Welcher Medikamentenspiegel ist der richtige? Die Tabellen unten zeigen die therapeutischen Referenzbereiche und Halbwertszeiten der wichtigsten Psychopharmaka — nach den Konsensus-Leitlinien der TDM-Arbeitsgruppe (Hiemke et al., Update 2017). Gemessen wird in der Regel der Talspiegel im Steady State, also morgens vor der Einnahme und frühestens nach fünf Halbwertszeiten.
Therapeutische Referenzbereiche
Antidepressiva
| Medikament | Therapeutischer Referenzbereich | Halbwertszeit | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Citalopram | 50–110 ng/ml | 38–48 h | |
| Escitalopram | 15–80 ng/ml | 27–32 h | |
| Sertralin | 10–150 ng/ml | 22–36 h | |
| Venlafaxin + O-Desmethylvenlafaxin | 100–400 ng/ml | 14–18 h; 10–17 h (retardiert) | |
| Duloxetin | 30–120 ng/ml | 9–19 h | |
| Milnacipran | 100–150 ng/ml | 20–40 h | Eine 80-prozentige Besetzung der 5-HT- und NA-Transporter wird erst ab etwa 200 ng/ml erzielt |
| Mirtazapin | 30–80 ng/ml | 20–40 h | |
| Agomelatin | 7–300 ng/ml | 1–2 h | Wegen der kurzen Halbwertszeit wird der Maximalspiegel bestimmt |
| Amitriptylin + Nortriptylin | 80–200 ng/ml | 10–28 h; 18–44 h | |
| Moclobemid | 300–1000 ng/ml | 2–7 h |
Neuroleptika
| Medikament | Therapeutischer Referenzbereich | Halbwertszeit | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Haloperidol | 1–10 ng/ml | 12–36 h | |
| Risperidon + 9-Hydroxyrisperidon | 20–60 ng/ml | 2–4 h; 17–23 h | Ab 40 ng/ml erhöhte Nebenwirkungsrate |
| Olanzapin | 20–80 ng/ml | 30–60 h | |
| Aripiprazol | 100–350 ng/ml | 60–80 h | |
| Amisulprid | 100–320 ng/ml | 12–20 h | |
| Quetiapin + N-Desalkylquetiapin | 100–500 ng/ml; 100–250 ng/ml | 6–11 h; 10–13 h | Nach abendlicher Retardgabe sind die morgendlichen Spiegel doppelt so hoch wie die abendlichen Talspiegel |
| Ziprasidon | 50–200 ng/ml | 4–8 h | Ausreichende Blutspiegel nur bei Einnahme mit einer Mahlzeit |
| Sertindol | 50–100 ng/ml | 55–90 h | |
| Clozapin | 350–600 ng/ml | 12–16 h |
Phasenprophylaktika
| Medikament | Therapeutischer Referenzbereich | Halbwertszeit | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Lithium | Rezidivprophylaxe: 0,5–0,7 mmol/l Akute Manie: 0,7–1,2 mmol/l | 14–30 h | Abnahme morgens vor der Morgenmedikation, auch wenn die Hauptdosis abends gegeben wird |
| Valproinsäure | 50–100 µg/ml | 11–17 h | In der Behandlung der akuten Manie bis zu 120 µg/ml |
| Carbamazepin | 4–10 µg/ml | 10–20 h | Der aktive Metabolit Carbamazepin-10,11-epoxid vermittelt ebenfalls Wirkungen und Nebenwirkungen |
| Lamotrigin | 1–6 µg/ml | 14–104 h | Pharmakokinetische Wechselwirkungen mit Carbamazepin und Valproat |
Tranquilizer
| Medikament | Therapeutischer Referenzbereich | Halbwertszeit | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Diazepam + Metabolite | 100–2500 ng/ml | 4–103 h | |
| Lorazepam | 30–100 ng/ml | 12–16 h |
Substitution
| Medikament | Therapeutischer Referenzbereich | Halbwertszeit | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Methadon | 400–600 ng/ml | 24–48 h | Für nicht opiatgewöhnte Patienten gelten deutlich niedrigere Spiegel |
Stand: August 2026 · Grundlage: Hiemke et al., Konsensus-Leitlinien für Therapeutisches Drug Monitoring in der Neuropsychopharmakologie, Update 20171. Aufgeführt sind die Medikamente, die ich in meinem Buch behandele.
Wie ich das im Alltag anwende
Wann bestimme ich einen Spiegel?
