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Diazepam (Valium): Wirkung, Dosierung, Nebenwirkungen

6. September 2014

Diazepam (Valium): Wirkung, Dosierung, Nebenwirkungen

Diazepam (Valium®) ist das bekannteste Benzodiazepin überhaupt und seit 1963 auf dem Markt. Es wirkt angstlösend, muskelentspannend, krampfhemmend und schlaffördernd — und es ist bis heute die Referenzsubstanz, an der alle anderen Benzodiazepine gemessen werden.

Seine wichtigste Eigenschaft ist zugleich sein größtes Problem: Diazepam wirkt sehr lange.

Warum Diazepam sich aufbaut

Die Halbwertszeit von Diazepam selbst beträgt etwa 20 bis 50 Stunden. Entscheidend ist aber, dass beim Abbau ein aktiver Metabolit entsteht: Desmethyldiazepam, auch Nordazepam genannt. Der wirkt selbst wie ein Benzodiazepin und hat eine Halbwertszeit von bis zu 100 Stunden.

Praktisch heißt das: Wer Diazepam täglich nimmt, hat nach einer Woche mehr Wirkstoff im Körper als am ersten Tag, und nach zwei Wochen noch mehr. Der Spiegel steigt, obwohl die Dosis gleich bleibt. Das nennt man Kumulation, und sie ist der Grund, warum Menschen unter unveränderter Dosis nach einigen Wochen zunehmend müde, unsicher auf den Beinen und vergesslich werden.

Bei älteren Menschen ist der Effekt noch ausgeprägter, weil der Abbau langsamer läuft und der Anteil an Fettgewebe steigt, in dem sich Diazepam verteilt. Deshalb steht Diazepam auf der Priscus-Liste der für ältere Menschen potenziell ungeeigneten Medikamente — Stichworte Stürze, Oberschenkelhalsbruch und Verwirrtheit.

Wofür Diazepam gut ist

  • Alkoholentzug — die lange Wirkdauer ist hier ein Vorteil, weil der Spiegel gleichmäßig fällt und weniger Entzugsspitzen entstehen.
  • Krampfanfall und Status epilepticus — Diazepam wirkt zuverlässig antikonvulsiv.
  • Akute Angst und Erregung, kurzfristig.
  • Muskelverspannung und Spastik.
  • Als Umstellungssubstanz beim Absetzen anderer Benzodiazepine — dazu unten mehr.

Dosierung

  • Üblich sind 5 bis 10 mg als Einzeldosis; bei älteren Menschen die Hälfte oder weniger.
  • Intravenös nur langsam injizieren — zu schnelle Gabe kann zu Atemdepression und Blutdruckabfall führen.
  • Intramuskulär ist Diazepam nicht sinnvoll: Die Resorption aus dem Muskel ist unzuverlässig und teils langsamer als nach oraler Gabe.
  • Als Rektiole bei Krampfanfällen, wenn kein Zugang vorhanden ist.

Diazepam als Maßstab: die Äquivalenzdosen

Weil Diazepam die Referenz ist, rechnet man andere Benzodiazepine in „Diazepam-Äquivalente“ um. Als grobe Orientierung:

Substanzentspricht etwa 10 mg Diazepam
Lorazepam1–2 mg
Oxazepam20–30 mg
Bromazepam5–6 mg
Alprazolam0,5–1 mg
Zopiclon7,5 mg
Zolpidem10 mg

Die ausführliche Tabelle mit allen Substanzen steht hier: Benzodiazepin-Äquivalenzdosierungen.

Abhängigkeit — und warum sie oft unbemerkt entsteht

Benzodiazepine machen abhängig, und zwar nicht nur in hohen Dosen. Die häufigste Form ist die Niedrigdosisabhängigkeit: Jemand nimmt über Jahre eine kleine, unveränderte Dosis, wird nicht „high“, steigert auch nicht — aber ohne das Medikament geht es nicht mehr. Genau deshalb fällt sie so lange nicht auf.

Als Faustregel für die Verordnung gilt die 4-K-Regel: klare Indikation, kleinste nötige Dosis, kurze Anwendung, kein abruptes Absetzen.

Absetzen: langsam, und nicht allein

Hier hat Diazepam einen echten Vorteil, der sonst sein Nachteil ist. Weil es so lange wirkt, fällt der Spiegel zwischen den Dosen kaum ab — und damit auch die Entzugssymptome. Bei kurzwirksamen Benzodiazepinen wie Lorazepam oder Alprazolam erlebt man dagegen zwischen den Einnahmen kleine Entzugswellen, die das Absetzen erschweren. Deshalb ist ein gebräuchliches Vorgehen, zunächst auf ein äquivalentes Diazepam umzustellen und dann von dort langsam zu reduzieren.

„Langsam“ heißt dabei wirklich langsam: Reduktionsschritte von etwa 10 bis 25 % alle zwei bis vier Wochen sind üblich, bei langjähriger Einnahme auch deutlich vorsichtiger. Am Ende werden die Schritte kleiner, nicht größer — die letzten Milligramm sind meist die schwersten.

Wichtig: Abruptes Absetzen nach längerer Einnahme kann Krampfanfälle und Delirien auslösen. Das ist kein theoretisches Risiko. Wer Benzodiazepine seit längerem nimmt, sollte das Absetzen ärztlich begleiten lassen und nicht auf eigene Faust versuchen.

