Die Frage nach Suizidalität gehört zu den häufigsten und zugleich unangenehmsten Aufgaben im ärztlichen Alltag. Sie wird oft vermieden, weil man fürchtet, etwas auszulösen — und das Gegenteil ist der Fall: Nachfragen entlastet, und es ist die einzige Möglichkeit, eine Gefahr überhaupt einzuschätzen.
Am hilfreichsten finde ich dafür ein Stadienmodell. Es ordnet Suizidalität nicht in „vorhanden oder nicht“, sondern in vier Stufen — und aus jeder Stufe leitet sich eine andere Konsequenz ab.
Das Stadienmodell der Suizidalität
| Stadium | Wonach ich frage | Wie Patienten antworten | Was daraus folgt |
|---|---|---|---|
| Erwägung | „Haben Sie in letzter Zeit daran gedacht, sich etwas anzutun?“ | „Wenn ich tot wäre, wären alle meine Probleme gelöst.“ | Eine ambulante Behandlung kann in Betracht kommen. Entscheidend ist das Unterstützungssystem — Familie, Partner, Freunde. |
| Ambivalenz | „Gab es Situationen, in denen Sie für sich entschieden hatten: Jetzt bringe ich mich um — und dann wieder andere Momente, in denen Sie entschieden waren, es nicht zu tun?“ | „Manchmal will ich mich umbringen, manchmal nicht.“ | Am ehesten stationäre psychiatrische Behandlung. Eine offene Station ist gut vorstellbar. |
| Planung | „Haben Sie eine konkrete Planung, wie Sie sich umbringen könnten? Haben Sie schon etwas unternommen, um das vorzubereiten?“ | „Ich habe mir die Brücke schon mal angesehen, die wäre wohl hoch genug.“ | Hier ist zwischen gedanklicher Planung und Planung auf der Handlungsebene zu unterscheiden. Am ehesten geschützte Station; ein PsychKG ist möglich. |
| Entschluss | „Sind Sie jetzt entschieden, sich umzubringen?“ | „Jetzt tue ich es.“ | Dieses Stadium dauert oft nur 30 Minuten bis zwei Stunden und geht in die Suizidhandlung über. Hier wird gehandelt, nicht mehr abgewogen. |
Der letzte Punkt ist der wichtigste und wird am häufigsten unterschätzt: Der Entschluss ist ein kurzes Zeitfenster. Genau deshalb trägt jede Maßnahme, die diese Minuten überbrückt — jemanden dabeibleiben lassen, Mittel entfernen, Zeit gewinnen. Und deshalb ist die Frage nach dem Stadium praktisch brauchbarer als jeder Risikoscore.
Wie man fragt
- Ruhe ausstrahlen. Je unruhiger der Patient, desto ruhiger dürfen die Behandelnden sein. Nach Möglichkeit auf einem Punkt stehen bleiben.
- Einfach bleiben. Langsam sprechen, kurze Sätze, alles wiederholen.
- Direkt fragen. Andeutungen helfen niemandem. Die Frage klar zu stellen, ist kein Risiko — die vermiedene Frage ist eines.
- Sicherheit zuerst. Potenziell gefährliche Situationen nicht allein einschätzen.
Und dann?
Drei Dinge, die im Dienst wirklich zählen: Nicht allein entscheiden, wenn die Lage unklar ist — einen zweiten Kopf dazuholen kostet nichts. Konkret dokumentieren, was der Patient gesagt hat, nicht nur die Einschätzung; das trägt später fachlich wie rechtlich. Und die Angehörigen mitdenken: Wer ist heute Nacht bei diesem Menschen?
Für das ärztliche Zeugnis nach PsychKG braucht es vier Dinge: eine gegenwärtige Krankheit, eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung, konkrete Beobachtungen und Tatsachen statt Bewertungen — und eine erhebliche Gefahr.
Zum Ansehen und Hören
Mit Mira Knauf und dem Team von DocCheck habe ich über genau dieses Thema gesprochen. Im sechsminütigen Video erkläre ich das Stadienmodell und nenne Beispiele für konkrete Fragen: Suizidalität — wie fragt der Arzt richtig nach?
Etwas ausführlicher geht es im DocCheck-Podcast „Auskultiert“: Risikofaktor: männlich, alt
Stand: 10.08.2026
Diese Darstellung richtet sich an Behandler. Betroffenen kann an dieser Stelle nicht geholfen werden. Schnelle, anonyme und kompetente Hilfe findest Du aber unter der kostenfreien Rufnummer der Telefonseelsorge 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222. Die Deutsche Depressionshilfe erreichst Du unter 0800 / 33 44 533.
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Wenn man nur Suizid-Gedanken hat die einen emotional entlasten sollen und keiner echten Planung dienen, dann sollte man Suzidgedanken ggü. dem Psychiater in der Klinik verneinen. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass der Psychiater einen im Zweifel nämlich mutwillig falsch versteht und einen erstmal dann auf Verdacht in der Geschlossenen einschließt.
Na und?
Wenn es sich „lediglich“ um Suizidgedanken ohne Handlungsrelevanz handelt, wenn man sich also klar von Handlungsplänen und Handlungsdruck distanzieren kann, und man absprachefähig erscheint, sollte eine Behandlung auf einer geschützten Station nicht notwendig sein. Man kann natürlich an einen Arzt geraten, der vielleicht wenig Erfahrung hat und der lieber auf Nummer Sicher gehen will. Letztlich ist der Arzt in seiner Einschätzung der Gefährdungssituation aber davon abhängig, was der Patient ihm mitteilt. Niemand kann seinem Gegenüber in den Kopf gucken. Ich sehe Ihren Beitrag kritisch, da in diesem ein wenig offener Umgang mit den behandelnden Ärzten suggeriert wird.
Ich kenne diesen Fragenkatalog schon lange.
Auf Fragen meines Psychotherapeuten in diese Richtung (wenn er z.B. gesehen hat, dass ich mich sehr depressiv fühle), habe ich immer nur gesagt „Ich will nicht in die Psychiatrie“ und habe jegliche Auskünfte zu dem Thema verweigert.
Die hier empfohlenen Handlungen laufen ja alle in Richtung stationäre Psychiatrie, und meine zwei Aufenthalte dort waren suizidalitätsfördernd, beides Mal ist es mir nachher schlechter gegangen als vorher. Ich mache den Fehler in eine Psychiatrie zu gehen, nicht zum dritten Mal und ich sehe mich vor, dass ich auch nicht zwangsweise dahin geschafft werde. Es hätte ja auch keinen Sinn, denn wie bereits geschrieben, ich sehe Psychiatrieaufenthalt als suizidalitätsfördernd an.
Ist es hilfreich gegen Suizidalität, in die JVA gesteckt zu werden? Definitiv nicht.
Also, wieso dann in die Psychiatrie? Auch da wird man in eine totale Institution und in ein totalitäres System gesteckt.
Und Psychiatrie ist schlimmer als Knast. Die Liste der Gründe dafür ist lang.
Über einige davon schreibe ich hier. https://www.facebook.com/schutzvor.zwang/posts/2049457865281202