Amitriptylin: Wirkung, Dosierung, Nebenwirkungen

Amitriptylin ist eines der ältesten und bekanntesten Antidepressiva – und gleichzeitig ein Wirkstoff, dessen Einsatzgebiet sich über die Jahrzehnte komplett verschoben hat. Früher ein Standard gegen Depressionen, ist es heute vor allem in der Schmerztherapie zu Hause. In diesem Beitrag fasse ich zusammen, was man als Behandler – und als informierter Patient – über Amitriptylin wissen sollte.

Was ist Amitriptylin?

Amitriptylin ist ein trizyklisches Antidepressivum (TZA), das seit Anfang der 1960er-Jahre auf dem Markt ist – in Deutschland vor allem unter dem Handelsnamen Saroten. Nach Imipramin war es das zweite Trizyklikum überhaupt und galt damals als großer Fortschritt in der Behandlung der Depression. Über viele Jahre wurde es in hohen Dosierungen von 150–300 mg verordnet, was allerdings mit ausgeprägten Nebenwirkungen einherging.

Wie wirkt Amitriptylin?

Amitriptylin hemmt die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin und verstärkt so deren Wirkung – der aktive Metabolit Nortriptylin wirkt dabei überwiegend noradrenerg. Darüber hinaus blockiert der Wirkstoff eine Reihe weiterer Rezeptoren, was sein typisches Nebenwirkungsprofil erklärt: die Blockade von Histamin-H1-Rezeptoren macht müde und kann zu Gewichtszunahme führen, die anticholinerge (muskarinerge) Wirkung verursacht Mundtrockenheit, Verstopfung und Harnverhalt, und die Blockade von α1-Adrenozeptoren begünstigt einen Blutdruckabfall beim Aufstehen. Die zusätzliche Blockade kardialer Natriumkanäle ist der Grund, warum Amitriptylin in Überdosierung gefährlich werden kann.

Für die Schmerztherapie wichtig: Die schmerzlindernde Wirkung ist von der antidepressiven unabhängig, tritt schon bei niedriger Dosis ein und beruht vor allem auf der Verstärkung körpereigener, schmerzhemmender Bahnen.

Wann wird Amitriptylin eingesetzt?

Das Einsatzgebiet hat sich klar verschoben – weg von der Depression, hin zum chronischen Schmerz:

  • Chronische Schmerzen: fester Stellenwert, vor allem als Ergänzung zu einem SSNRI; in der Cochrane-Netzwerk-Metaanalyse (2023) besonders gut für Schlaf, Lebensqualität und Fatigue.
  • Fibromyalgie: gut belegte, klinisch relevante Schmerzreduktion – eine sinnvolle First-line-Option.
  • Neuropathische Schmerzen: First-line-Empfehlung mit guter Wirksamkeit (NNT um 4).
  • Reizdarmsyndrom (IBS): niedrig dosiert wirksam (ATLANTIS-Studie, Lancet 2023); in den NICE-Leitlinien als Second-line empfohlen.
  • Schlafstörungen: wegen der dämpfenden Wirkung gelegentlich einsetzbar.
  • Depression: als alleiniges Mittel heute nicht mehr erste Wahl – wenn überhaupt, dann als Add-on zu einem SS(N)RI.

Dosierung

In der Schmerztherapie sind niedrige Dosierungen die Regel und meist gut verträglich. Bewährt hat sich: niedrig starten (10–25 mg), langsam steigern (oft genügen 25–50 mg), abends einnehmen – am besten zwei bis drei Stunden vor dem Schlafengehen, sonst droht ein morgendlicher „Hangover“. Dosierungen über 100 mg sind in der Schmerztherapie selten nötig und meist zu nebenwirkungsreich. Bei kardialem Risiko und bei älteren Menschen sollte vor der Aufdosierung ein EKG geschrieben werden.

Nebenwirkungen

Typisch sind Müdigkeit, Mundtrockenheit, Gewichtszunahme, Verstopfung, Harnverhalt, Schwitzen und Blutdruckabfall beim Aufstehen. Wegen der anticholinergen Wirkung ist bei älteren Menschen Vorsicht geboten – Amitriptylin steht auf der PRISCUS-Liste der für Ältere potenziell ungeeigneten Medikamente (Delir-, Sturz- und Frakturrisiko). Relative Gegenanzeigen sind unter anderem ein Engwinkelglaukom, eine Prostatavergrößerung mit Harnverhalt sowie kardiale Reizleitungsstörungen; mit MAO-Hemmern darf es nicht kombiniert werden.

Überdosierung – ausführlich im Videokurs

Weil Amitriptylin in Überdosierung kardiotoxisch ist, ist das Erkennen und Behandeln einer Intoxikation klinisch besonders wichtig. Diesen ausführlichen Abschnitt – anticholinerges Toxidrom, EKG-Veränderungen (QRS-Verbreiterung, terminale R-Zacke in aVR), Letalität und das konkrete Management – behandle ich gezielt für ärztliches Publikum im Videokurs Psychopharmaka. Dort geht es deutlich tiefer als im YouTube-Video.

Mein persönliches Fazit

Als Antidepressivum ist Amitriptylin heute weitgehend „out“ – dafür gibt es besser verträgliche Alternativen. Sein fester Platz liegt in der Schmerztherapie: Bei chronischen Schmerzen, Fibromyalgie, neuropathischen Schmerzen und beim Reizdarmsyndrom ist niedrig dosiertes Amitriptylin (häufig um die 50 mg, gern in Kombination mit einem SSNRI) bewährt, wirksam und meist gut verträglich. Gelegentlich nutze ich es zur leichten Sedierung oder als Schlafhilfe – für die agitierte Depression ist es mir aber meist schon zu stark anticholinerg.


Das ganze Thema – inklusive Rezeptorbindungsprofil, Studienlage und Dosierung – erkläre ich ausführlich im Video: https://youtu.be/Dh0IUQXDgOM

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Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.

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