Es gibt ein Antidepressivum, das in den USA fast jeder Psychiater zum Schlafen verordnet – und das bei uns kaum jemand auf dem Schirm hat: Trazodon. Es macht nicht abhängig, führt nicht zu Gewichtszunahme und stört die Sexualität nicht. Aber es hat eine seltene Nebenwirkung, wegen der manche Patient:innen es nur halb im Scherz „Trazobone“ nennen. Im Video oben gehe ich das ausführlich durch – hier die Kurzfassung zum Nachlesen.
Die Kernpunkte
- Wirkprofil: SARI (Serotonin-Antagonist und Reuptake-Inhibitor). In niedriger Dosis blockiert Trazodon vor allem 5-HT2A-, H1- und α1-Rezeptoren = sedierend, schlafanstoßend; in höherer Dosis kommt eine Serotonin-Wiederaufnahmehemmung hinzu = antidepressiv. Halbwertszeit ca. 5–9 Stunden, kaum anticholinerge Last.
- Indikationen: zugelassen bei depressiven Erkrankungen (mit und ohne Angst); off-label häufig bei Insomnie – besonders, wenn ohnehin eine Depression oder Angststörung mitbehandelt wird.
- Dosierung: Schlaf 25–100 mg zur Nacht (einschleichend), Depression 150–300 mg retardiert; laut Fachinfo ambulant bis 400 mg, stationär bis 600 mg/Tag.
- Die drei Pluspunkte: kein Abhängigkeitspotenzial, gewichtsneutral, keine sexuellen Funktionsstörungen (anders als unter SSRI) – zusätzlich verbessert es die Schlafarchitektur (mehr Tiefschlaf).
- Nebenwirkungen: Sedierung/Überhang, orthostatische Hypotonie (α1) mit Sturzgefahr bei älteren Patient:innen, Mundtrockenheit, geringes QT-Risiko. Selten Priapismus (~1:1.000–1:10.000): eine Dauererektion über 2 Stunden ohne Anlass gehört sofort in die Notaufnahme.
Merke: Schlafmittel bei niedriger Dosis, Antidepressivum bei hoher Dosis – ein unterschätztes, elegantes Mittel, besonders wenn Schlafstörung und Depression zusammenkommen.
Alle Folien zum Nachschlagen findest du in der begleitenden Präsentation: Zur Präsentation.
Trazodon behandele ich auch im Videokurs Psychopharmaka — dort konziser und zum strukturierten Lernen aufbereitet, mit Video und Folien zum Mitnehmen.
Entdecke mehr von PsychCast | Dr. Jan Dreher
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
Vielen Dank für den Artikel! Habe es gerade auch wieder eingesetzt bei einer Pat. – Hätte ich es nicht bei einem älteren Fachkollegen kennengelernt vor Jahren, hätte ich es sicher nicht “ auf dem Schirm“ gehabt. Dass es in den USA häufiger verwendet wird, wusste ich nicht. Der Artikel bestätigt für mich den Einsatz, und gerade bei Frauen fällt ja der Priapismus weg.