Es gibt vier klassische Situationen:
- Wenn ich wissen möchte, ob der Patient sein Medikament überhaupt einnimmt — also mit der Frage, ob der Spiegel null ist.
- Wenn die erwartete Wirkung ausbleibt — also mit der Frage, ob der Spiegel zu niedrig ist.
- Wenn ungewöhnlich starke Nebenwirkungen auftreten — also mit der Frage, ob der Spiegel zu hoch ist.
- Bei Medikamenten mit einem engen therapeutischen Fenster wie Lithium — also mit der Frage, ob ich die richtige Dosis verordne.
Zu welchem Zeitpunkt messe ich?
In der Regel den Talspiegel im Steady State. Der Talspiegel ist der niedrigste Spiegel der Schwankung über den Tag; den Steady State erreicht ein Medikament ungefähr nach fünf Halbwertszeiten.
Ein Beispiel: Citalopram 10 mg morgens um 08:00. Citalopram hat eine Halbwertszeit von knapp zwei Tagen. Wenn ich am Montag, dem 1. Januar mit dieser Dosis anfange und der Patient danach jeden Morgen eine Tablette nimmt, ist der Steady State nach etwa zehn Tagen erreicht. Ein geeigneter Messtag wäre also Donnerstag, der 10. Januar — und zwar morgens um 07:55, unmittelbar vor der Tabletteneinnahme, im Abstand von knapp 24 Stunden zur letzten Dosis.
Es gibt Ausnahmen. Den Lithium-Spiegel bestimmt man üblicherweise morgens vor der Morgenmedikation, auch wenn die Hauptdosis abends verabreicht wird — die Referenzbereiche sind auf diese Praxis ausgerichtet. Und es gibt Medikamente mit so kurzer Halbwertszeit, dass der Talspiegel sehr niedrig ist, etwa Agomelatin oder ADHS-Therapeutika. Bei diesen misst man den Maximalspiegel eine Stunde nach der Einnahme; in der Praxis wird das aber selten gemacht.
Die Daumenregel für die Dosiskorrektur
Sehr vereinfacht: Bei vielen Psychopharmaka besteht ein halbwegs linearer Zusammenhang zwischen Dosis und Blutspiegel. Ist der Spiegel nur halb so hoch wie angestrebt, erwarte ich, die Dosis etwa verdoppeln zu müssen — natürlich in kleinen Schritten und mit zwischenzeitlichen Kontrollen. Bei Lithium funktioniert diese Regel oft ganz gut. Ist ein Spiegel doppelt so hoch wie angestrebt, lege ich zwei Halbwertszeiten Pause ein und taste mich danach an die Hälfte der früheren Dosis heran.
Warum der Blutspiegel besser passt als die Dosis
Sowohl als Arzt als auch als Patient hat man zunächst im Kopf, dass es einen Zusammenhang zwischen der Dosis eines Medikamentes und dessen Wirkungen und Nebenwirkungen gibt — und das ist auch richtig. Man kennt das vom Alkohol: Ein Glas Wein entspannt, fünf Gläser machen die Zunge schwer und den Gang unsicher.
Was aber viel besser mit Wirkungen und Nebenwirkungen zusammenhängt als die Dosis, ist der Blutspiegel — auch das kennt man vom Alkohol. Der schwere Bayer braucht mehr Gläser Bier, um auf 0,8 Promille zu kommen, die leichte Hamburgerin braucht weniger. Untersucht man beide nach drei Maß Bier, findet man sehr unterschiedliche Nebenwirkungen. Untersucht man beide bei 0,8 Promille, sind die Nebenwirkungen viel vergleichbarer. Deswegen gibt es in der Straßenverkehrsordnung auch keine Begrenzung der getrunkenen Menge, sondern Grenzen des erreichten Blutspiegels.
Bei Psychopharmaka ist dieser Effekt weit ausgeprägter als beim Alkohol. Es ist ohne Weiteres möglich, dass ein Patient bei der Standarddosis nur die Hälfte des üblichen Blutspiegels aufbaut und die erwünschte Wirkung ausbleibt — während ein anderer bei derselben Dosis das Doppelte erreicht und unter starken Nebenwirkungen leidet. Genau deshalb ist es sinnvoll, in bestimmten Situationen zu messen.
