Lithium ist der Goldstandard in der Behandlung bipolarer Störungen, es ist aber manchmal aufgrund von Nebenwirkungen, manchmal aufgrund von mangelnder Wirkung nicht für jeden geeignet. Auch Valproat hat seine Einschränkungen, so kann man es Frauen im gebärfähigen Alter nur unter sehr hohen Sicherheitsmaßnahmen verordnen, da es wirklich fruchtschädigend ist; praktisch kommt Valproat eigentlich nur für Männer in Frage.
Hier kommt Lamotrigin ins Spiel: Für die Verhinderung von depressiven Phasen im Rahmen einer bipolaren Störung ist es gut verträglich und evidenzbasiert wirksam. Weniger stark ist es in der Verhinderung von manischen Episoden.
In diesem Artikel erkläre ich dir, was du über Lamotrigin wissen solltest — wie es wirkt, wann es eingesetzt wird, welche Nebenwirkungen wichtig sind und worauf bei der Dosierung zu achten ist. Ich habe auch ein Video zu Lamotrigen erstellt, das findest Du hier:
Was ist Lamotrigin?
Lamotrigin (z.B. Lamictal®, Elmendos®, Lamotrigin AbZ®, Lamotrigin Heumann®, Lamotrigin-1A Pharma®) ist ursprünglich ein Antiepileptikum aus den 1990er Jahren. In der Psychiatrie hat es sich seitdem einen festen Platz erobert — vor allem in der Phasenprophylaxe der bipolaren Störung. Es gehört nicht zu den Antidepressiva im klassischen Sinn, wirkt aber stabilisierend gegen depressive Episoden bei bipolar erkrankten Patienten.
Wie wirkt Lamotrigin?
Der genaue Wirkmechanismus ist nicht vollständig geklärt. Lamotrigin blockiert spannungsabhängige Natriumkanäle und dämpft dadurch die Freisetzung erregender Neurotransmitter wie Glutamat. Das stabilisiert übererregbare Nervenzellen — und genau dieser Effekt scheint auch erklären zu können, warum Lamotrigin die Stimmung über einen längeren Zeitraum hinweg stabilisiert, ohne sedierend oder antriebsdämpfend zu wirken.
Wann wird Lamotrigin eingesetzt?
Die wichtigste psychiatrische Indikation ist die Phasenprophylaxe der bipolaren Störung — insbesondere dann, wenn depressive Episoden überwiegen. Lithium und Valproat schützen besser vor manischen Phasen; Lamotrigin zeigt seine Stärke auf der depressiven Seite. Genau diese Lücke füllt es im therapeutischen Werkzeugkasten.
Daneben hat Lamotrigin natürlich seine ursprünglichen Indikationen in der Neurologie — als Antiepileptikum bei fokalen und generalisierten Anfällen. Off-Label wird es manchmal auch bei Borderline-Persönlichkeitsstörung oder schweren therapieresistenten Depressionen eingesetzt, allerdings ist die Datenlage hier weniger eindeutig.
Dosierung von Lamotrigin
Die Dosierung von Lamotrigin ist nicht trivial — und der Grund dafür ist das Hautrisiko (dazu gleich mehr). Die langsame Eindosierung ist nicht optional, sondern Pflicht:
- Woche 1–2: 25 mg täglich
- Woche 3–4: 50 mg täglich
- Ab Woche 5: Steigerung in 50-mg-Schritten alle ein bis zwei Wochen
- Zieldosis: meist 100–200 mg täglich (Phasenprophylaxe), in der Neurologie auch höher
Wichtig: Bei gleichzeitiger Einnahme von Valproat muss die Dosis halbiert werden, weil Valproat den Abbau von Lamotrigin hemmt und die Spiegel deutlich ansteigen. Umgekehrt beschleunigen enzyminduzierende Antiepileptika (Carbamazepin, Phenytoin) den Abbau — hier muss höher dosiert werden.