Über die Frage, ob man dabeibleiben darf oder absetzen sollte, habe ich ein Video gemacht:

Nebenwirkungen und Warnhinweise

  • Müdigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, besonders bei Kumulation.
  • Sturzgefahr — die klinisch folgenreichste Nebenwirkung im Alter.
  • Atemdepression, vor allem in Kombination mit Alkohol, Opioiden oder anderen dämpfenden Substanzen. Diese Kombination ist die häufigste Ursache tödlicher Zwischenfälle.
  • Paradoxe Reaktionen mit Unruhe, Enthemmung oder Aggression — vor allem bei älteren Menschen und Kindern.
  • Fahrtüchtigkeit: In der Eingewöhnung und nach jeder Dosiserhöhung ist man nicht fahrtüchtig. Wegen der langen Wirkdauer gilt das auch noch am Morgen danach.
  • Schwangerschaft: kurz vor der Geburt Gefahr des „Floppy-Infant-Syndroms“ beim Neugeborenen.

Das Antidot bei Überdosierung ist Flumazenil — das aber nur zurückhaltend eingesetzt wird, weil es bei Abhängigen Krampfanfälle auslösen kann.

Mein Fazit

Diazepam ist ein gutes Medikament für wenige, klar umrissene Situationen: den Alkoholentzug, den Krampfanfall, die kurzfristige schwere Anspannung — und als Brücke beim Absetzen anderer Benzodiazepine. Als Dauermedikation ist es aus genau dem Grund ungeeignet, der es sonst nützlich macht: Es baut sich auf. Wer es täglich nimmt, merkt die Wirkung irgendwann nicht mehr als Wirkung, sondern nur noch als Gedächtnislücke und unsicheren Gang.

Verwandte Artikel: Lorazepam (Tavor) und Benzodiazepin-Äquivalenzdosierungen.

Benzodiazepine insgesamt behandele ich auch im Videokurs Psychopharmaka — dort in der Lektion zu den Tranquilizern, konziser und zum strukturierten Lernen aufbereitet, mit Video und Folien zum Mitnehmen.

Stand: 10.08.2026

Hinweis: Dieser Text dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Über Deine Medikation — und erst recht über das Absetzen — entscheidest Du gemeinsam mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.


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14 Gedanken zu “Diazepam (Valium): Wirkung, Dosierung, Nebenwirkungen”

  1. Pingback: Drops | Dienstarzt
  2. Seelenklempner 8. September 2014 / 08:22

    Prima Beitrag! Ich muss mich gelegentlich auch zügeln und mir der Phamakokinetik von Diazepam wieder klar werden. Wenn es Diazepam nicht als Lösung gebe, würde ich ausschließlich Oxazepam und Lorazepam einsetzen.

  3. Oliver S. 19. November 2014 / 21:10

    Ich hab das ganze nochmal grafisch aufbereitet. Auf der X-Achse sind die Stunden und immer wenn der Graph einen Zacken nach oben geht wird eine neue Tagesdosis eingenommen. Der Graph bildet Diazepam ab und man sieht, dass die Schwankung erst ab dem neunten Tag konstan bleiben:
    http://f.666kb.com/i/ctob763kc75gpddwa.gif

  4. V. 25. Januar 2015 / 01:40

    Nützlich, Danke.
    Auch für die Skalen von Oliver S., so behält man es noch besser im Kopf.

  5. Zaruba 11. Januar 2016 / 12:57

    Ich nehme auch 10 mg Gewacalm (5mg Abends und 5mg in der Frueh) und nunn verspuere ich duetlich die Kumulation.Ich versuche dzt.das Mittel nach Ashton-Tabelle auszuschleichen,ich moechte gerne wissen,wie ich der Kumulation entgegenwirken kann,den der morgen ist grauenhaft.Danke voraus fuer die Anrwort.Zaruba Ulrich

  6. Klaus Fischer 16. Juli 2017 / 20:16

    Wie lange würde es dauern, bis das Diazepam vollständig aus dem Körper raus ist, ach dem steady state, wenn man aufhört? Danke für die schnelle Beantwortung. Klaus.

  7. Dirk schepers 26. Dezember 2017 / 13:55

    Ich Konsumihre DIAZEPAM FAST regelmäßig und nach etwa 6 -8 Wochen braucht es bei mir, bis es im Urin nicht mehr nachweisbar ist. Das abberufen hängt vom Stoffwechsel bei jedem anderen ab. Dabei nehme ich so 40mg DIAZEPAM täglich. Es gibt also keine konkreten 100%irgen Richtwert, der auf jeden gleich zutrifft !

    • Oliver S. 26. Dezember 2017 / 15:13

      Es gibt tatsächlich Unterschiede im Abbau von Diazepam, aber die sind nicht groß. Diazepam hat eine Halbwertszeit von 48 bis 60 Stunden. Das mit den sechs bis acht Wochen kann also nicht sein.

      • Chris petz 9. Februar 2020 / 08:51

        Doch kann es wie bei mir auch bsp man ist in 3 tagen 50 dias a 10 mg bon ich auch teilweise länger wie acht Wochen POS beib extrm. Tolleranz

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