Was die Tabelle nicht leisten kann
Die Daumenregel zur Dosiskorrektur gilt nicht für alle Medikamente — und sie gilt nur in Monotherapie. Sobald ich mehrere Medikamente kombiniere, die eine pharmakokinetische Wechselwirkung eingehen, greift sie gerade nicht mehr. Gebe ich zum Beispiel ein Medikament, das den Abbau eines anderen bremst, kann eine Dosissteigerung um 10 % leicht zu einer Blutspiegelsteigerung von 50 % führen.
Und: Ein Spiegel im Referenzbereich ist kein Therapieziel. Behandelt wird der Patient, nicht der Laborwert. Der Referenzbereich sagt, wo die meisten Menschen von einem Medikament profitieren — nicht, dass dieser Patient dort profitieren muss.
Häufige Fragen zum Drug Monitoring (FAQ)
Wann nehme ich das Blut ab?
Morgens vor der Einnahme der Morgenmedikation (Talspiegel) und frühestens nach fünf Halbwertszeiten der Substanz (Steady State). Bei Citalopram sind das rund zehn Tage, bei Aripiprazol eher zwei Wochen.
Welcher Lithiumspiegel ist richtig?
In der Rezidivprophylaxe 0,5–0,7 mmol/l, in der Behandlung der akuten Manie 0,7–1,2 mmol/l. Lithium wird — anders als die meisten Psychopharmaka — in mmol/l angegeben, nicht in ng/ml.
Der Spiegel ist zu niedrig — wie viel erhöhe ich?
Näherungsweise proportional: halber Zielspiegel heißt ungefähr doppelte Dosis. In kleinen Schritten und mit Kontrollen dazwischen — und nur, solange keine pharmakokinetische Wechselwirkung im Spiel ist.
Warum steht bei Agomelatin ein so breiter Bereich?
Weil Agomelatin eine Halbwertszeit von ein bis zwei Stunden hat. Der Talspiegel wäre praktisch null, deshalb wird der Maximalspiegel eine Stunde nach Einnahme bestimmt — und der streut stark.
Hinweis: Diese Übersicht dient der Orientierung und ersetzt keine ärztliche Entscheidung im Einzelfall.
Copyright
Dieser Beitrag ist ein Auszug beziehungsweise eine auszugsweise Vorabveröffentlichung des Werks „Psychopharmakotherapie griffbereit“ von Dr. Jan Dreher, © Georg Thieme Verlag KG. Die ausschließlichen Nutzungsrechte liegen beim Verlag. Bitte wenden Sie sich an permissions@thieme.de, sofern Sie den Beitrag weiterverwenden möchten.
- Hiemke C, Bergemann N, Clement HW, Conca A, Deckert J, Domschke K, et al. Consensus Guidelines for Therapeutic Drug Monitoring in Neuropsychopharmacology: Update 2017. Pharmacopsychiatry 2018; 51: 9–62. Volltext ↩︎
- Hefner G, Laux G, Baumann P, Bergemann N. Konsensus-Leitlinien für therapeutisches Drug-Monitoring in der Neuropsychopharmakologie: Update 2017. Psychopharmakotherapie 2018; 25: 92–140. (deutsche Zusammenfassung, Volltext nur mit Abonnement) ↩︎
Meine anderen Umrechnungstabellen: Antidepressiva · Neuroleptika · Benzodiazepine · Opioide · Depot-Neuroleptika · Kontrolluntersuchungen
Mehr von Dr. Jan Dreher
Alle meine Beiträge nach der Systematik meines Buches sortiert findest Du unter Psychiatrie nach Themen. Auf meinem YouTube-Kanal erkläre ich Psychiatrie und Psychopharmakologie in über 350 Videos. Wenn Du Dein Wissen vertiefen möchtest, schau Dir meine Videokurse an. Mein Buch Psychopharmakotherapie griffbereit ist das Nachschlagewerk für die tägliche Praxis.
Zuletzt aktualisiert: 7. August 2026
Entdecke mehr von PsychCast | Dr. Jan Dreher
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
Guten Abend,
ich habe eine Verständnissfrage aus Eigeninteresse.
Wieso ist der Referenzbereich von Aripiprazol so variabel?
laut der Grafik img.medscapestatic.com/slide/migrated/editorial/cmecircle/2005/4217/images/slide008.gif
reicht doch 100ng/ml aus um 80% der Rezeptoren zu blockieren. Laut Aderhold reichen doch 50-70% für ein therapeutisches Fenster aus.
Hat dies etwas zu tun mit der partialantagonistischen Wirkung?
Also bildlich, pi mal daumen, die doppelte Dosis braucht?
Wäre es nicht sinnvoller zwei Dosen/D zu nehmen um den Peak zu verringern?