Nebenwirkungen von Lamotrigin
Die mit Abstand wichtigste Nebenwirkung, die jeder Patient unter Lamotrigin kennen muss, ist das Stevens-Johnson-Syndrom. Es ist selten, kann aber lebensbedrohlich verlaufen. Typisch ist ein Hautausschlag, der sich in den ersten acht Wochen nach Beginn der Therapie zeigt — oft beginnend im Gesicht oder am Stamm, mit Blasenbildung und Schleimhautbeteiligung. Jeder Hautausschlag unter Lamotrigin ist ein Notfall, bis das Gegenteil bewiesen ist: Medikament sofort absetzen und Vorstellung beim Arzt.
Genau aus diesem Grund die langsame Eindosierung: Studien zeigen, dass das Risiko für schwere Hautreaktionen drastisch sinkt, wenn die Dosis sanft hochgefahren wird.
Davon abgesehen ist Lamotrigin meist erstaunlich gut verträglich. Häufiger sind milde Nebenwirkungen wie:
- Kopfschmerzen
- Müdigkeit oder umgekehrt Schlafstörungen
- Schwindel
- Doppeltsehen, Sehstörungen
- Übelkeit zu Beginn
Viele dieser Beschwerden klingen nach den ersten Wochen ab. Lamotrigin macht in der Regel nicht müde, nicht sediert und führt nicht zu Gewichtszunahme — drei Eigenschaften, die viele Patienten zu schätzen wissen.
Wirksamkeit
Die Studienlage zur Phasenprophylaxe ist solide. Lamotrigin schützt nachweislich vor neuen depressiven Episoden bei Patienten mit bipolarer Störung. Bei manischen Phasen ist es deutlich schwächer als Lithium oder Valproat — wer also primär mit manischen Episoden zu kämpfen hat, ist mit anderen Substanzen besser bedient. Wer dagegen die depressive Seite der bipolaren Störung mit langen, schweren Tiefs erlebt, profitiert oft sehr.
Als Akutbehandlung einer bipolaren Depression ist Lamotrigin weniger geeignet — der Wirkungseintritt ist zu langsam, weil man wegen des Hautrisikos so langsam eindosieren muss. In der Akuttherapie sind andere Substanzen schneller. Aber als langfristige Stabilisierung ist Lamotrigin eine der wertvollsten Optionen, die wir haben.
Sinnvolle Kontrolluntersuchungen
Routinemäßige Spiegelkontrollen sind anders als bei Lithium oder Valproat nicht erforderlich. Auch eine regelmäßige Laborkontrolle ist nicht vorgeschrieben. Was zählt, ist die klinische Beobachtung:
- In den ersten acht Wochen besonders aufmerksam auf Hautveränderungen achten
- Bei Kombination mit Valproat: Dosisanpassung mitdenken
- Bei deutlich verändertem Bedarf (zum Beispiel hormonelle Verhütung gestartet oder beendet) kann eine Spiegelkontrolle helfen
Mein persönliches Fazit
Lamotrigin hat einen festen Stellenwert in der Behandlung der bipolaren Störung. Wenn Lithium und Valproat nicht einsetzbar sind (fehlende Wirkung/ schlechte Verträglichkeit) und depressive Episoden weitgehend im Vordergrund stehen, denke ich an Lamotrigin. Die langsame Eindosierung verlangt etwas Geduld, kann sich langfristig aber auszahlen, wenn es den Menschen langfristig stabil hält, ohne relevante Müdigkeit oder Gewichtszunahme.
Wenn du tiefer einsteigen möchtest: Im Video oben gehe ich Schritt für Schritt durch alle relevanten Punkte — inklusive Patientengeschichte, Hörerinnen-Fragen und meinem ausführlichen klinischen Fazit. Mehr Hintergrund zur bipolaren Störung findest du im Artikel zur Behandlung der bipolaren Störung, und einen Vergleich zu Lithium gibt es im Lithium-Hub.
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