Dosierung und Nebenwirkungen.
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