Mich hat das Zeug ziemlich müde und unkonzentriert gemacht wenn der Peak kam. Da musste ich gähnen und konnte längeren Gesprächen nicht mehr ganz so folgen wie normal.
Ja, 80 % D2-Blockade sind eigentlich optimal, und nach dem von Dir verlinkten Bild reichen dafür 10 mg Aripiprazol, die zu einem Spiegel von 100 ng/ml führen. An diesem Bild steht allerdings Cmax, was für einen Maximalspiegel sprechen würde. Hast Du die vollständige Publikation, aus der dieses Bild ist? Dann könnte ich versuchen, zu verstehen, ob hier für eine Bindungsstudie ein anders gemeinter Blutspiegel verwendet wurde.
Aber zu den weiten Bereichen der Therapeutischen Jeder Mensch ist eben doch anders und der eine braucht einen etwas höheren Spiegel, der andere einen etwas niedrigeren. es gibt nicht einen optimalen Wert für alle…
die grafik ist auch diesem portal.
https://www.medscape.org/viewarticle/506680
leider ist es keine studie sondern ein interview.
das einzige was ich aus der grafik herausfischen konnte ist
yokoi neuropsychopharm 27:248-259 2002
leider weiß ich nicht wo ich die studie finden kann, obwohl ich ein student bin/war. 🙁
Nehme das Quetiapin retard morgens und abends was mir lieber ist als einmal täglich. Mann muss bei der Einnahme beachten, dass man eine stunde lang danach nichts isst, weil sonst die Retardwirkung beeinflusst werden kann.
Hm. Wir haben das bisher fast gar nicht gemacht… (Jugendakutstation). Schon gar nicht so detailliert zeitlich durchdacht. Das ist vielleicht peinlich! Damit werde ich ab sofort meine ärztlichen Kollegen in Dauerschleife nerven.
Man muss nur mal die Beipackzettel durchlesen, da steht das alles drin.
liegt man knapp unter dem therapeutischen Spiegel (Citalopram – Wert 41..; empfohlen zwischen 50 – 110). Hat man dann gar keine Wirkung oder eine leichte Wirkung?
bzw. überwiegen da die Nebenwirkungen mehr als die Wirkung oder kann man das so plausibel nicht sagen?
Ich nehme schon 40mg Citalopram u. laut meiner Psychiaterin kann man pro Tag nicht höher gehen, auch wenn der Medikamentenspiegel etwas anderes sagt- stimmt das?
ach ja, nehme es für schlimme Panikstörung…
Meine Frage geht in die ähnliche Rchtung wie die von Christina:
Ich habe gegen meine Depression 30mg/d Duloxitin verordnet bekommen. Bei der Reha wurde ein Duloxitin-Spiegel von 14 ng/dl gemessen. Dies wurde zwar als zu niedrig angemerkt, aber es gab keine Konsequenzen.
Was soll das jetzt heißen? Ist die Dosis zu gering? Wirkt das jetzt überhaupt nicht? -Wie ist das Verhältnis zu Nebenwirkungen?
Mein Psychater hat den Wirkstoffspiegel noch nie gemessen, -auch nicht, als ich früher noch Citalopram bekommen habe.
Hallo!
Meine Frage zielt in die gleiche Richtung. Mein Blutspiegel wurde gemessen und liegt nur bei 1/3 des unteren therapeutischen Referenzbereichs. Da es mir (wieder) gut geht, gibt es keinen Grund, die Dosis zu erhöhen.
Ich zweifle jetzt, ob es überhaupt eine relevante Wirkung durch das Medikament gibt (Escitalopram). Zu Beginn der Medikation hatte ich def. eine stabilisierende Wirkung. Kann sich das im Verlauf der Einnahme verändern? (10 Monate)
Seit einigen Tagen schleiche ich die Einnahme aus, da ich es sinnfrei finde, ein Medikament zu nehmen, das mein Körper nahezu komplett verstoffwechselt. Oder kann es sein, dass eine geringere Wirkstoffmenge bereits gut wirkt? Oder anders – wie aussagekräftig ist der Blutspiegel in Hinblick auf die Wirkweise im Hirnstoffwechsel? Es könnte ja genausogut sein, dass alle anderen therapeutischen Maßnahmen im Verlauf des letzten Jahres zur gesundheitlichen Verbesserung beigetragen haben und weniger medikamentös beinflusst waren, oder? Danke für eine kurze Rückmeldung =-) der Eintrag ist ja schon etwas älter.